Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1F= °o( o \jü □ □□□□□ 0° . DIe^elt.......... ■— FEUILLETON No. o~ □ □□□□cHlO o --- V o DER LETZTE WILLE von David Rothblum (Schluß) Obwohl ich Tochter eines orthodoxen Juden war, kannte ich vom Judentum lediglich die Äußerlichkeiten. In die Geschichte des Volkes ward ich nie eingeweiht, dessen Vergangenheit war mir fremd, über dessen Zukunft machte ich mir keine Gedanken, dessen Moral war mir kaum aus nichtjüdischen Quellen bekannt. Hier und da ward ich zu irgend einem Brauch gezwungen, von dem ich Sinn und Bedeutung nicht verstand. Ich habe weder in der Nation, noch in der Religion einen Halt gehabt. Tragikomisch ist's, daß ich das Wenige, das ich über das Judentum weiß, mir an einem Orte zu eigen machte, von dem man es am allerwenigsten erwarten konnte und von dem noch im Laufe meiner Erzählung die Rede sein soll. Da kam eines Tages der Vater in mein Zimmer und sagte mir schlicht und einfach mit einem Lächeln auf den Lippen: „Mein Kind, morgen wirst du Braut." Ich kann mich an diesen Tag genau erinnern. Es war ein Maienabend. Das Fenster des Zimmers war sperrangelweit offen, würzige Luft strömte herein, durchdrungen vom Rosenduft unseres Gartens. Der Lärm des Städtchens tönte bis an mein Ohr. Es ist dies ein aus tausend Stimmen zusammengesetzter Ton, den man so oft in Italien, im Lande des großen Lärmens, hören kann. Ich stand am Fenster und träumte in den Abend hinein. Da kam der Vater leise hereingeschlichen und sagte lächelnd: „Mein Kind, morgen wirst du Braut." Ich fragte erschreckt: „Mit siebzehn Jahren?" — „Das ist das schönste Alter", sagte er beschwichtigend. Ich schwieg verzweifelt. Mein Vater fügte hinzu: — „Dein Bräutigam ist schön wie der Tag. Er ist gottesfürchtig und gelehrt." Er verließ hierauf mein Zimmer. Ich ging zu meiner Mutter und fand sie in Tränen aufgelöst. Sie mochte wohl damals eine Wiederholung ihres Lebens- und Leidensganges im Schicksale ihrer Tochter erblickt haben. Am nächsten Tage wurde die Verlobung gefeiert. Soviel ich mich heute erinnern kann, war mein Bräutigam ein zarter, blasser Jüngling, der unbeholfen und ganz unglücklich an der Seite meines Vaters saß. Nach Beendigung der religiösen Feier wurde er zu mir, die ich im Frauenzimmer der Mittelpunkt aller Betrachtungen war, geführt, und er stammelte zu mir (das Wort haftet mir tief im Gedächtnis): Masl tow Kaie! Von diesem Tage an verwandelte sich mir das Elternhaus in einen Kerken Der Vater bewachte mich mit Argusaugen, ich durfte keine Besuche machen und sollte mich ausschließlich den häuslichen Arbeiten widmen. Traurig und trübselig gingen die Tage an mir vorüber. In den vielen Mußestunden, in den endlosen Abenden konnte ich über mein Unglück nachdenke!!. Im voraus war es mir klar: Diesen Mann kann ich nicht heiraten. Ich kann mich diesem Menschen nicht vermählen, mit dem ich nicht einen einzigen Ideenkreis gemeinschaftlich habe. Was soll ich an du- Seite eines Knaben, eines Kindes, das das Leben niclu kennt, dem ich vielleicht das erste weibliche Wesen bin, das er überhaupt angeschaut? Wie Sollen wir nebeneinander schreiten ein Leben lang, ein ganzes Leben lang? Das war nicht zum Ausdenken. Mit meiner Mutter sprach ich über mein Schicksal kein Wort. Denn so oft ich es tun wollte, kamen ihr die Tränen strömend aus den Augen. Als der Tag der Vermählung näher gerückt ka ü und ich keinen Ausweg aus meiner Verzweiflung sah, faßte ich einen tollkühnen Entschluß. Ich ging zur Mutter meines Verlobten und teihe ihr in trockenen Worten mit, daß ich ihren Sohn nicht liebe, ihn nie lieben könne. Und da ich nicht sich r war, daß mein Wort genügenden Eindruck mach \ fügte ich noch hinzu, daß ich im Qegenteil eine Empfindung des Hasses gegen ihn nicht los werden kann. Die gute alte Frau erschrak ob der gottlosen Beichte und bedauerte in warmen Worten mein Schicksc i. Der Erfolg dieses Besuches blieb nicht aus. IK* Eltern meines Bräutigams lösten das Verhältnis, Ich war frei. Das war aber eine traurige Freiheit. Mein Vater, der alles erfahren hatte, wütete. Er donnerte täglich die arme Mutter an, daß sie das Unglück seines Hauses verschuldet habe, und daß jetzt die Leute mit Fingern auf ihn weisen. Er geriet eines Tages in solchen Zorn, daß er sich an mir vergriff und mich schlug. Das waren die elendsten Tage meines Lebens. Ich mag nicht lange bei deren Schilderung verweilen.. Ein halbes Jahr war um. Noch zitterten die Ereignisse in meiner Seele. Da kam mein Bruder /u mir ins Zimmer und brachte mir eine geheimnisvolle Botschaft: Morgen werdemeinezweiteVerlobunggefeierl. Trotz meines üblen Leumundes in der Stadt habe sich ein braver Witwer dennoch entschlossen, mich ehelichen. Da habe ich mir noch am selben Abend ein kleine Bündel gepackt und mein Elternhaus in stiller Naciii verlassen, für immer. . . . Die Frau schweigt still. Im Ofen knattern d;c Flammen und lassen rote Bilder an den Wänden tanzen. Der Schames meiner Menorah wurde weich und brennt mit gekrümmtem Leib. Wie blutige Tränen fallen die roten Wachstropfen aus seiner Flamme. Und draußen wirbelt der Schnee in großen Flocken. . . . Wir verharren in tiefem Schweigen. Lange, lange. Und beide waren wir tief ergriffen: Sie von dem im-