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Die Welt · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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\0. 5! DIE 3aK E LT 9 cibittlichen Schicksal ihrer Jugend, und ich von dem, i luche der Zerstreuung . . . des Qolus. Und wieder ergreift sie das Wort: Tagelang irrte ich ziel- und zwecklos umher. I Wild fand ich Unterkunft bei braven Landleuten, bald v änderte ich aber auch die Nächte dahin. Wissen Sie, was das zu bedeuten hat, wenn ein Mädchen meines Schlages obdachlos umherirrt? Von Haus zu Haus, \ Mi Dorf zu Dorf? Als ich eines Tages des Wanderns müde und vi>m Hunger ermattet am Wege niedersank und wie! jlob meine Tage verfluchte, kam ein katholischer I riester die Landstraße herauf. Er beugte sich zu mir und fragte mich aus. Dann ergriff er mich an der! iand und führte mich in ein hohes, von ragenden /lauern umgebenes Haus. „Hier", sagte er, „wird deine arme Seele Ruhe finden." Das war ein Kloster. Ich wurde, ohne gefragt i werden, getauft. .. Drei Jahre brachte ich in diesen Mauern, die ine ganz eigene, einem Juden nie zugängliche Welt anschließen, zu. Liebe fand ich da nicht. Auch jenes Vitleid nicht, das gebrochene Herzen stärkt und die >eele erfreut Auch Freundschaft nicht, die eine : irauchelnde stützt. Denn ihre Liebe ist ein kaltes i ebet. Ihr Mitleid ist ein Dogma. Ihre Freundschaft i ein Imperativ, der kategorisch unter der Fuchtel igedrohter Höllenqualen befohlen wird. Was ich dort gefunden, war die Ruhe, die Abge- . iilossenheit von einer Welt, die ich wie das Fegefeuer : ofürchtet, der Friede, nach dem ich mich so endlos esehnt habe. Für mich war das Kloster die Stätte es Vergessens. Im dritten Jahre meines klosterlichen Aufenthaltes rnte ich den Bruder einer Pensionärin kennen, mit ich das Zimmer teilte. Er war ein Kind stein- .icher Leute. Von der Brutalität dieser Welt dank Iiier sorgfältigen Erziehung verschont, bewahrte er sich eben einer idealen Weltanschauung ein ritterliches lerz und ein warmes Gemüt. Er kannte die Geschichte neiner Jugend, die ich ihm in langen Stunden erzählte. 1 iid war es Erbarmen, das sich in seine Seele schlich, der war es Liebe, die ihn ergriff — er kniete eines ages vor mir nieder und bat mich, seine Lebensgefährtin zu werden. Ich hatte schon lange eine tiefe Neigung zu ihm "faßt. Trotzdem warnte ich ihn vor dem unüberlegten chritt: Er solle nicht vergessen, daß ich eine arme üdin bin, der man auch nach der Taufe ihre Abstammung icht verzeihen kann. Er gehorchte nicht und folgte dem Zuge seines ierzens. Seine Eltern, die ganze Familie war dagegen, »an drohte ihm mit Enterbung, mit Verstoßung, mit Acht und Bann; es nützte nicht. Er machte mich zu •-einer Frau. Als der unabänderliche Schritt getan war, 'ersöhnte sich der Vater mit ihm. Er übergab ihm ine Fabrik in Wien als Eigentum, damit er nicht um ^eine Existenz zu kämpfen habe. Sechs Jahre lebten wir miteinander ruhig, zufrieden, °hne Klage. Eines war zartfühlend gegen das andere, wir lasen uns die Wünsche von den Augen ab. Aber las wahre Glück blieb uns fremd. Denn wir kamen 'ins zwei verschiedenen Welten, die nichts verbindet. Wir haben uns geliebt, für einander gesorgt, aber unsere Seelenrichtungen waren divergierend. In den Herzenstiefen bargen wir Empfindungen, die sich nicht deckten. Was Jahrtausende getrennt, konnten sechs Jahre nicht kitten. Wie oft mußten wir es an einem Worte, an einer Bewegung merken! Ein stummer Schmerz ist es für ihn geblieben, daß ich in der sogenannten guten Gesellschaft brüskiert wurde. Es entging ihm nicht, daß man die Nasen rümpfte, wenn ich erschien. Es nutzte nicht, daß ich das Kreuz auf dem Busen trug, ich blieb immer die Jüdin. Man machte Anspielungen in seiner Gegenwart, die ihn tief kränken mußten. Man ließ Worte fallen, die nicht zweideutig waren, man stieß sich heimlich an. Man konnte es ihm nicht verzeihen, daß er mich zu seiner Frau gemacht. Er erkrankte vor einem Monat und ging nach kurzem Leiden den Weg alles Fleisches. .. Und mich machte er zur Erbin seines nach Millionen zählenden Vermögens. ... Sie schwieg eine Weile, holte tief Atem und setzte fort : Und nun stehe ich einsam und verlassen da. Es gibt keine Brücke, die mich in meine Vergangenheit führt, eine Zukunft hat es für mich nie gegeben. Die Religion meiner Väter war und ist mir fremd, in der Religion der Liebe bin ich nur dem Haß begegnet. Ich beschloß daher wieder zu wandern. Ich denke nach Egypten. Wem soll mein Vermögen zufallen, wenn ich sterbe? Pflanzen wie ich gehen mit dem Ende des Lebenssommers zugrunde. Meine Verwandten, die mich in schweren Zeiten nicht zu schützen wußten, dürfen keinen Nutzen aus meinem Unglück ziehen, meine Eltern aber sind tot. .. „Und nun bitte ich um Ihren Rat." Ich stehe auf, gehe auf sie zu, blicke ihr frei ins schöne Antlitz und sage : „Liebe Frau, ich bin tief erschüttert. Die Geschichte Ihres Lebens ist ergreifend. So wahr es eine Gerechtigkeit und eine Vergeltung gibt, Sie sind unschuldig an Ihrem Los! Schuldig ist einzig und allein eine gedankenlose Erziehung, wie sie in gewissen Schichten unseres Volkes an den Mädchen verbrochen wird; die man nicht an die Religion, sondern an den Brauch, nicht an die Nation, sondern an die Phrase kettet. Die man, weil es ja nur Mädchen sind, gewähren läßt, um sie später mit eisernem Griff in ein unerträgliches Joch zu drücken. ... „Reisen Sie nach Egypten! Dort waren unsere Ahnen Sklaven, die um den Bissen Brot gefrohndet haben. Dorther haben sie aber auch den Weg der Freiheit gefunden. Möge Sie ein Genius dort erleuchten! „Und nun blicken Sie auf diese Lichtlein! Das sind Zeugen großer Männer und großer Taten. Zeugen einer großen Zeit, die anders war als die, in der wir leben. Erwecken die Lichtlein in Ihrem Herzen gar keine Erinnerung? Leuchten sie nicht in Ihre Vergangenheit? In das düstere Land, wo es noch viele, viele unglückliche Mädchen Ihresgleichen geben mag, die auf dem Scheidewege stehen? Vermachen Sie Ihre Millionen diesen Armen! Lassen Sie ihnen ein Haus errichten, in dem sie Ruhe, Frieden und Erbarmen finden, ohne den Fluch eines Glaubenswechsels auf sich zu laden." Sie schweigt. Große Perlen rollen ihr aus den Augen. Dann spricht sie leise : — „Ihr Rat ist gut. Das ist mein letzter Wille...

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