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Die Welt · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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N:0. 51 DIE^ELT Zeit. Er sieht sie kommen, die Zeit des Qlanzes, sie bricht gleich Sonnenschimmer hell aus dem Gewölk. Auch in den übrigen Volksgruppenszenen sind Menschen und Begebenheiten der biblischen Zeit mit großer Anschaulichkeit gezeichnet. Hier sieht Hahn mit den Augen eines Künstlers; hier zeigt er ein poetisches Können, das man schätzen muß. Es gibt dramatische Stoffe, mit denen auch ein bescheidenes Talent fertig werden kann; das sind jene dankbaren Stoffe, deren dramatische Momente schon an der Oberfläche sichtbar sind und sich demnach auch dem minder Begabten von selbst aufdrängen. Die biblischen Stoffe gehören nicht zu diesen. Im biblischen Stoff müssen die dramatischen Qualitäten wie aus einem verborgenen Schacht ausgegraben werden. Das erfordert einen! ichter. Und in den Volksszenen hat sich Hahns I ichtertalent in schönster Weise bewährt. Weniger glücklich ist Hahn in der Zeichnung der e nzeinen. Charaktere. Schattenhafte Gestalten ohne k nere Lebenswahrheit. Redende Figuren, die sich mit automatischer Gleichmäßigkeit bewegen, und die uns mcht allein zeitlich und räumlich, sondern auch rein pj anschlich weltenweit entfernt sind. Dabei ist ihre Sprechweise gar nicht biblisch, nicht im geringsten ägyptisch, vielmehr im höchsten Maße modern. Mineptah L i eine schwankende Gestalt. Er führt weise Reden, aber nicht kluge, und als er dey Pharao wird, erkennen wir den Mineptah nicht wieder. Sein Freundschafts- \ rhältnis zu Moses ist fatal alltäglich, banal und steht iiir Gottähnlichkeit eines Pharao im krassen Widers i'uch. — Der Hirtenfürst Jithro, den Hahn unerfind- H herweise vom Vater zum Bruder Zipporahs degradiert, ist ein ganz nichtsnutziger Kerl, der nicht einmal ges.heit reden kann. Und doch hätte Jithro, der biblische I itgeber Mosis, in diesem Drama eine wichtige Rolle s ielen können! — Zipporah ist eine ehrbare Hausfrau, L i Durchschnittsweib, das für die hohen Ideale ihres .Vannes kein Verständnis hat. — Interessanter und mit k äftigern Strichen gezeichnet ist Jochebed, die Mutter .V-osis. Allein auch sie findet in der Szene, in der sie ^' :h dem Moses als seine Mutter zu erkennen gibt, ii cht den echten mütterlichen Ton. In solchen abgeü .ssenen kühlen Reden kündet keine Mutter ihr köstü.hes Geheimnis, das sie jahrelang im Busen barg. — 1: i sympathischer und harmonischer Charakter ist der d nstbefliessene Josua, der treue Diener seines Herrn. Schön finde ich die Liebesepisode zwischen Mineptahs hn, Abuhol und Merri, der in der Phantasie des I chters gezeugten Tochter Mosis. Abuhol wird das ( fer dieser Liebe; somit ist das Wunder vom Tode; 1 s Erstgeborenen Pharaos beseitigt. Hahn hat über- | ipt alle biblischen Wundergeschichten, die mit dem 1 odus zusammenhängen, aus dem Drama ausgeschaltet. Hebbel z.B. hat sich im biblischen Drama des Wunders -dient; siehe Daniel in „Judith"!) Bei Hahn vollzieht h der Auszug aus Ägypten in solch natürlicher eise, daß es fast wunderbar erscheint. . . . Und Hahns Moses? — Ich könnte mein Urteil irz zusammenfassen: Ein Mosesdrama ohne Moses, -ich das geht an. Wie es gemacht wird, hat der •"'ichst unmoderne Schiller (der ein ganz respektabler 'i'cirnatiker war!) gezeigt. In Wallensteins Lager herrscht Wallenstein die ganze Handlung, ohne daß er gelbst auftritt ... Bei Hahn schwebt nicht der Geist Miosis über der ganzen Handlung, dafür tritt er aber leibhaftig in die Erscheinung. Er nennt sich Moses» wird Moses genannt; ob er wirklich Moses ist, muß 4ch bezweifeln . . . Hahns Moses ist weder der ehrfurchterweckende Titane, wie ihn Michelangelo geschaut, noch der biblische Prophet, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht spricht; ja, nicht einmal der völkerbildende Künstler, vor dessen Größe der Sinai zusammenschrumpft. Ein Moses muß etwas von dem Feuer des brennenden Dornbusches besitzen, das loht und glüht und zehrt und doch nicht aufgezehrt wird . . . Hahns Moses ist ein großer Mensch, aber nicht einer der größten. Er überragt den Josua nicht, obwohl er sein Meister ist. Josua hat sogar etwas vor Moses voraus: er besitzt Initiative, inauguriert Handlungen, zeigt die Wege, entwirft Pläne und führt sie aus. Ganz verfehlt ist der Versuch Hahns, die Enttäuschung als tragisches Moment im Leben Mosis zu verwenden. Als die Hebräer um das goldene Kalb tanzen, zerschmettert Moses in heiligem Zorn die Gesetzestafeln. „Ich kam vergebens," seufzt er. Die Enttäuschung ist hier ganz deplaciert. Das Zertrümmern der Gesetzestafeln war nur der Ausfluß einer vorübergehenden Zornaufwallung. Aber enttäuscht konnte Moses nicht sein. Ein Mann wie Moses, der das Volk genau kannte, mußte auf einen Rückfall gefaßt sein. Moses mußte wissen, daß einige Jahre Wüstenwanderung unmöglich an den« Hebräern das gut machen können, was vier Jahrhunderte Knechtschaft an ihnen gesündigt hatten. Moses kam nicht vergebens. Unsere geehrten Abonnenten, deren Bezugszeit am 31. Dezember 1907 abläuft, bitten wir um rechtzeitige Erneuerung : des Abonnements, : damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Der nächsten Nummer werden Po sterlagscheine für die österreichischen und ungarischen Abonnenten beigelegt sein, die wir zur kostenlosen Überweisung der Abonnementsbeträge zu benutzen bitten. Aus Deutschland werden Abonnementsbeträge auch in Briefmarken entgegengenommen, aus allen übrigen Ländern empfiehlt sich am einfachsten die Einsendung der Beträge per Postanweisung. DIE EXPEDITION „DIE WELT44 2*

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