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Die Welt · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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DIE 3$^ELT oben skizzierten historischen Vorbild: es beginnt mit der höchsten Tragik und endet am Sinai. Der Aufbau dieser Tragödie dürfte vorn künstlerischen Standpunkt ein wenig eigenartig anmuten, aber hier mußte die Kunst der Geschichte Konzessionen machen. Anders konnte diese Tragödie nicht geschrieben werden. Es lag vermutlich nicht in der Absicht Hahns, das Drama eines Volkes zu schreiben; er dachte sich offenbar Moses selbst als den tragischen Helden. Das will aber nicht viel bedeuten. Seine Tragödie hat sich vielleicht gegen seinen Willen zur umfassenden Tragödie des Judenvolkes in Mizrajim gestaltet. Moses ist nur motrix vis. Moses ist der Mann des großen Mitleids, der starken Empfänglichkeit für die Leiden anderer. Moses litt nur insofern, als er die Schmerzen anderer in sich aufnahm. Ihm selbst blieb ein sonnbestrahlter Lebensweg beschieden. Im königlichen Palast auferzogen, wurde er wie ein Königskind behandelt, nahm am pharaonischen Hof einen hohen Rang ein und durfte Ramses des Zweiten Thronerben, Mineptah, seinen Jugendgespielen und Freund nennen. Dieser Hebräersohn hatte mit den Hebräern in der „Totenstadt" nichts gemein. Er ging im Mantel aus Purpur-Byssus, geschmückt mit Ringen, Spangen und goldenem Flechtwerk, einher, — ein echter Egypter. „Da Mose groß ward, ging er aus zu seinen Brüdern", — erzählt die Bibel. Das sollte richtiger heißen: Da Mose zu seinen Brüdern ausging, ward er groß. In diesem Gang zu seinen Brüdern zeigt sich seine Größe. Indem er aus der Höhe des königlichen Palastes in die dunkeln Höhlen der Totenstadt hinunterstieg, wuchs er zum Ewigkeitsmenschen empor. Er führte Sklaven aus der Knechtschaft, formte aus einer rohen Masse ein gesittetes Volk, schenkte der Menschheit einen Gott und ein Sittengesetz, und vor seinem Tode sah er vom Berge Nebo das Land seiner Sehnsucht, das Land der Verheißung. Moses ist ein Held, aber einer, dessen tatenreiches Leben eine Kette von Triumphen ist, ein Emporsteigen zu immer lichtvollem Sphären. „Moses, Eine Tragödie" kann demnach nur das Drama eines Volkes sein. In der Tat sind die Volksszenen die rührendsten und packendsten im Hahnschen Drama. Sie sind der Kernpunkt des Ganzen. Sie leiten das Stück ein und verleihen ihm den Charakter einer Tragödie. Die Volksszenen besitzen etwas von der Großzügigkeit der Hebbelschen Volksgruppen im belagerten Bethulien. Im Vorspiel sehen wir die Hebräer, das „Volk der Fremden", auf dem Pyramidenbauplatz vor der Ramsesstadt in atemloser Geschäftigkeit an der Arbeit. Ein schwüler und furchtbarer Druck liegt über der ganzen Szene. Ein Mizri wurde von einem Unbekannten erschlagen; diese Tat sollten die Hebräer büßen. Heute sollen sie doppelt Tagewerk schaffen; allein der Ziegel sind wenig und der Kräfte noch weniger, — an beiden ist der Vorrat fast völlig erschöpft. Aber was wiegt dem Vogt Pharaos das Leben eines Hebräers gegen einen Ziegel! Der Vogt schlägt mit der Peitsche nach den Hebräern, und sie fallen vor ihm auf ihr Angesicht und flehen Erbarmen. „O goldner Glanz am Himmel unsres Seins!" „Du unsrer Kinder Frührot und ihr Trost!" „0 Abendschein des Alters unsrer Väter!" — schwirrt es ängstlich durch die «Luft. „Bestien! Hunde!" quittiert der Vogt. Shylock würde geantwortet haben: Edler Herr, kann ein Hund Pyramiden bauen? Läßt sich , Pharao seine letzte Ruhestätte durch Bestien scfi^fen? _ — — Moses ercheint in Begleitung Minefjfehs. 'Noch kennt Moses die Bande nicht, die ihn mit diesem Volk der Fremden vereinen. Aber er sieht ihr Jammerleben und — leidet. Das Bild ist ihm nicht neu. Erst vor kurzem erschlug er den Mizri, der die Geißel über den alten Hebräer Jizhar schwang. Eine Fülle höchst tragischer Momente bietet die Schlußszene des Vorspiels. Die Hebräer zanken untereinander. Sie fluchen den Vögten und dem Mörder des Mizri, dessen Tat sie jetzt büßen müssen. Chelon will seinen alten Vater Jizhar schlagen, weil er nicht gelernt hat, „die Lippen aufeinanderpressen, wenn durch das bißchen. Fleisch die Geißel zieht". Moses tritt vor. Sie erk^ßpin in ihm den Mann, der den Mizri erschlug, ßie/^ijen ihn ergreifen und den Vögten ausliefern. „Idh* tafs ffir euch!" versichert er ihnen. „Ruft nach den Vägteäjp ist ihre Antwort. Moses sucht sich ihnen verständlich zu machen: er habe sie leiden sehen und helfen wollen; hur aus Mitleid mit ihnen sei die Tat geschehen. Aus Mitleid! Aus Erbarmen! Sie zucken die Achseln: O dieses schöne rührende Erbarmen! Uns ward ja groß geholfen durch den Tod Des einen Vogtes in der Vögte Heer? Erst gib die Mittagsrast uns wieder, Mörder, Die uns geraubt hat dein verruchter Arm, Und dann magst du dein Lied aufs neu uns singen! Also Moses ist verraten. Auf Drängen seiriSs Freundes Mineptah flieht er nach Midjan.s Ein ffelef Hebräer war in Ägypten, und dieser mußte die* Flücfit ergreifen.;;it" Von echt dramatischer Kraft sind auch die andern Volksszenen im Stücke. So im zweiten Akt: das £roße Höhlenlager der Hebräer, im vierten: ein Lagerplatz der Hebräer am andern Ufer des Schilfmeers, und im fünften: die Hebräer am Berge Sinai. Uberall tritt uns das Volk voll der Widersprüche entgegen, das Volk, das wie ein Schilfrohr im Winde hin- und herschwankt, bald jauchzt, bald murrt; jetzt verdammt, was es früher vergöttert hat; heute der Freiheit entgegenjubelt und morgen nach den Fleischtöpfen Mizrajims Verlangen trägt. In der erwähnten Szene im zweiten Akt befinden wir uns im Höhlenlager der Hebräer. Es ist Nacht. Wenige Fackeln erhellen den düstern Raum. Die Hebräer kauern und liegen in Gruppen zusammen. Jizhar liegt im Sterben, und vor seinem Lager kniet sein reuiger Sohn Chelon. ^Seit Mosis Flucht sind indessen dreißig Jahre ins^liipö gegangen. Ramses der Zweite starb, Mineptal^frät den Thron bestiegen; aber im Leben der Hebräer hat. sich nichts geändert. Sie fronen nach wie vor! und harren des Erlösers. Und ihr Erlöser, Moses, hat in Midjan sich ein Heim gegründet, lebt glücklich mit Weib und Kindern und — denkt an die armen Hebräer und schmiedet Pläne für ihre Errettung. Jochebed, die bei ihm ist, erschließt ihm das Geheimnis seiner Abstammung. Nun weißer's: Jochebed seine Mutter, er selbst ein Hebräer. Die Stimme der Natur beginnt eine deutlichere Sprache zu reden. Jetzt muß er aufbrechen; jetzt gilts nicht mehr Sklaven, jetzt gilt's seine Brüder zu befr^fiu Auch durch das finstere Lager der Hebräer gefrfö^s; leise Ahnen einer neuen Zeit, einer Zeit der FreiÖiäfr und des Lichts. Jizhar stirbt im Dunkeln, aben vöjp. & seinem Tode kündet er das Herannahen der golde^fr

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