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Die Welt · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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^«rv-'i 'f ri^^^^ sind Zusammenhänge, die nicht künstlich'1 eraÄ^tribförden müssen. Sie entstehen von selbst, — auch bei denen, die nicht bei den Historikern in die Schule gegangen sind. Wir haben es mit einem Volke zu tun, das unbewußt historisch denkt und für das nur dasjenige Wert und Weihe hat, was aus seinem Urgrund geleitet werden kann. Ein Parteifonds für Zionismus, also für den Zusammenhang, für die Erhaltung des Zentrums, muß leider wegen noch nicht genügend wachgerufenen Bewußtseins des jüdischen Volkes .Parteifonds" genannt werden, während er nach seiner historischen Berechtigung und Bestimmung „Volksfonds" sein müßte. Aber an uns, den wenigen, ^asse mit unserem Beispiele voranzugehen. die Wecker und Rufer, die an Zionisten tjfnisten, die an das jüdische Volk herantreten, sich die Wahrheit gegenwärtig halten, daß man eine jüdische Anregung tatkräftig und eindringlich zur Geltung bringen kann nur, wenn das Verwaltungsmäßige, Vereinsorganisatorische durch das Geistig - Jüdische durchwärmt, beleuchtet und vertieft wird. Mögen das die seichten Fabrikanten moderner Termine als einen schwerfälligen Ballast archäologischer Gelehrtheit empfinden. Sie verstehen das „Volk des Buches" nicht; sie wissen nicht, daß die Juden keine Archäologie haben, daß ihre Traditionen und ihre jahrtausendalten Einrichtungen fortlaufende Geschichte sind. War nicht der Schekel ein geflügeltes Wort, das aus dem uralten Buche der Bücher, aus der Bibel hinausgeflattert ist? Diese historische Weihe läßt auch den Parteifonds in eine große Parallele treten mit einer uralten Institution, die Rom und Jerusalem verbindet. N. S. DAS DRAMA EINES VOLKES Von Samuel Meiseis (Charlottenburg) Ein jüdisches Drama muß konsequenterweise das i)rama des jüdischen Volkes sein, — sonst ist und bleibt es ein Judendrama im guten oder im schlechten Sinne. Diese These scheint mir keines Beweises zu bedürfen; isjtf^gijavim Leben des einzelnen Juden, — soweit ihn d^|[J^gjfjche Schicksal als solchen ereilt, — gleichsam d^%)ifgelbild der in der Geschichte sich stetig wiederhöl^^tei^;;Tragödie des gesamten jüdischen Volkes. Jeder Teil der Judenheit verkörpert in sich die Leidensgeschichte Israels', jedes einzelne Glied ist im Leidenszustande der Repräsentant der Gattung. Die Leiden des Juden wie die der jüdischen Gemeinschaft sind derart kommensurabel, daß man füglich an jedem Einzelfall die Geschichte der Gattung studieren kann. Ein tragisches Schicksal hat die Gemeinschaft Israel in unzählige kleine Teile versprengt, aber es war nicht erfinderisch genug, für die verschiedenen Teile verschiedene tragische Fälle zu ersinnen. Geradezu wie ein fleißiger, aber wenig begabter Schulbube wiederholte das böse Fatum seine Aufgabe an dem einzelnen wie an der Gesamtheit in sinnlos gleichmäßiger Weise. Es drehte an der Kurbel eines Kaleidoskops und rollte immer wieder dasselbe Bild herauf. Die Abwechslung bestand nur im Umfang, das Bild selbst blieb unveräijLcfgrt . . Deshalb ist auch das Judenlos im Laufe der 2^i^p langweilig geworden, weil es sich zum Überdruß wi$def]ljiolte. * * -fl 1*3 * ff« D&s Urbild des jüdischen Dramas in der Geschichte ist im Lande Gosen, der Leidenswiege Israels, geprägt worden. Dort wurde der Plan entworfen, nach dem die kommenden Zeiten die jüdischen Dramen ausarbeiteten. Gosen hat den spätem Jahrhunderten zur Schaffung ihrer Judendramen als Modell gesessen. Die ganze lange Leidensgeschichte hat dem Urbilde nur kaum sichtbare Nuancen beizufügen vermocht. Man muß sagen, die Geschichte hat sich hier als stümperhafter Dramatiker erwiesen, der von der Technik eines DfäJ&fs keine blasse Ahnung hat. Ist sonst in einem Bßfeiiii das auf den weltbedeutenden Brettern gespielt ^Mi die Liebe die Urheberin aller Zwiste, die FadenspiMn6tin der ganzen Handlung, so sind hier, im jüdistt«a&t)rama auf der wirklichen Weltbühne, nur Haß und Neid und Fanatismus und Rassendünkel die Motoren, die den Gang der Handlung in Bewegung setzen. Dort häufen sich die tragischen Momente progressiv, bis sie zum Schluß ihre höchste Steigerung in der völligen Überwindung des kämpfenden Helden erfahren; hier setzt es sofort mit der äußersten Tragik ein, die sich im weitern Verlauf der Handlung mildert, abschwächt, verringert, schwindet und schließlich in dem Sieg des leidenden Helden einen befriedigenden Abschluß findet. Betrachtet man den Werdegang eines jüdischen Dramas in der Geschichte, einerlei in welchem Jahrhundert, so findet man, daß es fast in allen Stücken dem Prototyp „Mizrajim" ähnelt: Sklaven des Pharao, Parias der Gesellschaft, äußere Knechtschaft und innerer Knechtsinn, allmähliches Erwachen des Menschenbewußtseins, Erlösungsträume, Rettungsversuche, Wüstenwanderung und — der leuchtende Sinai der Freiheit. Der Vorhang fällt. Das Stück bleibt auf dem Spielplan. . . Im Mittelpunkt des jüdischen Dramas in Ägypten steht Moses; um ihn rotiert die ganze Handlung, mit ihm beginnt die eigentliche Tragödie, weil erst durch ihn der Sklave sich seiner Sklaverei bewußt wird. Bevor Moses auftrat, war das Judenvolk eine bewußtlose Sklavenhorde, der der Sinn für die Freiheit fehlte, wie dem Blindgeborenen der Sinn fürs Licht. Sie trug geduldig das ihr auferlegte Joch. Ihre Ketten klirrten nicht, weil sie nicht an ihnen rüttelten. Menschen mit versklavten Seelen sind bedauernswerte Geschöpfe, aber keine tragischen Helden. Denn nur bewußtes Leiden enthält alle Momente, die man, in einem Brennpunkt vereinigt, Tragik nennt. Moses war das Gewissen des Judenvolkes. Indem er ihm die Möglichkeit des Freiwerdens zeigte, wurde es sich seiner Unfreiheit bewußt, und weil er ihm das Leben in der Freiheit als das allein menschenwürdige Dasein pries, fing es an, die Knechtschaft als Schmach zu empfinden. So ward durch Moses die jüdische Tragödie lebendig. # * 5jS Viktor Hahns „Moses"1) ist das Drama des jüdischen Volkes. Es entwickelt sich getreulich nach dem l) Moses. Eine Tragödie in fünf Akten und einem Vorspiel von Victor Hahn. Stuttgart und Berlin 1907. J. G. Cottasche Buchhandlung Nachf. 2

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