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Die Welt · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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liehe Kraft: der Zusammenhang des abgeschiedenen Diasporalebens mit dem intensiveren Leben des Häufleins der Zurückgebliebenen in der zerstörten Heimat. Es ist geschichtlich festgestellt, daß dieser Zusammenhang lange nach der Zerstörung angehalten hat. Die Diaspora hat dem Zentrum nicht nur Klagelieder und dunkle, geweinte Tränen geweiht, sondern auch Hilfsmittel gewidmet. In alle Wirrnisse des damals beginnenden Goluth, von Babylonien bis Egypten und Nubien, und von dort bis zum Archipel haben sich die Boten ihren Pfad durchgebahnt. „Man sandte von dort" — war eine weihevolle Ankündigung, eine erlauchte, nationale Lebensbetätigung. Der Apostel — so nannte man die Sendboten auch in späterer Zeit, als sie vom Patriarchat gesandt worden sind — reiste nach allen Ecken und Enden der ganzen damaligen gebildeten Welt, wo die Gemeinden mit dem Mutterlande, auch mit dem zerstörten Mutterlande, in dauernder und enger Verbindung blieben. Zu den Kriegsgefangenen, die Pompejus aus Judäa nach Rom gebracht hatte, die den Grundstock der Judengemeinde in Trasteverr in Rom bildeten, gesellten sich neue Ankömmlinge, freiwillige jüdische Ansiedler, die um des Handels willen ihre materielle Existenz in der Diaspora gründeten, deren Seelen aber dort hingen, wo das Judenvolk seinen Ursitz hatte. Sie breiteten sich über das Marsfeld und die Subura aus und reizten durch ihren wachsenden Einfluß, durch ihr großes Anpassungsvermögen und durch die Schwungkraft ihres stolzen, von der Allmacht des sittlichen Willens und der Einsicht durchdrungenen Selbstvertrauens, wahrscheinlich auch durch die Neugierde, die Lebhaftigkeit des Temperaments und das bewegliche, unternehmerische Wesen den rhetorisch-volkstümlichen Eigendünkel Ciceros und die Satire Juvenals. Wohl waren sie, wie Mommsen sagt, ein dekompositorisches Element. Hat nicht die im jüdischen Mutterlande entstandene Messiasbewegung zahlreiche Fäden nach Rom hinübergeleitet? Konnte doch keine Bewegung und keine außerordentliche Erscheinung im Mutterlande auftauchen, ohne bald ihre Wellen in die Hauptstadt des Reiches geworfen zu haben. Der Riesenmoloch, der den halbentseelten Erdkreis zerfleischte, der Staatsmars in voller Waffenrüstung der Kriegs- und Gesetzeswerkzeuge, mochte ebensowenig die Phantasien der schwärmerischen Juden, die ein Himmelreich verkündeten, um „die edlen, nährenden Früchte Palästinas der ganzen Menschheit zuzuführen", vertragen, als die Apostel dulden, die dem Nimbus des unterjochten Landes neuen Schimmer verliehen. Das „aurum Judaeorum quotannis ex Italia et ex omnibus provineiis Hierosolyma exportari solevet" provozierte vielleicht noch mehr als die sagenhaften Botschaften einiger anderer Juden, denen die jüdischen Gemeindeältesten Roms erklärt haben, sie hätten keine Kunde über die neuen Vorkommnisse erhalten. Wäre es doch „kompositorischer", alles Gold nur Rom zu widmen, und so überall, — in Syrien, Ägypten, in den Städten der jonischen Küste. Sagte ja schon die Sibylle von dem jüdischen Volke, daß „jegliches Land und jegliches Meer von ihm erfüllt sei", und heißt es ja im Briefe Agrippas an Caligula, welchen Philo mitteilt : Jerusalem ist die Häuptstadt nicht nur von Judäa, sondern von den meisten Ländern... Ägypten, Phönizien, Syrien, Cölesyrien, Pamphylien, Coelicien... bis Bithynien und in die entlegensten Winkel des Ponttrs . . . Thessalien, Böotien, Ätolien, Attika, Argos, Korinth, die meisten Teile des Peleponnesus. Und sagt nicht Josephus von der Tempelplünderung durch Cassius : das war jüdisches Gold aus allen Ländern? So ist es auch nach der Zerstörung geblieben. Roms Argusauge verfolgte seit jeher die Sendungen nach Palästina. Gab ja die Entdeckung einer einzelnen größeren Sendung zu einer drakonischen Maßregel Anlaß, nämlich zu einer Deportation von 4000 Juden nach einem der exponiertesten und gefährlichster, Kriegsschauplätze, — ein Ereignis, das die Verhen/iefte; der Feuersäulen Neros und anderer Märtyrer kaum ö*i einem Worte bis jetzt erwähnt haben. Daß Fj&öjpt in Apamea, Laodicea, Andramytium und Per^^y. jüdische Tempelgelder konfiszieren ließ, bezieht^ Weh wohl auf eine frühere Zeit; aber auch nachdem das Didrachmon in eine römische Steuer verwandelt worden ist, hat die Unterstützung der Diaspora für das Zentrum nicht aufgehört. Wenn man heute von einer Diaspora mit einem Zentrum der Volksenergien im historischen Stammlande spricht, so ist das ein elementarer, jüdischgeschichtlicher Begriff, der das ganze jüdische Schrifttum und die ganze jüdische Gedankenwelt - ausfüllt. Die Entstehung dieses Begriffs ist klar: er ist weder makkabäisch, noch bar-kochbäisch, er ist die Ffijcht einer Reflexion, die die unnützen HerausforderüÄg^n der überlegenen Macht verwirft und einen KomprÄiß zwischen schroffem Trotz und entehrender Willf^fegkyit anbahnt. Selbstverständlich ist das ein zu dllln b^rer Begriff, um als Prinzip hingestellt werden zu können. Das Prinzip bleibt: Die Anhänglichkeit an den Mittelpunkt, der Zusammenschluß, die in aller Not unverkümmert erhaltene Palästinaliebe. Wir lauschen den Worten des jüdischen Apostels in der Synagoge vonTrasteverr, und wirfühlen, wie in jedemJudenherz die Klänge der Botschaft ihren Widerhall finden. Bescheiden entzieht sich der Apostel den lauten Huldigungen seiner begeisterten Anhören Wozu die lauten Huldigungen? Mit dem eigentümlichen Zauber der goldenen, agadistischen Laune fragt er: „Hone srak. lomo kolchem holech?" (Fruchtlose Bäume, warum rauscht ihr?) Damit die Römer sich wie eine Meute blutgieriger Hunde auf uns loslassen? Liefert doch in"; stillen die Beweise eurer Liebe fürs Land! Er y§$fi sammelt und zieht weiter.?iU***w Sie ziehen durch das Dunkel der großen^^^ppi wie die Strahlen. Sie geben mehr, als sie . ng^jgi sie spenden Licht und Wärme, sie erhalten ^jfaa^i sammenhan^, weil sie eine jüdische Wirklich^^jjff* körpern und einen jüdischen Erdgeruch besitzen. 1> ist dies die älteste Erscheinung des jüdischen Lebern. Wir fußen nicht auf willkürlichen Vereinsstatuten und zufälligen Beschlüssen dieser oder jener Zusammenkumt All dies ist äußerliches Ordnen von gegebenen Formen, die die Stunde schafft und ändert. Im Grunde schöpfen wir aus der Fülle jüdisch-historischen Geistes. Es iV; merkwürdig anheimelnd, wenn ein unparteiischer, nichtjüdischer, großzügiger Historiker wie Schiere davon spricht, wie das Volk schon in der ß^^Pnl seinen inneren Zusammenhang betätigte d^g^- Selbstbesteuerung für Palästina. Der Historik^^it nicht, wie modern und aktuell er zu uns spri<|fit^ünd ebensowenig ahnten es die meisten Zionistei^^c i alten historischen Hegriff wir erneuert haben,

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