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Die Welt · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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t% 4^i0m 'X'vf^W ■v-'-IPi' DIE '* ELT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 W ERSCHEINT JEDEN FREITAG JNTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 20. Dezember 1907 p"/r6 ttWtf D2D )"z No. 51. UNSER PARTEIFONDS (IM LICHTE GESCHICHTLICH JÜDISCHER VORSTELLUNGEN) / IL #l Die jerusalemische Synagoge am linken Tiberu^r is$ überfüllt. Sie liegt abseits vom Kapitol, halb )6rsÄkt, schattenhaft, von einer ganz besondern Bai&rt, groß und ohne bunten Flitter, wie ein dichtender Tr/um. Bs ist etwas Weltfremdes, Stimmungsvolles, Bangeides, Insichgekehrtes und Versponnenes, in der Mitte/einer Metropole von Eisen und Blut, der von Qol/\ und Herrschsucht geschwollenen Roma! Jüdische P?rizier, jüdischer Plebs, jüdische Matronen. Wenige, $ vom Glück begünstigt, von stattlicher Gestalt, ein erkünstelt kühnes Wesen zur Schau tragend; die meisten £rquälte Helotengestalten. Obenan Theodosius, den tnanJchlechthin den Römer zu nennen pflegte, ein Eigene^ Selbstgewordener, Insichwurzelnder, mit einem hipptfratischen Zug im Angesicht. Er pflegte Gesetzesfijfeen nach seiner eigenen Anschauung zu lösen und mittler selbstsicheren Geste eines Großen sich über st^nge Warnungen der Meister hinwegzusetzen. Man erzieh ihm, weil man ihn kannte. Er war einer de^enigen, die wie Visionäre im alten Rom umherginge- Man sah $\£*0$h hier in der jerusalemischen Syna^ge in seiner Nälii;yman erkannte sie an den durchge/tigten, edelgepYägten Gesichtern, an den brennend Rosen auf den "bleichen Wangen, an den glühenc/i Augen und an den schwarzen Locken, — die Schwier, die Gottsucher! Von heiligem Schauer ergriffen,'vor Spannung witternd, lauscht das Volk den feierliche Sprüchen eines Mannes, auf den alle Augen gerächte sind. Er bannt vor allem seinen Rede- und Lebensnah in engster Verklammerung in einen Bibelvers/ Man nennt dies Anlehnung: es-ist aber kein gelebt Zitieren, es ist ein innerliches ekstatisches Verkpungserlebnis. Die Worte leben und schaffen, sie jub/ und träumen und wäffiSh. Sie sind das Wahrhafte das Echte, das InsicMötwendige. Die GefühlsüberjPwenglichkeit neben der Unmöglichkeit, die weineif Trauer oder die jubelnde Lust, das heiße Sehne* und die Träume in greifbare Totenmünzen auszupfen, haben dazu geführt, die Worte als Taten zu empfinden. Und um die Worte aus uralter Zeit als lebenpulsierende Taten zu erleben, mußte man sie biegen und lenken. Das Ich hatte sich mit dem alten Worte verschmolzen, nicht um sich zu entäußern, sondern um sich in ihm auszusagen, auszureimen und auszuleben; das Erzählen, die Agadah, war kein Schaffen und kein Tun; es war vielmehr ein Zustand, ein Gefühlsverhältnis, ein Dämmern und Schauen. Der Bibelvers war kein antiquiertes Fragment: die gegenwärtige Hoffnung und der gegenwärtige Jammer zitterten und klangen in ihm. Er erzählt lieb und treuherzig — der Agadist! Man hört nicht, man empfindet, man erlebt. Es ist ein Bote aus der teuern Heimat, ein Wanderer, der das elendste Leben in der Heimat und auf den Streifzügen lebt, aber erzählen kann der! Er benimmt einem förmlich den Atem. Geschichten von den Patriarchen, von den zwölf Stämmen, von Kanaan und Egypten, von allen siebzig Völkern und Sprachen, von dem Erddrangsal und dem Menschenleid, von Königen und Prinzen, von der wunden Taube „Kneseth Israel" und von Jeruscholaim! Eine ganz andere Art, als die Tribunenmacht und die Rhetorenkunst: so spricht nur ein Volk mit einem Schicksal, mit einem Glorienschein des Martyriums, in dem jeder einzelne sich als ein Nachkomme der Propheten, der Hohenpriester, der Patriarchen fühlt. Es sind Leute, die unter einer ganz andern Sonne lebten und dort ihre Sinnes- und Denkart nach einer ganz besondern Richtung ausgebildet hatten. Die Zerrissenheit der Zerstreuung, die Unfreiheit, die fremden Einflüsse haben das Ursprüngliche getrübt, verschleiert, gedämpft, aber es wühlt im Innern, es kämpft und ringt sich durch. Ein Steuereinnehmer für das nationale Lebenszentrum ist unser Bote. Ein ganz eigentümlicher Steuereinnehmer. Er hat keine Machtmittel; im Gegenteil, die Gewalten dieser Erde stehen ihm feindlich gegenüber. Niemand hat die Pflicht, ihm auch nur einen Augenblich Gehör zu schenken. Es ist nur eine sitt- I U

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