Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Mo. 50 DIE ELT 19 Palästina (Von unserem Spezialberichterstatter) Nationale Erziehung. Der Lehrer-Verband in Palästina e ntfaltet in der letzten Zeit eine rege Tätigkeit. Die auf der General- \ ersammlung von Sedjerah (24.—27. Ellul 5667) gewählte Kommission n\x Ausarbeitung eines einheitlichen Lehrprogramms für die palästinensischen Schulen hat bereits ihre Tätigkeit begonnen. Das neue Zentralkomitee hielt während der letzten zwei Monate nicht v. eniger als 18 Sitzungen ab, die meistens der Frage der Besetzung , er vakanten Lehrerposten im neuen Schuljahre und der Erledigung üiesbezüglicher Gesuche und Anfragen von Lehrern und Schulen i-ewidmet waren. Zum erstenmal wurden jetzt infolge des Beschlusses der Generalversammlung für die neuen Lehrer und Kinder-; ärtnerinen Prüfungen durch das Zentralkomitee eingeführt. Einem weiterenBeschlusse der Generalversammlung entsprechend, übermittelte;'ie Zentrale dem Odessaer Palästinakomitee den Vorschlag des Herrn Oserkowsky betreffs Eröffnung eines Seminars für Kinderiärtnerinnen im Anschluß an die Jaffaer Mädchenschule des Odessaer Komitees. Der Vorschlag fand Anklang beim Odessaer Komitee, und die Zentrale des Lehrerverbandes wurde ersucht, dem Komitee detailliertere Vorschläge über Programm und voraussicht- : ches Budget des Instituts zu unterbreiten. In den gedruckten Zirkularen, deren erste Nummer uns bereits vorliegt, schuf sich der Lehrerverband ein vorläufig zwar bescheidenes, aber vielversprechendes Organ tfir Informationen und Behandlung pädagogischer Tagesfragen. Die vom Odessaer Komitee unterhaltene Mädchenschule in Jaffa, deren Budget im laufenden Jahre die stattliche Summe von La. Fr. 25 000 erreichte, zeigt eine erfreuliche Entwicklung. Die Leitung der Schule wurde mit Beginn des laufenden Schuljahres Cheschwan 5668) Herrn Dr. V. Tour off übertragen, der sich in lieser kurzen Zeit bereits eine geachtete und einflußreiche Stellung in palästinensischen Lehrerkreisen erworben hat. Das Lehrerkollegium der Schule wurde ferner in diesem Schuljahre in den Personen des Herrn J. Adler und der Frau Oserkowsky um weitere zwei tüchtige Lehrkräfte vergrößert. Infolge des übergroßen Andranges neuer Schülerinnen mußte gleichzeitig für die erste Klasse eine Parallleklasse eröffnet werden. Gegenwärtig beträgt die Zahl der Schülerinnen 310. Die Schule ist eine siebenklassige, nid das Lehrprogramm umfaßt Hebräisch, Bibel, Geschichte, Geographie, Heimatkunde, Naturkunde, Arithmetik, Französisch, Handarbeit, Zeichnen, Singen usw. Eine große Anzahl Mädchen konnte leider keine Aufnahme finden/ und dem Z. K. des Lehrerverbandes fiel die Aufgabe zu, sich mit der Frage der Eröffnung einer besonderen Schule für diese Mädchen zu befassen. Einem Grundübel des „Beth-Ha'Sefer le'Banoth" der in den ungenügenden Schulräumen besteht, soll durch den Beschluß des Odessaer Komitees, ein eigenes SehnIgebäude zu errichten, abgeholfen werden. Die Hindernisse, die in der strittigen Frage betreffs des Eigentumrechts an dem bezüglichen Bauplatz begründet waren, sind nunmehr glücklich beseitigt, und demnächst soll mit den Bauarbeiten begonnen werden. Die gesamten Baukosten sind auf Fr. 50 000 berechnet. In erfreulichem Aufschwung ist auch das hebräjsehe Gymnasium in Jaffa begriffen. Seit Beginn des laufenden Schuljahres liegt die obere Leitung und Aufsicht über dieses Institut in den Händen des Odessaer Komitees, welches die Garantie für sein Budget übernommen hat. Die wirtschaftliche Verwaltung des Gymnasiums wurde jüngst dem Vertreter des Odessaer Komitees, Herrn Dr. Chissin, übertragen; im pädagogischen Rat wird das Komitee durch Herrn Dr. N. Touroff vertreten. In das Lehrerkollegium des Gymnasiums traten jüngst Herr Dr. B. Mos sin söhn (für Bibel und jüdische Geschichte) und Herr Dr. E. Müller (für Deutsch und Mathematik) ein. Das Gymnasium gewinnt immer mehr Anklang in weiten Volkskreisen. Von verschiedenen Seiten wendet man sich an das Odessaer Komitee um Informationen über Aufnahmebedingungen und Lehrplan des Gymnasiums. Das Komitee beabsichtigt daher, demnächst die erforderlichen Aufklärungen zu publizieren. — In den Schulen und Kindergärten der Alliance in Beyrouth, wo seit einiger Zeit auf Rechnung des Odessaer Komitees hebräischer Unterricht erteilt wird, ist für die nationale Erziehung ein wichtiger Vorposten in Syrien geschaffen worden. Seitdem die Alliance die Leitung der Beyrouther Schule Herrn und Frau Semach übertragen hat, finden diese immer mehr Anklang unter den jüdischen Einwohnern, die früher ihre Kinder in die Missionsschulen schickten, und üben auf das heranwachsende Geschlecht eine wohltuende Wirkung im nationalen Sinne aus. Der genannte Kursus ist, angefangen von den Kindergärten, auf 12 Jahre berechnet. Die Gesamtzahl der hebräischen Unterrichtsstunden beläuft sich auf wöchentlich 119. Wenn man bedenkt, daß Beyrouth in der letzten Zeit für die Emigration nach dem nahen Osten immer mehr Bedeutung gewinnt, wird man die hier geschaffenen Bedingungen der nationalen Erziehung nicht hoch genug einschätzen können. — In ähnlicher Weise wie für Beyrouth hat das Odessaer Komitee vor kurzem für den hebräischen Unterricht in der Allianceschule zu Haifa eine bestimmte Summe assigniert. Leider hat man bis jetzt noch keinen geeigneten Lehrer finden können. Man hofft jedoch, daß die Frage bald eine befriedigende Lösung finden wird. Leider aber reichen die vorhandenen Mittel nicht immer, um den mit der Emigration wachsenden Schulbedürfnissen in Palästina in gebührender Weise entgegenzukommen. So mußte es sich das Komitee versagen, in Rarnleh eine Schule zu eröffnen, trotzdem ein dringendes Bedürfnis dafür vorlag. Gegenwärtig sind hier nämlich ca. 20 Kinder im Schulalter vorhanden. Eine bestehende Schule würde auch der Niederlassung von Neuangekommenen förderlich sein. In Betracht käme noch, daß binnen kurzem die Besiedelung von Ber-Salem bevorsteht, worüber wir in der letzten Nummer berichteten, wobei sich manche Kolonisten zunächst für eine Zeitlang in Ramleh werden niederlassen müssen. — Vieles, sehr vieles ließe sich bei reicheren Hilfsquellen auf dem Gebiete des Erziehungswesens leisten. Interessant ist nun, daß man sich gegenwärtig in palästinensischen Lehrerkreisen ernstlich mit dem Gedanken der Schaffung eines inländischen Erziehungsfonds befaßt. Der Anfang wurde vor kurzem durch die Spende des Herrn Zalel in der Höhe von Fr. 500 gemacht. — Die behufs Publikation von Lehrbüchern gegründete Aktiengesellschaft „Koheleth" edierte jüngst hebräische Leitfäden für Rechnen aus der Feder der Herren Paper, Jechieli und Kritschewsky, Lehrer der Jaffaer Töchterschule. Aus der territorialistischen Bewegung In der „Times" vom 9. Dezember lesen wir, daß Mr. Zangwill auf einer Versammlung der Territorialisten in Manchester die Erklärung abgegeben habe, die „Geographische Kommission" habe Nordafrika als Territorium in Vorschlag gebracht. Mißhandlung jüdischer Soldaten Wien, 11. Dez. Der neue Landesverteidigungsminister Georgi beantwortete heute wirkungsvoll mehrere Interpellationen. Eine derselben, die vom jüdisch-nationalen Abg. Dr. Gabel eingebracht ist, betrifft die Erschießung des jüdischen Rekruten Herschkowitsch durch den Korporal Baiint in einer Wiener Kaserne im November. Bisher ^hieß es, der Koryoral hätte geglaubt, blind zu zielen; die Antwort stellte aber folgendes fest: Korporal Baiint lieI3 Herschkowitsch im langsamen Marschtempo im Zugszimmer marschieren, was Herschkowitsch auch tat. Sodann ließ Balint durch zwei .Infanteristen zwei Bänke übereinanderstellen, damit Herschkowitsch über dieselben springe. Da er dies nicht ausführen konnte, ließ ihn Balint durch die Bänke kriechen und rief schließlich, er werde Herschkowitsch erschießen, man solle ihm ein Gewehr bringen. Während ein Infanterist ein Gewehr holte, entnahm Balint aus seinem Koffer eine scharfe Patrone, seiner Angabe nach „einen Versager". Balint lud das Gewehr, brachte es in Anschlag, der Schuß ging los und Herschkowitsch stürzte lautlos zusammen. Die im Zugszimmer anwesenden Personen behaupten, den Eindruck gewonnen zu haben, daß Balint lediglich Scherz machen wollte. Herschkowitsch soll bereits früher von Balint körperlich mißhandelt worden sein. Der genannte Unteroffizier befindet sich in Untersuchungshaft. Unter dem lebhaften Beifall des Hauses gab der Minister dem Gefühle der Entrüstung, das die ganze Armee im vollsten Maße teile, über den geradezu empörenden Vorfall Ausdruck. Amerika „The Jewish Morning Journal" in New York bringt unter dem 2. Dezember folgenden Bericht inbezug auf die Immigration nach Texas: „In New York sind gestern zwei Juden angekommen, welche der Sklaverei im Westen entlaufen sind, wohin sie durch Israel Zangwills Ito verschickt worden waren. Die zwei Opfer dieser Wohltätigkeit von jenseits des Meeres sind Moses Opatowski, 24 Jahre alt, aus Warschau und Isaak Feldmann aus Sinkow, Kiewer Gouvernement. Opatowski befindet sich jetzt im Fremdenasyl, Feldmann ist irgendwo bei seinen Landsleuten. Die Geschichte, die Moses Opatowski erzählt, ist herzzerreißend. Er ist einer jener 75 Immigranten gewesen, die zwrei Wochen nach Sukkoth mit dem Schiff Chemnitz nach Galveston, Texas, gebracht worden sind. Die Geschichte ihrer Ankunft ist damals als ein Glück für die Juden und als der Anfang einer neuen Epoche im jüdischen Leben Amerikas hinausposaunt worden, und man hat die 75