Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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nennung aller dieser Herren jetzt eine Notwendigkeit war. Aber seien Sie überzeugt: Wenn es arische Privatdozenten auf Lager gegeben hätte, sie wären längst ernannt worden. Es sind keine anderen da. Es ist wahr, daß nach Wien eine große Anzahl jüdischer Studenten kommt. Woher kommt es, daß speziell unter den Medizinern so viele in Wien zu bleiben trachten? Weil für den jüdischen Mediziner die Tätigkeit auf dein Lande heute nahezu unmöglich ist. (Widerspruch und Rufe bei den Christlichsozialen: Weil es zu wenig trägt!) Aus Böhmen und Mähren kommt eine Menge jüdischer deutscher Mediziner nach Wien, weil sie als Deutsche in ihrer Geburtsheimat nicht arbeiten können. Die Herren werden zugeben, daß in Mähren überall das Bestreben vorhanden ist, jüngere czechische Ärzte ins Land zu bringen. V/ir haben ja in Österreich noch andere größere Städte als Wien, aber es wird wohl keiner von den Herren daran denken, sich etwa in Graz niederzulassen. Abg. Bielohlawek: Wir sollen alle speisen! Dagegen wehren wir uns! Abg. Dr. Redlich: Es ist ja hier eine so große Anzahl juden, daß zunächst diese zum Speisen da sind. Ich nehme an, daß diese jüdischen Ärzte von Ihren Parteigenossen, Herr Landesausschuß, nicht berufen werden. Es sind hier eine ganze Reihe sehr tüchtiger Leute, die mit der dem jüdischen Elemente häufig zugesprochenen Zähigkeit und Willenskraft arbeiten, einer Willenskraft, die auch unter erschwerten Umständen schließlich dahin führt, die Anerkennung der Ordinarien zu erlangen. An der medizinischen Fakultät gibt es zwei Wege, hinaufzukommen, der Assistentenweg und der Dozentenweg. Assistent zu werden ist an einer Reihe von Kliniken für die Juden vollkommen ausgeschlossen. Infolgedessen verlegen sie sich mit um so größerer Macht auf diesen zweiten Weg, leisten in der Wissenschaft soviel sie können, wenigstens so viel, daß die medizinische Fakultät, die doch ein guter Richter darüber ist, auf die Dauer ihnen die Anerkennung nicht verweigern kann. Es dauert oft sehr lange, aber schließlich ist eine Reihe von ihnen Privatdozenten geworden. Es ist also maßlos übertrieben worden, wenn von einer Verjudung, von einer Judenherrschaft an unseren Universitäten gesprochen wird. Steht man auf dem Standpunkt, daß ein Jude überhaupt keine Staatsbürgerrechte hat . . . Abg. Bielohlawek: Nein. Abg. Dr. Redlich: ... aber es gibt auch Herren, die auf diesem Standpunkt stehen. Abg. Schräm ek: Verhältnis zur Bevölkerung! Abg. Dr. Redlich: Das ist in dem Falle unzulässig. Zunächst vom rein rechtlichen Standpunkt der Staatsgrundgesetze, die jedem die volle Gleichheit vor dem Gesetze, also auch die volle Gleichberechtigung in der Benützung der öffentlichen Institutionen gewähren. Wenn Sie eine Eroberung der Universität zu dem Zwecke wünschen, um die Verjudung hintanzuhalten, so brauchen Sie sich nicht sehr viel zu bemühen. Das geschieht Schritt für Schritt seit einer Reihe von Jahren. Eine jüdische Studentendeputation beim Minister Freitag den 29. November er. empfing der Unterrichtsminister Dr. Marchet im Abgeordnetenhause eine vom Abg. Dr. Mahler geführte Deputation der jüdischnationalen Studentenschaft Österreichs, die aus den Herrn techn. Kamsler (Makkabäa), med. Platschek (Unilas), jur. Rosenheck (Kadimah), techn. Schallinger (Veritas), jur. Winterstein (Ivria) bestand und deren Zweck es war, wegen Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen Österreichs abermals vorstellig zu weiden. Der Sprecher der Deputation, jur. Feldt Winterstein (Ivria), begründete in seiner Ansprache diese Forderung und wies insbesondere auf den der akademischen Freiheit widersprechenden Zwang hin, der auf die jüdischen Studenten bei Ablegung ihres nationalen Bekenntnisses ausgeübt werde. Der Redner erinnerte den Minister an das im Mai d. J. gegebene Versprechen auf rasche Erledigung dieser Angelegenheit und verwahrte sich gegen die erfolgte Einholung eines Gutachtens des Wiener Kultusvorstandes, der, aus einem reaktionären Wahlrecht hervorgegangen, keine Berechtigung habe, ein Interpret der Willensmeinung der Juden zu sein. Der Minister erkannte in seiner Erwiderung die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Frage rückhaltlos an, erklärte jedoch, daß wegen der Arbeitshäufung im Ministerium und der Kompliziertheit der Frage eine Erledigung vor dem nächsten Sommersemester nicht zu gewärtigen sei. Der Abg. Dr. Mahler meinte, daß die Kompetenz der Kultusgemeinde sich lediglich auf Sachen des Kultus erstrecke, daß ein Wiener Kultusvorstand eine die Judenschaft ganz Österreichs bindende'Erklärung nicht abgeben könne und daß bloß die ins Parlament entsendeten Vertreter legitimiert seien, über die nationalen Wünsche und Forderungen eines Volkes Aufschluß zu geben. Er betonte, daß das Bekenntnis zur jüdischen Nation in keiner Weise eine aggressive Tendenz gegen eine andere Nationalität involviere, daß vielmehr eine nationale Lösung der Judenfrage eine Verringerung der zwischen den nationalen Parteien bestehenden Differenzen bewirken würde. Übrigens handle es sieh der jüdischen Studentenschaft bei Anerkennung ihrer Nationalität nicht um Politik, sondern ihre Forderung sei ihnen Ehrensache. Der Minister versprach eine objektive, von fremdem Einflüsse freie Prüfung und Erledigung der Angelegenheit lind entließ die Depntation mit der Versicherung, daß er auch auf die andern Kabinettsmitglieder in diesem Sinne wirken werde. Ein verspätetes Gutachten über Uganda Einer Einladung des Großherzogs von Oldenburg folgend, h:it Staatssekretär Dernbürg am Montag abend in Oldenburg einen Vortrag über seine Reise gehalten, die ihn bekanntlich auch nach Britisch-Uganda geführt hat. Er führte darüber folgendes aus: Die englische Uganda-Bahn ist 584 englische Meilen gleich 94o Kilometer lang, das heißt, ungefähr die Distanz von Oldenburg naen Wien. Sie ist auf einen Meter Spur gebaut und hat in runder Summe 110 Millionen Mark gekostet. Das Land selbst, durch das die Bahn fährt, ist zum großen Teil nahezu unproduktiv. Wenn man den herrlichen Palmenbestand und den in aller tropischen Üppigkeit glänzenden Küstengürtel überwunden hat, folgen mindestens 400 Kilometer, aus denen die Bahn nahezu keinerlei Frachten ziehen kann, unendliche Ebenen, durchaus menschenleer, weil sehr wasserarm. Hier nun hat sich die Gelegenheit gegeben, in. einer geistreichen Ausnutzung der natürlichen Umstände dem Reisenden Bilder zu bieten, wie sie schöner und romantischer nicht ausgedacht werde n können. Die ganze Strecke nämlich ist zu einem W.ildreserval erklärt worden, und auf ihr tummeln sich in Herden von Tausenden Zebras und Gnus, große und kleine Antilopen, Gazellen und Strauße. Während des Baues ist eine große Menge indischer und einheimischer Arbeiter, sind auch mehrere Weiße von Löwen zerrissen worden, und am Tage vor meiner Durchreise war auf der Station Sultan Mamuth eine schwarze Frau wenige hundert Meter vom Stationsgebäude fortgeschleppt worden; ja eine Station trägt direkt den Namen „Löwe" (Simba). Die jetzige Hauptstadt Nairobi teilt die Bahn in zwei etwa gleiche Teile; sie liegt ziemlich hoch und ist deshalb von vielen Europäern dauernd bewohnt. Auch sind zahlreiche europäische Ansiedelungen, besonders von Engländern und Buren, die aus Südafrika ausgewandert sind, um Nairobi gruppiert, und es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob dort eine große weiße Stadt entstehen könne. So wurde sie denn angelegt in prächtiger, extravaganter Weise, mit breiten Avenuen, Baustellen stiegen auf fabelhafte Preise, und die Stadt, die ursprünglich nur entstanden war, um ein Bauzentrum für die Bahn zu bilden, wuchs an den verschiedensten Stellen rapide auf. Aber es zeigte sich, daß auch das Höhenklima nicht vor Seuchen und Malaria schützt; und ferner, dal selbst eine hohe und dünne Luft europäische Arbeit sehr erschwer! weil die tropische Sonne dabei täglich neun bis zehn Stunden dem Arbeiter über dem Scheitel steht. Und so sind denn jene weißen Ansiedelungen um Nairobi, insbesondere da ein Absatz für die Produkte fehlte, wieder sehr stark im Rückgang begriffen, une ein sehr unzufriedenes Element hat sich dort gebildet. Die Bauspekulation ist total zusammengebrochen; Bauplätze, die vor 4 Jahren um 400 Mark zu haben waren, inzwischen aber au: 4000 Mark gestiegen waren, sind heute zum Ursprungspreis kaum mehr anzubringen. So ist denn Nairobi vorläufig noch eine Stadi aus Wellblech, und wenn sie auch einen langsamen Fortschritt verspricht mit der Hebung von Handel und Wandel, so sind docii die extravaganten Erwartungen für eine weiße Ansiedelung bisher unerfüllt geblieben. Auch ein wesentlicher Plantagen bau besteht in Britisch Ostafrika nicht. Er scheitert an der dünnen Besiedelung mit Schwarzen und an der Überzeugung der Regierung, daß das Land in der Eingeborenenkultur eine sicherere Basis finden werde, als wie an der Erzeugung von den Schwankungen des Weltmarkts stark unterworfenen Plantagenprodukten. Teuerung in Jerusalem Die allgemeine Teuerung, die, wie wir jüngst berichteten, in Beirut zu Unruhen geführt hat, hat auch Jerusalem nicht verschont, wo jetzt furchtbare Not herrscht. Getreide und Mehl sind um 50 Prozent im Preise gestiegen. Die Regierung gibt Getreide unter dem Einkaufspreise ab. Indessen sind die vorhandenen Vorräte erschöpft und Geldmittel für neue Ankäufe sind nicht vorhanden.