Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 50 D!E;ÄE--ET 11 Händen entfallen war. Nach der Richtung gibt es keinen Unterschied zwischen germanischen, slavischen und jüdischen Studenten. Abg. Bielohlawek: Nur gegenüber den Katholischen! Abg. Dr. Mahler: Wer ehrlich seine Meinung bekennt, ist ein ehrlicher Mensch! Abg. Bielohlawek: Er wird aber beschimpft und geschlagen. Das ist die Geschichte! Abg. Dr. Mahl er: Auch wir haben eine Jugend, auf die wir siolz sein können. Es ist nichts Kleines, wenn der Jüngling, fast n )ch ein Knabe, an die Universität kommt, sich offen und stolz ais das zu bekennen, was er ist, als Jude. Redner bespricht in seinen weiteren Ausführungen den verfehlten bureaukratischen Lehrplan an den Mittelschulen. Man fürchtet, daß dadurch die Politik in die Schule kommen konnte und züchtet den politischen Radikalismus. Der Vorwurf, daß er sich nicht mit dem Proteste dagegen begnüge, daß man die .' den von den Hochschulen auszuschließen versuche, sei unbegründet. Ein noch so flammender Protest hätte weder der Sache r och dem jüdischen Volke gedient. Wir sind österreichische Staatsi irger und können uns als solche unter keinen Umständen das I .echt nehmen lassen, uns immer zu erheben, wenn wir die geistigen i id kulturellen Schätze der Völker dieser Reichshälfte bedroht Rauben. Redner weist auch den Vorwurf zurück, den man seiner Partei gemacht habe, eine Partei des Rückschrittes, des verkappten klerikalismus zu sein, den Vorwurf, durch Betonung des nationalen Moments einer Entwicklung der Menschheit auf einer breiten kosmopolitischen Basis entgegenzuarbeiten. Die Juden gaben vielfach us Bewustsein des eigenen Volkstums auf, vom Wahne berückt, :it der fremden Kultur auch das fremde Volkstum aufnehmen u können. Die Anbetung der Rasse hat Veranlassung gegeben .! neuen Kreuzzügen, und im Namen der Rasse werden, heute och ebenso viele Grausamkeiten und Verbrechen an den Juden erübt, wie einstmal im Namen Gottes. Ist es der Glaube der luden an die Propheten und die Bibel? Was hat aber der jüdische -eist mit der Medizin zu tun? Glauben Sie wirklich, daß die .luden die medizinischen Disziplinen anders vortragen und Kranke nders behandeln als ein Arier? (Zwischenrufe.) Als Österreicher, icht bloß als Jude, muß ich sagen, die Hochschulen sind bei uns o Österreich vorläufig noch österreichische Hochschulen, die jedem .■hne welche Rücksicht frei zugänglich sein müssen. Wenn wir reudig und willig alle Lasten auf uns nehmen, wenn wir gerne oie Blutsteuer und alle anderen Steuer tragen, verlangen wir auch ias gleiche Recht, nicht nur als Patrioten zu sterben, sondern auch :1s Patrioten zu leben. Redner konstatierte, daß in einer Kundnachung der „Wiener Zeitung" das Departement, dem Abg. Bieohlawek im Landtag vorsteht, den Taufschein als Bedingung für lie Erlangung einer Stelle festsetzt. Abg. Bielohlawek: Wenn ein besserer Christ da ist, wird ier genommen! Es ist halt immer ein besserer Christ da. Ich; ann da nichts machen! Abg. Dr. Mahl er: .Die Vorgänge, die Anlaß zum heutigen )ringlichkeitsantrag gegeben haben, haben ganz deutlich gezeigt, velchem Ziele wir entgegengehen. Weit haben wir es gebracht! i)r. v. Uriel hat die Juden aus dem militärärztlichen Korps herausgedrängt, der niederösterreichische Landesausschuß aus dem Dienste ies Landes, dieselben Herren aus dem städtischen Dienste. Oberall ürmen sich die Ghettomauern um uns auf, und da kommt man nit dem Vorwurf, die Juden scheuen eine produktive Arbeit, sie ind Parasiten. Von 900 000 Juden in Galizien wären mindestens ieben Achtel glücklich, wenn sie einen Fußbreit Landes ihr eigen nennen könnten. Präsident: Aber ich möchte Sie doch ersuchen, wiederum zur Frage der Dringlichkeit des Antrages Masaryk zurückzukehren. Abg. Dr. Mahl er: Ich weiß ganz gut, daß die jüdischen Hochschullehrer nicht in unserem Lager stehen und oft unsere heftigsten Feinde sind. Das wird mich aber nicht hindern, für ihr Recht einzutreten. Die jüdischen Gelehrten haben noch keinem Volke, keiner Nation zur Schande gereicht. Und wer wird es wagen zu behaupten, daß dieser jüdische Geist den Hochschulen zur Schande gereichte? Wenn man uns auch ärger denn als Stiefkinder behandelt, wenn man uns unseren Platz an der Sonne auch rauben will, wir werden nie aufhören, als vollberechtigte Söhne des Landes uns zu fühlen. Wenn wir auch nicht die Straße zur Durchsetzung unserer Forderungen mobilisieren können, so können wir doch die Geister zu einem Kreuzzug gegen Verleumdung und Lüge mobilisieren. Es gibt tatsächlich nichts Dringlicheres, als Sicherheiten für den Schutz der Freiheit der Wissenschaft und der Forschung, für den Schutz der Glaubens- und Gewissensfreiheit zu verlangen. Oer beste Schutz allerdings ist einzig und allein in diesem Hause selbst zu suchen. Sie, die sich nicht nur fortschrittlich nennen, sondern es auch wirklich sein wollen, Sie brauchen nur zu wollen und dann ist es kein Traum, dann ist es kein Märchen, dann muß es Wahrheit werden, das Wort von den Segnungen des Friedens und des Fortschrittes. (Lebhafter Beifall.) Der deutschfortschrittliche Abgeordnete Redlich entrollte in seiner Rede eine bemerkenswerte Statistik der jüdischen Lehrkräfte an den österreichischen Hochschulen. Diese Statistik wirkt mit ihrer absoluten Ausschließung aller Juden von den Lehrstühlen gegenüber den Klagen der Christlichsozialen über die „Verjudung" der österreichischen Hochschulen direkt grotesk und ist im weiteren ein sehr trauriger Beweis für die Ungleichheit der Juden vor dem Gesetze in Österreich und aber auch für den Bankerott ihrer feigen Taufpolitik. Abg. Redlich führte aus: Zunächst eine kleine Statistik der juridischen Fakultät An dieser sind 15 Ordinarii, von denen 11 im Sinne der Rassentheorie vollständig makellos dastehen, 4 sind Nichtarier. Von diesen sind 2 in den Schoß der Kirche eingetreten. (Zwischenrufe.) Dann sind 7 systemisierte Extraordinärii, Hier steht in der Statistik noch: 1 Arier, 6 Nichtarier. Seit vorgestern gibt es keinen arischen Extraordinarius mehr. Dieser Unglückliche ist wirklich Ordinarius geworden. (Heiterkeit.) Also 6 Extraordinärii, von denen 5 getauft sind, einer ungetauft. Von den 31 Privatdozenten sind 17 Arier, 14 Nichtarier, davon 3 ungetauft. Diese große Zahl der jüdischen Extraordinärii an der juridischen Fakultät Wien, die im ersten Augenblick verblüffend wirken könnte, wird sich aber, wenn wir den Standpunkt der Gerechtigkeit einnehmen, sofort ganz anders darstellen. Wie stellt sich das Rangverhältnis des vorgestern neuernannten Ordinarius zu den übrigen Herren: I8V2 Jahre, 7^2, 6V2, 5V2. Jahre sind diese Herren Extraordinärii. Nur bei einem jüdischen Extraordinarius ist die Zahl der Jahre geringer. Unter den sechs Extraordinarien sind Männer, die viel geleistet haben, darunter einer, der wirklich Hervorragendes in der volkswirtschaftlichen Literatur geleistet hat: Grünberg. Er ist seit einer Reihe von Jahren Extraordinarius und ist von sämtlichen Ordinarien als Ordinarius vorgeschlagen worden. Man hat eine Form finden wollen, in der es möglich wäre, die Sache durchzuführen. Es ist gescheitert. Als Professor v. Wies er von der Prager Universität nach Wien ging, wurde eine förmliche Nachsuche in Deutschland gehalten, bis man endlich einen ganz jungen, sehr tüchtigen, hochachtbaren Kollegen, Dr. Weber, fand, einen Arier, welcher erklärte, er könne die Stelle nur annehmen, wenn Professor Grünberg seine Zustimmung gebe. So handelt ein Ehrenmann, ein feinfühliger Mensch. Professor Grünberg ist nebenbei gesagt Katholik, was vom Standpunkt jener Herren, welche die Taufe nicht als etwas ganz Gleichgültiges auffassen, vielleicht etwas mehr zu berücksichtigen wäre. (Heiterkeit.) Unter den Privatdozenten sind 17 Arier, 14 Nichtarier. (Rufe bei den Christlichsozialen: Der Nachwuchs!) Unter den arischen Privatdozenten sind zwei Sektionschefs, zwei Hofräte, ein Sektionsrat, ein Regierungsrat, zwei ordentliche Professoren der Technik, ein ordentlicher Professor an der Hochschule für Bodenkultur, ein emeritierter Advokat, der schon ein hoher Sechziger ist, ein ehemaliger steirischer Landesausschuß, der sich von der Politik zurückgezogen hat, und Kollege Dr. Groß. Diese Liste zeigt schon, daß die Privatdozenturen für diese Herren etwas anderes sind als eine Karriere. An der philosophischen Fakultät, die überhaupt der Stolz unserer Universität ist, sind 48 ordentliche Professoren, davon drei Nichtarier, von diesen einer ungetauft. Ist das die Judenherrschaft? Unter den außerordentlichen: 17 Arier, 4 Nichtarier! An der medizinischen Fakultät sind 23 Ordinarii, davon zwei Juden. Darunter ein Mann, gegen den auch die wütendsten schönerianischen Rassentheoretiker nichts vorbringen werden, Professor Zuckerkand 1. Ein Mann, der vom ersten Tage seiner akademischen Tätigkeit Ehre und Ansehen in der ganzen Studentenschaft genießt. Der zweite ist Professor Schnabl. Von 40 Extraordinarien sind 13 Nichtarier. Und nun kommt der „Schandfleck", Von den 156 Privatdozenten an der medizinischen Fakultät sind 66 Arier. (Rufe bei den Christlichsozialen: Also 90 Juden.) Nach der Anschauung des Redners ist die Zahl der Privatdozenten an dieser Fakultät überhaupt eine zu große. Bei den Habilitierungen an der medizinischen Fakultät gilt der Satz: peccatur intra muros et extra. Hier ist ein gewisses System geübt worden, welches zu mißbilligen ist, um so mehr, als bei den Medizinern der einzige Fall vorhanden ist, wo der Dozententitel tatsächlich materielle Vorteile mit sich bringt. Unter den Ernennungen, die Ihren Unwillen erregt haben und die auch dem Herrn Bürgermeister zu seiner Expektoration Anlaß gaben, sind von den neun Herren sieben Nichtarier. Von diesen sind drei oder vier Theoretiker. Auch hier ist sehr wohl der Einwand berechtigt, ob denn gerade die Er-