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Die Welt · 1907-12-13 · 50 (13.12.1907) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
50 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
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und plump — in piner Dumarede. Und der unermüdliche Interviewer des „Hazman", Herr Solotucha, hat eine Unterredung mit einem der bedeutendsten Oktobristen, Herrn Schubinski, wiedergegeben, die Herrn Schubinski als einen Vollblutantisemisten erscheinen lassen. Anderseits behauptet Baron Mayendorf für die Gleichberechtigung zu sein, aber die Duma im großen und ganzen ist und bleibt reaktionär. Was hilfts, daß der gewesene Minister der Volksaufklärung, Graf Tolstoi, in einem neulich erschienenen Buche(„Fakty iMysli")sich nicht nur für die bürgerliche, sondern auch für die national-kulturelle Gleichberechtigung ausspricht? Sind es doch nur jetzt Träume, goldene Träume; Ohne Hast, aber ohne Rast geht die Reaktion ihren Gang. Die Konflikte und Spannungen mehren sich. Anstatt eine Bändigung des entzügelten Pöbels, wird die Pogromlust durch die Begnadigungen verschärft. Die Arbeiter des russischen Verbandes von Golowka sind mit dem kaiserlichen Porträt beschenkt worden. Während der Prozeß Verhandlung, in Orscha hat es sich herausgestellt, daß Polizisten einfach die Bauern zum „Pogrom" dringlichst gerufen haben. Nach dem Kischenew-Pogrom 1903 ließ das Gericht solche Dinge nicht öffentlich vorbringen. Jetzt spricht und schreibt man über all dies ganz offen, und es macht keinen Eindruck mehr. Erst in den letzten Tagen wurden fünf Angeklagte in Angelegenheit des Kert scher Pogroms begnadigt. Aus Odessa kommen immer noch Hiobsposten. Der „blutige Tag", ob man ihn „Pogrom" nennt oder nicht, war kein Mythos, die Liste der verwundeten Juden war in allen Zeitungen abgedruckt. — In Charkow wurden zwei wegen Selbstwehr angeklagte Juden, Sabinski und Herlowski, zu 1 und zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt — In Kiew hat man auf Grund der Universitätsdemonstrationen die meisten jüdischen Studenten ausgewiesen. Es ist dies unter den gegenwärtigen Umständen auch ganz natürlich. Viele haben durch Protektion und „auf dem Gnadenwege" die Erlaubnis zum Universitätsbesuch erhalten; nun findet man sie bei einer Demonstration, bei der sich alle Studierende, die nicht zur schwarzen Bande gehören, beteiligten. Kann man es denn anders erwarten? Es ist für die Lage gleichgültig, denn wo keine Juden da sind, erfindet man sie. In ganz Rußland verbreitete man die Nachricht, die erschossene Anführerin des letzten militärischen Komplotts in Wladiwostok sei eine Jüdin gewesen. Das trifft nicht zu, aber da hilft keine Widerlegung. Die Situation war nie so verwickelt wie jetzt. — In Petersburg hat die Polizei im Asyl des Frauenschutzes eine Haussuchung vorgenommen, um sich zu vergewissern, ob dort nicht Mädchen beherbergt werden, die kein Wohnrecht in Petersburg haben. — Eine jüdische Gruppe in Lodz hat beschlossen, daselbst eine Filiale des in Warschau existierenden Jüdischen National klubs zu eröffnen. — In Odessa wirtschaftet der Verband der Echtrussen ganz nach dem Muster der terroristischen Berufsorganisationen Er mischt sich oft in Familienstreitigkeiten, in häusliche Zwistigkeiten und droht mit Gewalttätigkeiten, indem er seine Agenten beauftragt, in seinem Namen Forderungen zu stellen. — Das Polizeidepartement hat bei dem Odessaer Generalgouverneur angefragt, warum die Echtrussen, die unlängst einen Einbruch und Mord vollzogen haben, bis jetzt nicht bestraft worden sind. — In Grodno wurden für jüdische Lehrer pädagogische Kurse eröffnet. Es ist dies eine Gründung der jüdischen Bildungsgesellschaft in Petersburg. o°° NACHRICHTEN X °° v—-____jj Aus dem österreichischen Reichsrat Bei Beratung des Antrags Masaryk betreffend Garantien für die Freiheit der Wissenschaft und der Hochschule kam als erster Redner nach dem Antragsteller der jüdisch-nationale Abgeordnete Dr. Mahler in einer bemerkenswerten Rede zu Wort. Abg. Dr. Mahler führte aus, der in Verhandlung stehende Dringlichkeitsantrag repräsentiere eigentlich den Kampf um das Dasein der Ideen. Er richtete sich seinem Wesen nach weder gegen die Kirche noch gegen ein Dogma, noch gegen Äußerungen einer einzelnen, sei es noch so mächtigen Person, und es sei auch nicht die Furcht vor der Eroberung und Bedrohung, die ihm ein gegeben habe. Es ist etwas so Selbstverständliches, daß es fast beschämend ist, es wiederholen zu müssen, daß Universitäten überhaupt nicht erobert werden können; sie können höchstens vergewaltigt werden. So bedeutet die Eroberung der Universitäten die Aufhebung der Freiheit der Forschung, und damit hört die Universität auf, zw sein, was ihr allein Wert gibt: Der Ausgangspunkt der geistigen Entwicklung. Die großen Geisteskämpfer Deutschlands haben nicht danach gefragt, ob ihr Denken angenehm oder unangenehm, sie suchen die Wahrheit und geben damit der Welt und ihrem Volke das Beste, was überhaupt gegeben werden kann. Redner erhebt feierlich Protest dagegen, als ob jemals Lehrer oder Lernende seines Volkes oder seiner Partei die Universitäten zu Umsturzideen hätten mißbrauchen wollen. Das jüdische Volk erblickt in den Hochschulen heilige Schätze der menschlichen Kultur, die ihren Zwecken zu entziehen wir als ein Verbrechen an der Menscheit betrachten würden. (Beifall.) Darum begleiten wir auch mit so inniger Anteilnahme den Kampf, den Völker um die Erlangung ihrer Hochschulen führen. Einem Volke seine Hochschule zu verweigern, ist ein Verbrechen an dem Geiste der Menschheit und der Menschlichkeit. Abg. E. v. Stransky: Dem jüdischen Volke geben wir gerne eine Hochschule, aber sie müssen alle hingehen! Abg. Dr. Mahl er: Wenn ich im Namen der Menschlichkeit verlange, daß alle Völker die Möglichkeit haben sollen, ihre Kultur auszubilden, ist es eines Deutschen nicht würdig, dagegen zu sprechen. Abg. E. v. Stransky: Ich spreche ja dafür! Wir wollen für das jüdische Volk eine Hochschule geben, aber sie müssen alle hingehen! Abg. Dr. Mahl er: Die Menschheit ist nicht so reich an Ta lenten und Genies, daß sie auch nur auf eines derselben verzichten könnte. Es gibt überhaupt keine revolutionären und keine umstürzlerischen Wissenschaften. Was den Wissenschaften hier unterschoben wird, sind Tendenzen und die Wissenschaft ist ihren ganzen Wesen nach tendenzlos. Die Wissenschaft untersucht frei, ohne Voreingenommenheit, ohne Rücksicht auf die Resultate zu nehmen, zu denen sie komnu Findet nun die Religion respektive ihre berufenen Vertreter, da; die Wissenschaft zu Resultaten gekommen ist, die mit ihrer Lehre nicht übereinstimmen, so ist es Pflicht der Religion, zu versuchen, diesen Widerspruch aufzuklären. Vermag sie nachzuweisen, da: die Wissenschaft im Irrtum ist, so wird niemand dankbarer ein solche Belehrung aufnehmen als die Wissenschaft selbst. Eine Wissenschaft, die ihrem Wesen nach gegen die Religion gerichte* wäre, gibt es überhaupt nicht und kann es nicht geben. Da wäre eine contradictio in adjecto. Der Haß gegen die Wissen schaft ist ja begreiflich, da die Wissenschaft, ihre Jünger und ihr Träger, ein Bollwerk bilden gegen die Zwingburgen des Hasses die man nicht nur gegen uns Juden, sondern gegen alle aufzurichten versucht, die anders zu denken wagen, als es stadtbehörd lieh in Wien genehm ist. Als der Schachzug gegen die Hochschul lehrer mißlangt mußten die Studenten als Sündenbock herhalten Es sollte sich alles Gesagte auf die Skandalszenen beziehen, dere: Schauplatz die deutschen Hochschulen in letzter Zeit gewesen seien. Redner kenne das. studentische Leben genau. Man wirci innerhalb und außerhalb Österreichs nicht einen Professor finden, der das Saufen, Raufen oder Kartenspiel der Studenten billigen würde. Wer wollte es leugnen, daß die Studenten manchmal über die Stränge schlagen, daß ihr junges Blut sie fortreißt. Aber seien wir glücklich, daß sie bereit sind, für die idealen Güter ihre ganze Persönlichkeit einzusetzen, ohne danach zu fragen: Was trägt es mir ein? Gefährde ich dadurch meine Existenz? (Beifalb Die Studenten waren immer Bannerträger des nationalen Gedankens, welche die Fahne ihres Volkstums hochhielten, wenn sie schwachen

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