Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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12 DIEMELT No. 50 nahm die Mutter in die Hand. Ich lernte alles, was Mädchen in guten Häusern, zu lernen pflegen, und noch manches darüber hinaus. Ich besuchte auch einen höheren Kurs in einem Institute der nahegelegenen Großstadt. Bei dieser Gelegenheit machte ich die Bekanntschaft vieler Mädchen, denen ich mich freundschaftlich anschloß. Durch sie kam ich in Kreise, die sich gewaltig unterschieden von unserer Familie, gelangte in Berührung mit Menschen, die andere Anschauungen hatten als der Vater, lernte Gebräuche kennen, die frei waren von jenen Ketten, die man bei uns zu Hause bei jedem Anlasse klirren hörte. Mein Vater wußte von dem allen und hieß es stillschweigend gut. Sein Grundsatz war: Ein Mädchen darf alles lernen, dehn es kann ihm nicht schaden. Von dem Einflüsse eines freien Bildungs- und Entwicklungsganges auf die Psyche hatte der Vater keine Ahnung. Die Mutter, die es wissen mochte, konnte die Geister, die sie heraufbeschworen, nicht mehr bannen. (Schluß folgt) o o o o C o o o]) o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o o o o o Deutschland Breslau: Am Donnerstag den 7. November sprach hier Herr Dr. Schemarjah Lewin über „Jüdische Erziehungsprobleme in Palästina". Etwa 800 Zuhörer hatten sich eingefunden und folgten mit gespanntester Aufmerksamkeit den Ausführungen des Redners. An Stelle der Diskussion trat eine Beantwortung von schriftlich übergebenen Anfragen an den Redner, die diesem noch Gelegenheit gaben, über verschiedene irn Verlauf seiner Rede nicht berührte Fragen Auskunft zu geben. Am Sonnabend den 7. Dezember fand ein Chanukafest statt. Die Breslauer Zionisten hielten es für richtig, in diesem Jahre auf ihr übliches Makkabäerfest zugunsten dieses Festes zu verzichten, das von einem allgemeinen jüdischen Damenkomitee in Aussicht genommen war und dessen Reinertrag für jüdische Wohlfahrtseinrichtungen in Palästina bestimmt worden war. Diese Rücksichtnahme erwies sich durch das Fest selbst als durchaus berechtigt und geboten. Verschiedene Mängel, unter denen unsere früheren Makkabäerfeste gelitten hatten, fielen weg, — der Ertrag des Festes war ein erheblich höherer (er dürfte 800—1000 Mark erreichen), — dieser fließt Zwecken zu, an deren Förderung auch uns überaus gelegen ist, vor allem dem Jaffaer hebräischen Gymnasium und der zu gründenden misrachistischen Mittelschule, — und last not least: es war ein wirklich schönes, gemütliches, stimmungsvolles jüdisches Volksfest im besten Sinne des Wortes. Das Fest begann mit Rezitationen von Poesien von Rosenfeld, Zlocisti, Heine, Löwenberg und Beer-fiofmann, die Fräul. Melitta Lustig in wirkungsvoller Weise vortrug. Den musikalischen Teil führten Frl. Else Weiß vom Breslauer Stadttheater (Gesang), Herr Heinz Aschkowitz (Violine) und Herr Heinrich Freyhon (Klavier) unter großem Beifall der Zuhörer aus. Es folgte eine halbstündige Pause, während der die etwa die Zahl 400 erreichenden Festteilnehmer sich in den sehr hübsch ausgestatteten Basarbuden an belegten Brötchen, Würstchen, Kuchen, Selters und Bier stärkten. Gegen Mitternacht wurde bei magischer Scheinwerferbeleuchtung ein „Orientalischer Schleiertanz" von sechs jungen Damen in orientalischer Kostümierung aufgeführt. Die anderen vergnügten sich inzwischen am Tanze. Bremerhaven: Sonntag abend Vortrag des Herrn Dr. W. Unna aus Altona: „Modernes Judentum". Kurze Skizze über Entstehen und Bestehen des Judenhasses. Notwendigkeit der Schaffung eines Kulturzentrums und eines jüdischen Bauernstandes behufs steter Regeneration des im Aussterben begriffenen alten Stammes. Großer Applaus. Sympathische persönliche Kundgebungen aller Zuhörer und Zuhörerinnen. Verschiedene Neuanmeldungen. Chemnitz, 7. Dezember 1907. Am 4. Dezember sehr gut gelungene Makkabäerfeier. Musikalische und deklamatorische Vorträge. Festrede: Kantor Blitz-Dessau. Ca. 120 Personen. Tanz. Sehr lohnender Postkartenverkauf. N. F. Büchsen waren aufgestellt. Hannover: Am Mittwoch hielt Dr. Elias Auerbach einen Vortrag über Taufen und Mischehen im Judentum. Das interessante und aktuelle Thema hatte viele Nichtzionisten und auch Nichtjuden zum Besuch veranlaßt, und der reiche Beifall, der nach der 8/*stündigen, äußerst maßvoll und ungemein fesselnd vorgetragenen Rede einsetzte, bewies, daß die Ausführungen dem Empfinden wohl aller Anwesenden entsprachen. Die angeregte Debatte, die sich dem Vortrag anschloß, zeigte, daß es auch hier Frauen und Männer gibt, welche, mit dem Fortschreiten der Neuzeit wohl einverstanden und sich ihm anpassend, doch fest und treu ihrer Religion und ihrem alten Volke anhängen. Der interessante Abend klang aus in einem Appell an die jüdische Jugend, fest zu halten am alten, guten Glauben und stolz darauf zu sein, Jude zu sein und zu bleiben. Die Vereinigung Dorsche Schlom Zion, hielt am 1. Dezember d. J. im Kriegerheim eine Chanukafeier ab. Nachmittags 4 Uhr fand ein Kinderfest, verbunden mit Kinderkaffeetafel, Chanukalichtzünden und einer hebräischen Ansprache über Chanuka, dann Kinderbeschenkung statt. Abends 8 Uhr fand die große Feier statt, die von ca 300 Personen besucht war. Dann zündete Herr Rachmiel die Chanukalichter unter Begleitung des Synagogenchores an. 12 Uhr fand eine Kaffeetafel statt, dabei hielt Hanna Tennenbaum eine hebräische Ansprache über Chanuka. Herr J. Schnelling begrüßte im Namen der Zion-Vereinigung das Publikum und forderte zum Beitritt in die Vereinigung auf. Fürth, den 2. Dezember 1907. Aus Anlaß des Chanukafestes veranstaltete die Ortsgruppe Nürnberg-Fürth gestern im Restaurant Tauber in Fürth einen Familienabend mit deklamatorischen und musikalischen Darbietungen, woran sich zionistische Damen und Herren in dankenswerter Weise beteiligten. Bei außergewöhnlichem Besuche verlief der Abend zu aller Zufriedenheit. Straßburg: Am Sonntag den 30. November hielt unsere Ortsgruppe ihre Makkabäerfeier ab, bei der Herr Julius Simon aus Mannheim in liebenswürdiger Weise bereitwilligst die Festrede übernommen hatte. In ruhiger, sachlicher Form, die allgemein einen wohltuenden Eindruck ausübte, führte uns der Redner in seinem Vortrage von der Assimilation zur Zeit ues Hellenismus und der Kämpfe der Hasmonäer zu der Assimilation der heutigen Zeit und zu Herzl und der zionististischen Organisation der Gegenwart und wies auf das neuerdings zutage tretende intensivere Interesse für Palästina hin. Dankbar begrüßte man Herrn Simon, als er später noch in meisterhafter Weise aus dem Stegreif die schöne Stelle von Simson und Dalila aus der Bibel rezitierte. Durch Kartenverkauf und amerikanische Versteigerung eines Chanukahleuchters wurde dafür gesorgt, daß der Nationalfonds nicht zu kurz kann. Frankfurt a. M.: Samstag den 7. crt. beging die Frankfurter zionistische Vereinigung im großen Saale des Börsenrestaurants