Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Herr Doktor, da kann ich vielleicht nie wieder kommen." Ich blicke auf. Vor mir steht eine schlanke Gestalt. Blasses, ruhiges Gesicht, dunkles Haar, sprechend schwarze Augen. Haltung selbstsicher. Sie ist in Trauergewand gekleidet. Ich erhebe mich und lade sie zum Sitzen ein. Johann verläßt das Zimmer. Ich beginne: „Verzeihen, Gnädige. Aber ich bin nach einem Tage schwerer Arbeit müde. Da behält man gerne die Nacht für sich." Und indem ich mich bemühe, verbindlich zu lächeln, füge ich hinzu: „Ganz zu Ihren Diensten." Sie erwidert ruhig: „Ich will meine letztwilligen Verfügungen treffen und möchte mir hierzu Ihren Rat erbitten." — „Ihre letzwilligen Verfügungen? In diesem Alter, in dieser Jugend? Wö einem noch die Rosen auf den Wangen blühen? Sie zitiert die Bibel: — „Deine Tage gleichen einem Schatten, der vorüberzieht." — „Ihr Leben steht in der Mittagssonne, da gibt es keine Schatten." — „Sie täuschen sich. Meinem Leben hat keine Sonne geleuchtet. Nie. Ich war ein armseliges Schifflein, das auf hoher See von bösen Stürmen erfaßt, gerüttelt und geschüttelt und zerschmettert wurde." Ihr Auge umflort sich. Ich schaue sie prüfenden Blickes an: Zweifelsohne, sie ist eine Jüdin. Eine kleine Pause entsteht. Hierauf beginne ich: „Wollen Sie nicht ablegen, Gnädige? Es wird Ihnen zu warm werden im geheizten Raum." Sie erhebt sich, legt Hut, Mantel und Handschuhe ab und schweigt. Ich nehme den Faden wieder auf: — „Gnädige kamen zu mir außer den Geschäftsstunden. Gestatten Sie mir auch, daß ich Ihren Besuch nicht allzu geschäftsmäßig behandle. Darf ich eine Tasse Tee einschenken? Sie nickt bejahend und fügt hinzu: „Bitte". Und dann: „Ich beneide Sie um Ihr ruhiges, glückliches Heim," Hierauf führt sie das Glas an ihre Lippen. Sie schlürft den Tee langsam, bedächtig. Man merkt es ihr an, daß sie um das erste Wort in ihrer Angelegenheit kämpft. Kleine Fältchen entstehen auf der weißen Stirne. Ich komme ihr zu Hilfe. — „Es muß wohl eine dringende Sache sein, die Sie, Gnädige, zu mir in so später Abendstunde führt. Bs wird wohl keine gewöhnliche letztwillige Verfügung sein?" — „Ich bin verwitwet, bin eitern- und kinderlos. Morgen gehe ich auf Reisen. Wohin? Das ist unbestimmt. Möglich nach Nord, möglich nach Süd. Sterbe ich morgen in Rom oder übermorgen in Stockholm, dann wird wohl niemand nach mir fragen. Aber wohl möglich nach meinem Gelde, das nicht unbeträchtlich ist." — „Die nach Ihrem Vermögen forschen werden, können dazu nur berufen sein."— — „Das eben ist's. Berufen dazu sind meine Verwandten. Und gerade die sollen ausgeschlossen werden." Die letzten Worte hat sie eher geschrien als gesprochen. Ihre Augen bekamen einen rötlichen Schimmer. — „Wem wollen Sie dann Ihr Vermögen testieren?" — „Das ist's ja, um dessentwillen ich mir Ihren Rat erbitten wollte." — „Da müßte ich, Gnädige, zunächst Ihre Intentionen kennen. Weiß ich ja nicht einmal, wes Volkes Kind, ja, welcher Religion Sie sind? — „Ich bin dem Stamme nach Jüdin, meine Religion ist katholisch." Ich werde stutzig. Die Geschichte beginnt mich zu interessieren. Ich sage mit Nachdruck: — „Ich bitte, Gnädige, mich nicht mißzuverstehen. Nichts liegt mir so fern, als in Ihr privates Leben unbefugt einzudringen. Aber Sie verlangen von mir einen Rat, den ich Ihnen bei vollständiger Unkenntnis Ihrer Verhältnisse unmöglich geben kann. Ich kann Ihnen die Form zur Enterbung Ihrer Verwandten zeigen. Undenkbar ist es mir aber, Ihren letzten Willen in irgendeiner positiven Richtung zu beeinflussen." Sie schlürft den Tee, während ich spreche. Ihre zarte Hand zittert. .Die blassen Wangen überziehen sich mit einem feinen Rot, das dunkel und dunkler wird. Sie führt sichtlich einen innern Kampf. Endlich erhebt sie sich. Sie schreitet einige Male im Zimmer auf und ab und bleibt vor einer hohen Bücheretagere stehen, an deren Vorsprung sie sich anlehnt. Ich trage ihr einen Sessel nach und lasse sie sitzen. Ich nehme ihr gegenüber Platz. Der Feuerschein wiederspiegelt sich in ihrem Gesicht und färbt es rot. Sie ist mit ihrem geneigten Haupte und halboffenen Augen wie ein Traumbild anzuschauen. v In meinem Zimmer herrscht Ruhe. Es knattern nur die Flammen im Ofen. Und durch das Fenster sieht man die großen Schneeflocken, wie sie vom Himmel fallen, durcheinander wirbeln und zu Boden sinken. Und die Dame sagt mit trauriger Stimme: — „Ich will Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählen." Ich wurde in einer mittelgroßen galizischen Stadt geboren. Meine Mutter war eine ungarische Jüdin, die, aus gutem, aber armem Hause stammend, an meinen Vater verheiratet wurde. Der Vater war ein strenggläubiger Jude, dessen ganze Welt sich auf Heim, Geschäft und Bethaus beschränkte. Er lebte mit meiner Mutter ruhig und zufrieden, ohne daß er es verstanden hätte, sie in Liebe an sich zu ketten; denn sie waren beide grundverschiedenen Charakters und hätten sich gar nie zur Lebensgemeinschaft vereinigt, wenn sie Gelegenheit gehabt hätten, ihre Herzen zu prüfen. Aber sie waren jung und unerfahren, als sie den Myrtenkranz auf ihre Häupter drückten. Im übrigen hat die Mutter dem Vater nie Grund zu Klagen gegeben, Sie war eine mustergültige Hausfrau, die ihr Leben nur den Kindern weihte, und da sie ihren Gatten in der Betätigung seiner Frömmigkeit nicht störte, im Gegenteil sich seinem Lebenswandel mit seltener Geschmeidigkeit anschloß, so gingen die Jahre an uns ganz lautlos vorüber. Wir waren unser drei: Zwei Brüder und ich, die Söhne erzog der Vater in traditioneller Weise: das Hauptgewicht legte er auf das Studium des Talmud und ließ sie nur nebenher auf profanem Gebiete durch Hauslehrer zweiter Güte unterrichten. Meine Erziehung hingegen