Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 DIEEqKELT No. 50 steinigen Boden. Auf lange Strecken ist kein lebendes Wesen sichtbar. Dann sieht man Hunderte von Geiern aufsteigen und über einem gefallenen Pferde kreisen. Oder es taucht eine Kamelkarawane am Horizonte auf; in stumpfer Gelassenheit schleppen die Tiere ihre schwere Last auf der uralten Via maris von Haifa nach Damaskus. Wo sich die Steppe zur kaum angedeuteten Talmulde aushöhlt, weiden große Herden von Rindern, Stuten und Schafen, und gutgekleidete Beduinen, wohlhabende Nomaden hocken vor ihren Zelten, die mit Schilfwänden umgeben sind. Weiter nördlich kommt der Reisende in angebaute Gegenden. Fahrstraßen, rote Dächer und Abholzung der Waldgehege bekunden die Nähe von Tscherkessen. Aber der Blick haftet nur an den seltsamen Hügeln, die in langer Reihe am Horizont auftauchen. Obgleich sie sich bis zu 1294 Meter über den Meeresspiegel erheben, erscheinen sie nicht hoch, da die Ebene selbst schon 1000 Meter hoch liegt. Aber ihre Form ist äußerst auffällig: lauter abgestumpfte Kegel, deren oberer Rand je ein tiefes Becken umschließt. Sofort erkennt auch der nicht geologisch Geschulte, daß er erloschene Vulkane mit eingesunkenen Kratern vor sich hat. Wie mögen hier einst die unterirdischen Mächte getobt haben, die aus zahllosen Feuerschlünden ungeheure Lavamassen emporsandten! Diesen Gewalten verdankt auch der rätselhafte See Birket ran, der Phiala- See der Alten, seine Entstehung: ein eingesunkener Krater von 1600 Meter Umfang, mit Wasser gefüllt. Er hat an der Oberfläche weder Abnoch Zufluß. Woher kommen die Wassermengen, die das verdunstende Volumen ersetzen? Die Regenfälle und die wenig ergiebigen Uferquellen allein könnten den Ausgleich nicht bewirken; im Innern des Kraters müssen verborgene Wasseradern pulsieren. Die Phantasie hat den geheimnisvollen See mit allerhand Sagen umkränzt. Die Alten fabelten, er sei das Quellreservoir des Jordan; Häcksel, den man hineinwarf, sei bei Bänijäs wieder zutage getreten. Die heutigen Anwohner aber machen den Fremden darauf aufmerksam, daß die Mitte von Pflanzenwuchs frei ist, und behaupten, dort sei ein furchtbarer Strudel, an den sich kein Fahrzeug heranwagen dürfe. Oder sie erzählen, einst habe da, wo sich jetzt der See ausbreitet, eine blühende Ortschaft gestanden. Aber die Bewohner hätten das heilige Gastrecht schnöde verletzt. Da sei der Zorn des rächenden Gottes über sie gekommen: unter Donnerkrachen sei das Dorf in unmeßbare Tiefe gesunken, und hervorsprudelnde Gewässer hätten es bedeckt. Viel Herrliches ist in Palästina in Grabestiefe versunken, weil das Volk den Zorn der Gottheit herausgefordert hatte. Nicht mit Unrecht spricht man von einem Fluche, der auf dem Lande liegt. Aber die Pracht, die es trotzdem in jedem Frühling entfaltet, gibt Zeugnis davon, daß es nicht tot ist, sondern nur schläft. Es wartet des großen Frühlings, da „die Wüste und Einöde lustig sein wird und das dürre Land fröhlich stehen und wird blühen wie die Lilien". o O o f□□□□□□ o -o FEUILLETON =s\ □ O □ □ □ □ j DER LETZTE WILLE von David Rothblum — „Johann! — Johann!" — „Zu Befehl, Herr Doktor! — „Johann, löschen Sie in der Kanzlei die Lichter aus. Machen Sie Feuer an und lassen Sie, wenn's brennt, das Obertürl offen, damit ich die roten Flammen sehen kann. Bringen Sie die Teekanne herein und die ägyptischen." — „Zu Befehl, Herr Doktor!" — „Warten Sie einen Moment. Wie schaut's denn draußen aus?" — „Es schneit in großen Flocken." — „Dann bleibe ich erst recht daheim. Nun bringen Sie mir auch den Leuchter dort. Wieviel Lichtlein werden Sie heute anstecken, Johann? — „Acht, Herr Doktor. — „Du bist ein Malefizkerl. Trag dich hinaus!" Er grinst vergnügt und geht. Ich trete ans Fenster. Er hat recht: es schneit in großen Flocken. Und die Flocken wirbeln durcheinander wie weiße Flaumfedern, die kleine Engelchen in sträflichem Übermut aus einer himmlischen Bettdecke auf die Erde schütten. An der Fensterscheibe bleiben sie haften, behalten einen Augenblick ihre Form, um sich bald in einige Tropfen aufzulösen, die ihren Halt verlieren und das glatte Glas abwärts rinnen. Es ist ein fein Ding, in diesen weißen Wirbel zu schauen. Sie stammen, alle die Flöckchen und Flocken, aus derselben Quelle und gehen, fallen dem einen Ziele entgegen. Es ist gut, nach einem Alltage voller Mühe, diese Augenblickskinder zu betrachten, wie sie kommen und gehen. Wie sie auf ihrem kurzen Lebenswege aneinander stoßen, miteinander streiten, sich gegenseitig ihrer Freiheit berauben, um in nichts zu zerfließen. Um sich im Abgrund zu vereinigen. . . . Johann bringt die Menorah. Ich entzünde die Kerzlein und stelle den Achtarmigen aufs Fenster. Und ich spreche hierbei die Worte meines Vaters: Mischum pirsuma nissa. Nun bringt er auch die dampfende Kanne. Wie rasch er nur sowas fertig zaubern kann! Er hebt die Kanne und schenkt ein. Da läutet's. Johann entfernt sich, um nachzusehen. Er kehrt wieder und meldet; — „Eine Dame wünscht Sie zu sprechen, Herr Doktor". — „Eine Dame? Nach Kanzleischluß? Jetzt, um die späte Stunde? Ich bin für niemand zu sprechen? Ich habe meine Nächte nicht zu verschenken!" Da höre ich aber auch schon eine klare, ruhige Stimme sagen: „Wenn Sie mich heute von sich weisen,