Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-12-13 · 50 (13.12.1907) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
50 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316293--50068-3345033
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Galiläa ist weitaus der schönste Teil des Westjordanlandes. Mit der Kühnheit judäischer Gebirgslandschaften vereinigt es die Anmut Saraariens..... Das OstJordan 1 and umfaßte im Altertume die Landschaften Gilead und Gaulanitis, denen jetzt Dschebel Dschil'äd, 'Adschlün und Dschölän entsprechen. Die Unwegsamkeit und die Unsicherheit des Landes haben es verschuldet, daß es wenig von Fremden besucht wurde. Allmählich fallen diese Hemmnisse, und viele Reisende werden die Landschaftsbilder, die sich mit den schönsten westjordanischen messen können, und die unberührten Ruinenstätten, die im Westlande nirgends ihresgleichen haben, mit Bewunderung betrachten. Die Pforte zum Dschebel Dschil*äd ist das schöne Wädi Schaib, das nördlich von Jericho unter der Umnennung Wädi Nimrin in das Jordantal mündet. Zwischen steilen, aber doch abgeschrägten Bergen windet es sich bis zur Bergstadt Es-Salt aufwärts, auf eine Strecke von noch nicht 25 Kilometer von — 223 Meter zu + 835 Meter aufsteigend. So eng das Tal ist, so macht es doch nirgends einen wild-düsteren Eindruck. Die kühnen, aber ebenmäßigen Linien der Bergschrägen werden für das Auge gemildert durch den überreichen Pflanzenwuchs, den kein anderes palästinensisches Gebirge in solcher überquellenden Fülle aufzuweisen hat, Pflanze drängt sich an Pflanze, so daß es unbegreiflich bleibt, wie jede -den nötigen Anteil an Boden, Luft und Licht für sich behaupten kann. Oft schlagen die Gewächse über dem Fußwanderer zusammen, ja mitunter taucht kaum noch das Haupt des Reiters aus dem vielfarbigen Meere auf. Vorherrschend sind vor allem Boretscharten; der blaue Boretsch, unserm einheimischen Natternkopfe ähnlich, überwuchert ganze Hänge. Daneben sproßt die ebenfalls zu den Boragineen gehörige Cerinthe, eine außerordentlich zarte Pflanze mit weißen, gelbgesäumten Blüten und hellgrünen Blättern, durch die das Blaugrün der Unterseite durchschimmert. Zwischen diesen clanweise ausgebreiteten Boragineen erheben sich prachtvolle himmelblaue Lupinen, schwarze Irisblüten von der Größe eines Kindskopfes und hochragende Riesenfenchel. Aus allen Felsenspalien hängen dichte Büschel von Alpenveilchen, den Weg umsäumen großblumige Anemonen und Tulpen, und aus den Wurzeln des Gebüsches sprossen hyazinthenähnliche Orobanchen, weißblühende, starkdüftende Schmarotzer. Trunkenen Blickes steigt der Wanderer zwischen dieser Frühlingspracht aufwärts, a.ber stundenlang begegnet er keinem Menschen; nur ganz selten lugt drunten am Bache eine verlassene Mühle aus knospenden Oleanderbüschen und schneeig weißem-Ginster. Nördlich von Es-Salt beginnen die Eichenwälder, die einen großen Teil des Ostlandes bedecken. Die stolze Pracht deutscher Eichenwälder erreichen sie bei weitem nicht; weder stehen die Eichen so dicht wie im deutschen Haine, noch entwickeln sie ihre Stämme zu der Mächtigkeit der deutschen Waldriesen, noch wachsen sie zu deren Höhe empor. Aber dennoch schweift der Blick entzückt über die bewaldeten Abhänge; graubraune Stämme, zwischen denen die purpurroten des seltsamen Erdbeerbaumes hervorleuchten, ein Gewirr von knorrigen Ästen, frisches junges Laub, süß duftend wie der frische Trieb des Lenzwaldes daheim, auf dem W'aldboden Efeu und Alpenveilchen — ja, der Frühlingswald ist auch in Palästina schön! Das Blatt der palästinensischen Eiche hat die Form unseres Buchenblattes; im Frühling sind die Zähne des Randeslweich, später werden sie zu harten Spitzen. Das tiefe Tal des Nahr ez-Zerka, des alttestamentlichen Jabbok, scheidet den Dschebel Dschil'äd vom Berglande des 'Adschlün, dem nördlichen Teile des alten Gilead. Im Südwesten steigt es bis zu 1300 Meter an, und nordöstlich von Dscherasch erreicht es - im Dschebel Kafkäfa eine Höhe von 988 Meter. Zwischen diesen Erhebungen breiten sich Hochebenen, in die sich Bachrinnen eingebettet haben. Nach Norden zu dacht sich das Gelände allmählich ab, bis es im jähen Abfalle der Jarmük-Schlucht endet. Im südlichen Teile herrscht Kalk vor, während der braunrote Boden des Nordens sich als altes Lavafeld kennzeichnet. Der Dschebel Kafkäfa gewährt nach Norden und Osten einen weiten Ausblick. Im Osten überschaut man die fruchtbare Ebene En-Nukra, hinter der sich das wilde, bis gegen Osten mit Schnee bedeckte Drusengebirge aufreckt; im Norden aber schaut man ungehemmt bis zur weißzinnigen Hochburg des Hermon und ihren zahlreichen Forts, den vulkanischen Kegeln des Dschölän, d. h. über ein Gesichtsfeld von 120 Kilometer. Der Jartnük hat sich das schönste Flußtal ganz Palästinas geschaffen. Die unwiderstehliche Wucht seiner Gewässer hat erst das Kalkgebirge durchbrochen und dann die Basaltbarrikade, mit der die Vulkane des Dschöläns ihm den Weg sperren wollten, in gigantische Trümmer zerrissen. Und die kecken Menschlein, die dem freiheitsliebenden Beduinenstrom, dem Scheri'at el-Menädire, wie er von seinen Anwohnern nach ihrem Stamme genannt wird, das Joch einer Eisenbahnbrücke aufhalsen wollen, haben ebenfalls die wilde Kraft des Hauränsprößlings kennen gelernt: fünfmal hat er die Pfeiler zornig zerstört. Bei aller Wildheit ist aber das Tal durchaus nicht düster. Zwar die schwarzen Basaltwände, durch die sich der Strom seinen Weg gewühlt hat, schauen finster auf die hastenden Wirbel ihres Bezwingers nieder. Aber wo schräge Abhänge den Ansatz einer dünnen Krume gestatteten, da hat sich eine reiche Flora entwickelt; ihr Grundton ist weiß, da die palästinensische Skabiose hier alle andern Blumen majorisiert, jene merkwürdige Pflanze, die in der Blüte einer Margarite ähnelt, aber nach dem Verblühen zur kugelförmigen Strohblume wird. Im Talgrunde aber, der von heißen Schwefelquellen überrieselt wird, hat die Natur sich ein Stück vom verlorenen Paradiese gerettet. Bei El-Hammi und etwas weiter aufwärts in der breiteren Ausbuchtung von El-Mucheibibedeckt dichtverschlungener tropischer Urwald die Gestade. Hunderte von schlanken Palmen, hochragende Oleanderbäume, süß duftender Storax, bambusartiges Rohr, Maulbeerbäume, Granatbäume, Orangen, Limonen, Feigenbäume, Akazien und viele andere Arten von Bäumen und Sträuchern bilden ein undurchdringliches Dickicht. Die alten Römer hatten hier ein Bad mit Theater angelegt. Wenn die Eisenbahn nach Haifa fertig ist, dann locken die heißen Quellen von El-Hammi vielleicht auch wieder Unternehmer und Gäste in dieses vergessene Paradies, das in unmittelbarer Nähe des Sees von Tiberias liegt. Im Dschölän ist die interessanteste Gegend der Norden mit seinen zahllosen Kratern. Stundenlang reitet der Reisende auf üblem Wege durch Steppen, die von flachen Hügelreihen durchsetzt und von sumpfigen Bächen durchrieselt sind. Hoher Graswuchs, aus dem gelber Asphodill hervorragt, bedeckt im Frühjahr den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.