Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE^ELT No. 5() gezogen. Offenbar zeigt sich der Drang, die vergleichende Emanzipationsgeschichte gründlicher kennen zu lernen, und deshalb wäre auch die Zuziehung gewisser Kreise unserer westlichen Brüder zwecks einer gemeinsamen Belehrung für einen Kongreß russischer Juden von einem gewissen Werte. ™ . . - . (B) Vor einigen Wochen hat Das „christliche" Deutschland. V' „ * l , . , sich m Frankfurt am Main der Keplerbund gegründet, der die „Verbreitung des Theismus durch Förderung der Naturerkenntnis" bezweckt. Der Bund ist hauptsächlich als Waffe gegen den Monismus gedacht. Was ihn aber für üns interessant macht, ist die Tatsache, daß er unter „Theismus" Christentum versteht, daß er seine Aufgabe, das deutsche Volk zu eiher gesunden, modernen, gleichen Entwicklung zu führen, dahin auffaßt, daß er eine Synthese zwischen Naturerkenntnis und Christlichem Gottesglauben zu finden sich bemüht. Zu diesem Zwecke haben sich nicht etwa einige übereifrige Geistliche und fanatische Antisemiten, sondern eine ganze Anzahl geistiger Führer Deutschlands, Männer beider Konfessionen, an deren fortschrittlicher (bsinnuiig niemand zweifeln kann, zusammengefunden. Wir nennen nur einige: Dr. Reinke-Kiel, Dr. Rein-Bonn, Dr. Schmitt-Metzier- Fratlkfurcam Main, Prinz Schönaich-Carolath, Dr. Zorn-Bonn u. a. m. Zu gleicher Zeit ungefähr erschien in der „Kolnischen Zeitung" eitl Aufruf zur Gründung einer „Deutschen Vereinigung". Dieser Verein präsentiert sich als Frucht des letzten Reichtagswahlkampfes. Er bezweckt „die Sicherung und Stärkung der politischen und wirtschaftlichen Machtsteilung des Deutscen Reiches, die Pflege des christlichen und deutschen Charakters unseres Staats¬ und Volkslebens". Der Aufruf trägt die Unterschriften einer ganzen Menge im politischen Leben Westdeutschlands bekannter Männer, Angehöriger beiderKonfessionen, liberaler und „nationaler"Katholik:en. Im Grunde läuft die ganze Gründung auf einen Kampf gegen das Zentrum, gegen den Ultramontismus hinaus, der diesmal mit zun Teil katholischen Waffen geführt werden soll. Aber auch diest Vereinigung umfaßt wieder nur Christen, sie betont ausdrücklich den „christlichen Charakter unseres Staats- und Volkslebens", um auch sie will nichts weniger als reaktionär und sicher nicht al antisemitisch gelten. Aber, deutsch und christlich sind ihnen nur einmal dieselben Begriffe. Solche Gründungen müssen denjenigen Juden unangenehm ins Ohr klingen, die das Ende des deutschen Antisemitismus, der systematischen Zurücksetzung der deutschen Juden, als gekommen betrachten, wenn einmal der christliche Charakter des deutschen Staates nicht mehr speziell betont wird Bisher geschah dies hauptsächlich von der Regierung ode; von noch höheren Stellen und von den konservativen und anti semitischen Parteien. Die politische Linke sah im Staate ihren; Grundsatze gemäß etwas Konfessionsloses. Wenn nun aber sogai Liberale anfangen, vom christlichen deutschen Staat zu sprechen, wenn die freie Wissenschaft beginnt, sich zu einer christlichen zu entwickeln, ja, wohin dann mit den deutschen Juden? Und was besonders schmerzlich ist, sogar der Kampf gegen den Ultramontanismus, in dem sich bisher doch die Liberalen aller Schattierungen zusammenfanden und den die jüdischen Größen der liberalen Parteien mit besonderer Vorliebe auszufechten pflegten (bewiesen sie doch damit ihre „deutsch-nationale" Gesinnung), sogar diese Lust des freien Mannes wird jetzt verchristlicht und den Juden weg genommen. Schlimme Aussichten für die deutsch-jüdischen Politiker. Sie haben bald keine Existenzberechtigung mehr. Und der „christliche" Charakter des deutschen Staates, d. h. also nach ihren eigenen Worten die Ursache der Nichtgleichberechtigung der deutschen Juden, wird von Tag zu Tag offenbarer. Es scheint wirklich, als ob nur mehr der zionistische Ausweg der einzig offene bliebe. VON MA'AN NACH EL'ULA *) Die zweite Teilstrecke der Mekkabahn Die vom Sultan zur Eröffnung der genannten Eisenbahnstrecke nach dem Hedschas entsandte Mission, zusammengesetzt aus den Generalleutnants Djevad und Auler Pascha sowie einigen jüngeren Offizieren, ist anfangs Oktober wieder zurückgekehrt, Generalleutnant Auler Pascha, der vor zwei Jahren bereits zur Einweihung der ersten Teilstrecke von Damaskus nach Ma'än durch das besondere Vertrauen des Sultans delegiert war, hat seine damaligen interessanten Eindrücke in einer mustergültigen Darstellung in „Petermatins Mitteilungen" niedergelegt. Ihm ist es zu verdanken, wenn das bedeutsame Werk dieses Bahnbaues weiteren Kreisen bekannt wurde sowie auch über die Grenzen des ottomanischen Reiches hinaus Würdigung fand. In wenigen Wochen soll die Publikation Aulers eine wertvolle Fortsetzung erfahren. Seinem vorläufigen Bericht über die zweite Teilstrecke der Mekkabahn bin ich in der Lage einige wesentliche Daten entnehmen zu können. Wie auf der ersten Teilstrecke von Damaskus nach Ma'än folgt die Hedschasbahn auch auf der Strecke Ma'än-El'Ula im allgemeinen der alten Karawanen- und Pilgerstraße. Nur an wenigen Stellen weicht sie von der letzteren ab, um schwierigere Gelände zu umgehen. Von Ma'än (1074 Meter Seehöhe) ab steigt die Bahn zunächst in der von den Arabern mit „Hamad" bezeichneten Steinwüste langsam an bis zur Station Akaba el Hedschasje (1150 Meter). Nur eine ganz dürftige Vegetation zeigt sich auf dieser Strecke in den Wadis (Täler, welche nur während der Regenzeit Wasser führen). Von Akaba ab wiid das Gelände hügelig, und die Trace steigt noch bis 1168 Meter, dem höchsten Punkte der ganzen Hedschasbahn, dem sie nur noch einmal, zwischen den Stationen Dar ul Hamra *) Aus der »Frankfurter Zeitung« und El Mutali, mit 1154 Meter nahekommt. Von 1168 Meter ab fällt dann die Trace erst sanft bis zur Station Batn ul Ghul (Baucli des Ungeheuers), um darauf steil in das gleichnamige tiefe Becken abzustürzen. Dieser Abstieg gewährt eine prachtvolle Aussicht auf wild zerrissene Sandsteingebirge mit auffallend schönen Farben- Wirkungen. Man ist in eine neue geologische Formation, das Gebiet des sogenannten nubischen Sandsteins eingetreten, der den ihn überlagernden Kreidekalk durchbrochen hat. Es sind die Ausläufer des sich am „Roten Meer" entlang ziehenden, über 2700 Meter hohen westlichen Randgebirges, dessen Häupter infolge vulkanischer Eruptionen schwarze Lavaschichten krönen und das terrassenförmig in mehreren wild zerklüfteten Bergketten nach innerarabien abfällt. Die Trace der Bahn geht am Fuße dieser Ausläufer entlang, die sie auf beiden Seiten in Gestalt von gewaltigen Sandsteinsäulen und Blöcken in den bizarrsten Formen begleiten, manchmal ein breites Tal bildend, manchmal zu schmalen Defilees sich verengend. So trägt das Gelände an vielen Stellen weniger den Charakter der Ebene als eines wildromantischen Gebirgslandes. Trotz dieser Geländegestaltung zeigt die Bahntrace zwischen Ma'än und El'Ula verhältnismäßig wenig Gefälle und Kurven, du die zahlreichen Wadis, die oft eine Breite von fünf und sechs Kilometer annehmen, in sehr geschickter Weise zur Führung der Trace verwendet worden sind. Gefälle über 18 : 1000 und Kurven mit einem geringeren Radius als 200 Meter sind daher vermieden worden. Nur an einer Stelle, zwischen Dar ul Hadsch und Achdar. mußte dieses Maximum des Gefälles angewendet und zur Vermeidung eines noch größeren Gefälles ein Bergrücken vermittels eines Tunnels von 160 Meter Länge durchquert werden. Auch