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Die Welt · 1907-12-13 · 50 (13.12.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
50 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 50 DIEMKE LT suches körnte unter den jetzt obwaltenden Umständen auf die russische Regierung einen moralisch tieferen Eindruck machen; nur dürfte dies angesichts der Bündnisse und Abmachungen, von denen die Regierungen umschlungen sind, seitens irgendeines europäischen Landes ganz ausgeschlossen sein. Das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten beherrscht jetzt das internationale uebiet mehr als je. Es ist schon wahr, daß die amerikanische Regierung, besonders :ur Zeit, als der treffliche Hay Staatssekretär war, unter strenger Wahrung der Formen diplomatischer Courtoisie, der russischen Regierung einigemal wegen der Juden Vorstellungen gemacht hat. ^ber das geschah immer wegen der amerikanischen Juden und ihrer rechtlosen Lage in Rußland; sofern es sich um russische Juden n Rußland handelte, war es immer ein Sichentschuldigen und Belauern, dato man nichts unternehmen könne, ein mitleidiges Lispeln, lie Äußerung einer „zuversichtlichen Überzeugung", daß es einmal uiders weiden muß, daß die Humanität usw., und einer jeden solchen Kundgebung, die immer die ganze verstreute Judenheit der Welt in helle Freude zu versetzen pflegte, mußte ein ... . Kischinew, oder ,-ine ganze Pogrornserie vorangehen. Solange das Prinzip der Nichteinmischung nicht durchbrochen ist, kann jnan mehr als ähnliche „Pflästerchen" nicht erwarten. Nicht einmal diese Taft-Botschaft, wenn sie wahr wäre, könnte irgend eine praktische Bedeutung haben. Man sagt dem guten Manne :nit bestechender Leutseligkeit: Es ist wohlgemeint von Ihnen, aber Sie denken sich die Juden hier w*e die Ihrigen dort! Hätten wir doch solche Juden wie Sie! Sie kennen doch unsere Juden gar nicht! Oder man schlägt noch mildere Saiten an, und man sagt: Ja, wir wollen sehen, was zu machen ist Was kommt dann heraus? Rein gar nichts. Die weniger— „gelbe" Presse hat noch eine andere, wahrscheinlichere Lesart gebracht. Sie lautete: Taft, der ein geschickter Diplomat sein soll, führe keine Petition mit sich, sondern habe vom Präsidenten Roosevelt den Auftrag bekommen, die Judenfrage im Laufe der Unterredung zu berühren, auf die hohe Stellung, die die Juden in Amerika einnehmen, hinzuweisen, die Entrüstung, die die Pogromnachrichten in Amerika hervorrufen, zu schildern. Aber auch diese Version fällt ganz aus dem Ton diplomatischer Gepflogenheiten heraus. Bs ist eine tugendsame und rührsame Geschichte für politische Kinder — das neuentdeckte Amerika! Es ist so, als ob man in Zarskoie Ssielo gar nichts wüßte über Juden, die in Amerika leben und über die Entrüstungskundgebungen nach den Pogromen. Die „Andeutung" dieser allbekannten Dinge könnte leicht ein überlegenes Lächeln, begleitet von einem spöttischen Achselzucken, hervorrufen. Man wiegt sich noch immer hie und da im verblendeten Wahn, Rußland wisse nichts von dem, was in der Welt vorgeht. In der Tat weiß man in den judenfeindlichen Kreisen Rußlands viel mehr, als das, was Herr Taft erzählen konnte. Man weiß, daß man durch das Prinzip der Nichteinmischung geschützt ist, und daß die Moralpredigten, wenn sie nicht in die Zwangsjacke offiziell-internationaler Vorstellungen hineinpassen, in das Reich der Phrase gehören. Man ist auch über manches andere unterrichtet, und man sagt mit einem Stich ins Satirische: ja, Amerika will die Verfolgungen und Beschränkungen nicht, weil diese ihm jüdische Massen zuführen und es mag auch die jüdischen Massen nicht. Und wer weiß, ob man nicht auch unsere Schwäche kennt. Ja, eine Gruppe einflußreicher Juden, aber sie sind äußerst spärlich gesät, neigen meistenteils zum Opportunismus, wandeln sich mit dem Vorüberraiischen der Zeitströmungen — und die Proteste sind von momentanen Aufwallungen geleitet, nicht von tieferen, spontanen Motiven. Das ist der Kern der Sache. Man tändelt kindisch an dem Gewebe eines großen Problems, wenn man sich mit den Projekten, wie eine Petition zu übermitteln ist, abgibt, oder wenn man die Mittel ausklügelt, von wem, wann und wo ein Wort zugunsten der Juden gesprochen werden soll. Eine Kräftigung der jüdischen Einheitskraft anstatt der Demonstrationen, die wie die Seifenblasen vorüberziehen und platzen — eine permanente, energische, würdige und achtunggebietende Solidarität des Gesamtjudentums, das wären die sittlichen Faktoren, die mehr nützen könnten, als alle Botschaften und Empfehlungen. Aber dazu müssen wir Boten zu uns selber schicken, die uns den Impuls und den Antrieb verleihen. (S) Mit Kleinmut und Verzagtheit Jüdisch-russischer Kongreß wurde das Projeki aufgenommen) und man darf sich über diese Mißstimmung nicht wundern. Kühn und groß war alles in der ersten Zeit, von der Morgenröte der Freiheitsaussichten beschienen. Der Rückfall in die Wirklichkeit hat einen Überdruß hervorgerufen, eine müde Blasiertheit, einen Stumpfsinn und eine Reizbarkeit, mit der man nichts anzufangen weiß. Es war schön, Weltbaumeister in der Westentasche zu sein, in der Enge und Dürftigkeit der Verhältnisse Theorien verwirklichen zu wollen, die Propheten und Gelehrte erträumt haben; das Kraftmeiertum, die tolle Laune des Schaffens, das Süß-Verlockende des Martyriums und der Ekstasen, die grandiosen Pläne — haben die Urteilskraft überanstrengt, das Gemüt zerwühlt und zerfetzt, die Ruhe des Urteils verscheucht und den emsigen Schaffensfleiß beseitigt. Es wird lange dauern, bis man wieder ins Geleise — gleichviel ins alte oder ins neue — zurückkehren wird. Man grollt und wartet, und man ist seelenmüde. Man findet alles klein, langweilig, uninteressant und man glaubt eigentlich an nichts mehr, nicht einmal an die unerschütterlichsten Prinzipien. Das ist das Krankheitsbild einer infolge großer Spannungen und Enttäuschungen zerquälten Volksseele — eine Krankheit, die vorübergehen muß und nach der man gesunder und kräftiger wird. Es wäre vielleicht gut, daß auch nichtrussische Juden bei den Beratungen, die dort die jüdische Gesamtheit interessieren, sich beteiligen. Sie sind oberflächlicher, aber gesunder; sie dringen nicht in die Abgrundstiefen der Probleme, aber sie sind Wirklichkeitsmenschen. Freilich besitzen sie nicht die Kompetenz, jüdisch-russische Fragen zu entscheiden, aber es wäre gut, auch ihre Stimme zu hören und aus ihren Erfahrungen Nutzen zu ziehen. Man war früher zu sehr in sich versponnen. Nun befindet man sich jetzt in einem Zustande, den man den Katzenjammer der Ekstasen nennen könnte. Es mehren sich die Symptome eines Rückschlages. Die jüdischen Zeitungen klagen sich gegenseitig an, sie hätten sich, den neuen Strömungen Rechnung tragend, gemausert. Naturgemäß sieht jeder dies nicht bei sich, sondern bei seinem Nächsten. Wenn man draußen und drüben steht, merkt man es bei allen, nur sind dabei vermittelnde Übergänge und Abstufungen zu bemerken. Man soll diese Erscheinung auch nicht verdammen, sondern aus den Zeitverhältnissen heraus verstehen. Das Unfehlbarseinwollen jedes Grüppchens, ja jedes einzelnen Agitators und jedes Verfassers eines Programms, einer Proklamation, eines polemischen Aufsatzes gehört eben auch zu den Merkmalen unerfahrener, naiver Unschuld. Man hat noch nicht den richtigen Maßstab für den Wert der momentanen Einschätzung von Personen und Verhältnissen unter dem Gesichtswinkel parteipolitischer Aufregungen, Parolen, Voraussetzungen und Mutmaßungen. Man möchte die Eintagsfliegen so lange wie die Elefanten leben und die Momentphrasen als ewige Orakel gelten lassen. Und kann dies nicht der Fall sein, und ändern sich die Verhältnisse, so steht man ganz wirr da. In dieser Pose steckt viel Tragik, aber das ist keine politische Reife. Doch zeigt sich schon etwas, was zu dieser Reife führen wird. Als man früher über die Gleichberechtigung der Juden in anderen Ländern und über manche Lehre, die aus der Geschichte dieser Gleichberechtigung zu ziehen,war, sprach, wurde man im besten Fall milde belächelt. „Was ist uns Hekuba?" Jetzt scheint sich bei unseren Brüdern schüchtern ein Studienbedürfnis nach dieser Richtung zu melden. In der Publizistik werden Vergleiche gemacht, Parallelen zwischen den verschiedenen Methoden des jüdischen Rechtskampfes 2

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