Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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wird. Esjist schwer, die Geister und die Erinnerungen, die um uns wie die Vögel flattern und schwirren, zu verscheuchen. Fast ist es unmöglich, weil sich uns der Vergleich mit aller Gewalt aufdrängt. Wir wallfahrten nicht, wie die lichtumflossenen Pilger in Judäa. Blind wandern wir durch den Weltenraum auf den wüsten Irrfahrten des Goluth. Wir sind nicht jener fröhlichen Schar kraftkühner Naturmenschen gleich, die ganz waren in ihrem Leben und Sehnen. Der Wahn wäre ebenso kindisch wie eine Beweisführung, die es für notwendig hält, zu erklügeln, daß zwischen Makkabäer-Zeit und -Charakter und den heutigen Begriffen und Möglichkeiten ein großer Unterschied vorhanden ist. Du lieber Gott, ein Baby kann dieses schon als Banalität empfinden, denn daß wir mit unserer Denk- und Sinnesweise, mit unseren Zwiespältigkeiten, mit dem träumerischen Grübeln, mit all unseren Gedanken und Anregungen, Erfahrungen und Wünschen und mit all den tausendfältigen Lebensbedürfnissen anders geartet sind als der antike Judengenius im grauen Altertum, das wissen ja auch die Kinder. Wir können in der Form, in der Peripherie ebensowenig den Makkabäern wie den jüdischen Pilgern ähnlich sein, aber den Kernpunkt können und müssen wir behalten. Wir müssen nur einen untrügerischen Blick für den Kernpunkt haben. Ein stiller Tag in der Judengasse. Trüb und düster ist die Enge des Ortes, der Verhältnisse, der Aussichten. Die meisten Leute sind von der Sorge um das tägliche Brot niedergedrückt, viele entbehren das Allernotwendigste. Anstatt einem schlichten, holden, pastoralen Blicke, begegnet man eher einem demütigverschmitzten Blinzeln; anstatt trotziger, gesunder Kraft — begegnet man einer Biegsamkeit und einem Witze. Wo sind die Lieder und die Blumen? Man kann sie fast eben so lange|suchen wie den Meister vom Nikanortor "oder den König Agrippa. Wo „schlägt der Chalil" vor dem Zuge? Das Ghetto bläst andere Melodien. Das Heiligtum, die Wallfahrten, die Erstlingsfrüchte, — all dies ist versunken, aber eins ist geblieben; die gebenden Juden! Tief ist diese Eigenschaft in uns eingebrannt, unverwüstlich ist diese Gleichheit, die sich im Jammer der Gegenwart ebenso erhalten hat wie im Glänze der Vergangenheit. Man gibt, man spendet, man spart sich den Bissen von dem Munde, um nicht zurückzubleiben; man versagt sich, um der Gesamtheit nicht versagen zu müssen. Das ist jüdische Ehre . . Die Hand muß immer offen bleiben . . Man muß die Gemeinde aushalten, — der Ärmste muß mittun. Man muß den Fremdling gastlich aufnehmen, den „Gefangenen befreien", dem „Klal-Isroel" (der jüdischen Gesamtheit) beistehen, und alle müssen mittun. Hundert „Chewroth" und „Sendboten" erscheinen, kaum wunJe der eine abgefertigt, da kommt der andere; man sammelt von der^Kehilla und im kleinen Kreise und auf eigene FaustjJJund tausendmal größer ist die verschleierte, umwölkte, intim-keusche „Zedakah" (Wohltätigkeit i von Mann zu Mann, die keine Statuten umkrallen u; d der keine Statistik nachlauern kann. Das ist die Blüte hochentwickelter Gesittung: ein innigeres, zärtlicheres Gemütsleben, das sich in ein r tieferen Seelengüte, in einer hilfsbereiteren Teilnahme und Freigiebigkeit kundgibt. Nein, es soll kein verlorener Nachklang vergessen r Vergangenheit sein, sondern ein kraftvoller Antrieb Midie Gegenwart. Wir Zionisten befinden uns noch nie i auf dem geraden Wege jener Pilgerer, aber wir hab>;i in den Wirrnissen und in der Nacht der Diaspora eini Pfad nach jenem Lande angebahnt, wo ein erlaucht r Mittelpunkt geschaffen werden muß. Wenn bei irgendeiner Gelegenheit, so ist es bei dieser, daß die wunde - bare jüdische Tugend, die Virtuosität unseres Volk-,s im Spenden, zur Geltung kommen muß. Armer, jüdischer Geldbeutel, du bist die Wei Milchkuh für Tausende von Gemeinden, Vereinen, Anstalten. Millionen von Bettlern umringen dich. I i spendest und fragst nicht, ob die verlorene Saat Frucht tragen wird. Jahrhundertelang, zwecklos, für alle ve - krüppelten Formen des Bettlertums, für alle Nöte de unendlichen Elends, für die unausführbarsten Hirngespinste der „Schtadlonim", für das . unersättlich / Schmarotzertum, für das Danaidenfaß zugunsten du Ausgeplünderten, bis sie weiter ausgeplündert werden. Alle, die auch nur den geringsten Zusammenhan; haben mit Kehilla, Klaus, Chaluka und was nur im Almösenbudget irgendwie erdenklich ist, besitzen d Verfügungsgewalt über jüdisches Vermögen. Habe i wir vielleicht auch das Recht heranzutreten, wir, die wir eine Rettungstat des jüdischen Volkes vertreten und fördern? Bitterer Hohn steckt in der Notwendigkeit dieser Fragestellung. Wir beantworten diese Frage: Wir fühlen uns in Zuge jüdischer Geschichte. Wie die Pilger in Judni schreiten wir mit unseren Gaben in der Hand. Du Unterschied mag noch so groß sein, und die gelähmte i Flügel des jüdischen Genius mögen noch so tief zi-r Erde hängen, — in unserem Zuge werden wir si leiten und stärken und zu neuem Schwünge spannen Und einem solchen Zuge, wenn er vorwärtsschreite . müssen sich die Handwerker und die Agrippas rrn ihren Gaben anschließen. Daß wir aber schreiten, da.i wir mit unseren Gaben vorangehen, — die Erfüllung dieser Voraussetzung ist unbedingt erforderlich. N. i-. POLITISCHE REVUE Ein Märchen aus fernem Lande (S) — Der amerikanische Kriegsminister Taft soll während seines letzten Aufenthalts in Petersburg dem Zaren eine Petition amerikanischer Juden in Angelegenheiten der russischen Judenfrage übermittelt haben. Ein Kriegsminister als Bote jüdischer Finanziers und als Befürworter eines Gerechtigkeitsaktes der Emanzipation, das ist fast ein jesaianischer Gedanke. Schade nur, daß er im Wasserkopfe der amerikanisch-jüdischen „gelben" Presse entstanden ist. Ein Tröpfchen politischer Einsicht würde genügen, uü; zu begreifen, daß eine solche Funktion, wenn sie offiziell ist, Säendes Botschafters sein muß; hat sie hingegen einen privaten Charakte; so kann sie nicht durch einen Kriegsminister ausgeführt werden. Das Petitionensenden an den Zaren hat seine Geschichte, drunter Alexander III. mit der Petition des Mansion House-Meetin« begann. Die Petenten wurden barsch zurückgewiesen, und damii hatte die Sache ihr Ende. Die Wiederholung eines solchen Ver-