Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT IEDEN FREITAG ÜENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG <I. JAHRG. KÖLN, 13. Dezember 1907 pnr6 ttW« rOD "n No. 50. UNSER PARTEIFONDS (IM LICHTE GESCHICHTLICH-JÜDISCHER VORSTELLUNGEN) I. Hin stiller Sonnentag* Auf Weingärten und Felder i d Wiesen ist die Ruhe ausgegossen, die Wege jedoch v immeln von Menschen allerlei Art. Sind es Karawanen <;er Nomadenscharen? Weder das eine noch das andere; s i wandern nicht, um Waren feilzubieten oder um eine i »ch nicht abgegraste Weide für ihr Vieh zu suchen. { ne Karawane sieht nicht so schäferisch und ein > umadenzug nicht so festlich aus. Kränze prangen/ und i iter dichten Efeuratiken, Palmenzweigen, unter dem / auber von Blumen und Früchten träumt ein Märchen. ' umer goldener färbt sich die bunte Menge, immer ■.scher flechten sich die Sträußchen, in denen jede; litte eine unvergängliche Freude ist. Es sind Menschen, ^er die eine große Sehnsucht gekommen ist: sie wall- -hrten nach dem Mittelpunkt des Suchens und Sehnens, :s Träumens und Höffens, nach Jeruscholaim, nach Heiligtum, nach dem großen Ethos ihres Daseins, is sie über das Leid der Erde zu den Sternen empöret. Die großen Qeister der Ahnen schweben über men wie Adler in der Luft. Sie steigen zu ihnen -Tab und breiten einen weihevollen Schimmer über den ■Igerzug aus. Sie lassen die Augen der Menschenbilder hell aufleuchten und entlocken ihren Lippen eiche Klänge von Freudenpsalmen, die wie lichte ögel, hell jubilierend, die feierlich einherschreitende, inner wachsende Menge umflattern. Denn die Menge nächst, und ein liebliches Bild nach dem andern taucht 'immernd aus dem Aschgrau des Staubes hervor. Bald st es der Opferochs, den man mit toller Laune mit turnen und Schleifen und goldschimmernden Ähren geschmückt, bald sind es die kleineren, trippelnden Opfer, um die sich ein lustiges Treiben entwickelt. Alt und jung, reich und arm mischen sich durcheinander; der Handwerker legt sein Werkzeug und der König sein Szepter hin. Sie gehen alle zusammen. Es ist ein Weg, der sich vor ihnen dehnt, und ein Ziel, auf das ihre Augen gerichtet sind. Ein Spruch aus uralter Zeit, ein Lied der Sehnsucht, ein Sturm des Jubels umfaßt alle. Aber nicht nur glühende Andacht, Festesfreude, Ewigkeitsworte, die wie Erz und Stahl sich ins Herz bohren, Erinnerungsstrahlen, die alle gleich durchzucken; nicht nur die Frühlingsgrazien mit ihrem Tau und Duft und silberhellen Lachen lassen aus diesem flutenden Menschengetriebe jede Spur, jeden Schatten eines Unterschiedes verschwinden. All dies wäre vielleicht nur eine bunte Scheinwelt, eine launig übersprudelnde Sinfonie von Segenssprüchen und Willkommensgrüßen und Träumen einer jungen Frühlingsnacht, wenn hier nicht noch etwas vorhanden wäre, das den Wert und die Kraft dieser Stimmung kennzeichnet. Seine Gabe trägt ein jeder in diesem Zuge: der Poel, der am Nikanorschen Tor soeben seinen Hammer niedergelegt hatte, und „Agrippa, der König von Judäa". Alle sind Geber; es zeigen alle die Kraft, den Edelmut und den Schwung, von dem verdienten Gut, von den Früchten, ja von den Estlingsfrüchten eigenen Schweißes für das Gemeinsame, für den belebenden und erwärmenden Mittelpunkt etwas spenden zu können. Da gibt's keine im Staube krichende, enterbte Bettler und keine traditionslosen, feistenEmporkömmlinge, — die grausame Dissonanz ist verschwunden Der Refrain ist immer: Owi („Arami owed owi") — mein Vater, oder unser Gott. Alle sind von gleicher Herkunft und Würde, haben die gleiche Pflicht und das gleiche Recht. Alle sind Gebende, wTenn auch die Gaben verschieden sind. Hier schillert der Goldton, dort strahlt das helle Silber, aber schöner sind die frühlingsgrünen Sträußchen und die Weidenkörbchen, die das arme, aber nicht verelendete Volk mit derselben Größe trägt, wie Agrippa seinen feurigen Purpur. Ein schlaffer Träumer blieb, — so erzählt die Sage, — hinter dem Zuge zurück. Er hatte nichts, auch nicht das Dürftigste für sich. Er bemerkte einen Stein am Wege, hob ihn auf und trug die Last mit fröhlicher Anstrengung, von der Hoffnung beschwingt, der Stein könnte zu einem Bau verwendet werden. Es ist schwer, dem Reize zu widerstehen, der in diesem sonnigen Eckchen unserer historischen Idylle enthalten ist, wie sie in der Mischna („Bikkurim") angedeutet und von der Phantasie weiter ausgemalt l*