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Die Welt · 1907-12-06 · 49 (6.12.1907) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 16)
Language
German
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18 DIE^EELT No. i() volk — wir zweifeln nicht daran in Bezug auf alle anderen Fragen — so ist hier die Gelegenheit geboten, dies zu beweisen. Das Abgeordnetenhaus braucht nur den Antrag anzunehmen, dann hat der f i nnl ändische Senat das Gesetz zu bestätigen, und sollte nach allem und trotz allem die russische Regierung dann eingreifen und die Ausführung des Gesetzes durch ihr Veto verhindern, so wird alle Welt wissen, daß man es mit einer „force majeure" zu tun hat. Nun ist das nicht geschehen. Der Gleichberechtigungsantrag wurde einer Kommission überwiesen, als ob dies eine technische und nicht eine human-ethische Frage wäre. Die Kommission soll erst ihre Meinung äußern, und dann kommt der Antrag wieder ins Plenum. Und im Plenum ist die Annahme noch bei weitem nicht sicher. Die 80 Sozialdemokraten, die 24 Schweden und die 10 Agrarier werden bestimmt für die Annahme stimmen. Da die Zahl der Abgeordneten 200 beträgt, so wäre dies eine Mehrheit, aber zum Unglück involviert die Judenfrage die Grundgesetze des Landes und bedarf einer Zweidrittel- Mehrheit, d. h. 132 pro. Es ist eine gewisse Aussicht vorhanden, daß die 25 Jungfinnen, die in ihrem Programm die Gleichberechtigung aufgenommen haben, pro stimmen werden, aber trotz des liberalen Programms sind die Jungfinnen unsicher. Es soll unter ihnen viel Antisemitismus in latenter Form vorhanden sein. Es wäre eigentlich Pflicht der Juden in Finnland, angesichts dieser Lage eine energische Agitation zu entwickeln. Sie müßten steh den alten Satz: „Wenn nicht jetzt — wann dann?" in ihr Gedächtnis rufen. Es ist furchtbar traurig, daß in einer Zeit, die den Zusammenschluß der jüdischen Kräfte zwecks Erreichung der heiligsten Menschenrechte gebieterisch erheischt, sich die einzelnen Juden damit begnügen, an den Senat Petitionen wegen kleiner Erleichterungen für sich zu senden, wie z. B. : man sollte ihnen erlauben zu wohnen, Kleinhandel zu treiben u. dgi. Das gilt als erstrebenswertes Ziel! Dieses kleinbürgerliche, kriechende Petitionieren, die Frucht politischer Unbändigkeit und Disziplinlosigkeit, schwächt die Chancen der großen Aktion. Im vorigen Jahre existierte dort noch ein sogenannter „Dergreicherverein", aber auf die erste Begeisterung folgte schnell der Kleinmut, der in einer Zerbröckelung und im Kleinwerden der Ansprüche seinen Ausdruck findet. Es ist gut, daß sich der wackere Rechtsanwalt Jakobsohn mit dieser Angelegenheit befaßt. Er ist der einzige, der diese Frage auf breite Basis gestellt hat. Binnen kurzem soll sein Buch, das diese Frage gründlich behandelt, erscheinen. Man müßte auch die öffentliche Meinung Europas über diese Frage aufklären. Es ist eine Verkenriung tatsächlicher Verhältnisse, wenn man die Phrase wegen der ausschließlich russischen Schuld an den Judenbeschränkungen in Finnland in Kurs setzt und sie gläubig nachspricht. Mögen die Finnen nicht in ganz unbestimmten, schwankenden Redewendungen stecken bleiben! Wenn sie ein stark entwickeltes Zugehörigkeitsgefühl zur westlichen Zivilisation haben, so ist es ihre Pflicht, diese durch die Tat zu beweisen! Die Sabbatfrage Bekanntlich ist die Sabbatfrage für die wirtschaftliche Lage osteuropäischer Juden von ungeheurer Wichtigkeit. Die Frage wurde schon im vorigen Jahre sehr ernstlich behandelt, als die Warschauer zionistische Organisation eine Massenpetition nach Petersburg gegen die Verschärfung der Sonntagsgesetze für die Juden richtete. Die Stolypinsche Regierung läßt wohlweislich alles in der Schwebe, aber die verschiedenen Volksparteien und Institutionen beschäftigen sich mit dieser Frage sehr eifrig. In den letzten Tagen war diese Frage Gegenstand der Verhandlungen in zwei grundverschiedenen Institutionen: im Warschauer „Proletariat" und in der Homeler Stadtduma. Im Warschauer „Proletariat" — es ist dies eine neue so genannte Organisation — wurde der Antrag gestellt, für sämtliche Arbeiter einen einzigen Ruhetag, und zwar c n Sonntag, den die Mehrheit der Arbeiter feiert, obligatorisch ai machen. Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt, wobei das Recht der Juden auf ihren eigenen Ruhetag, den Sabb.it, geltend gemacht worden ist. In Hornel haben die echtrussiscl n Kleinbürger die Verschärfung der Sonntagsruhe beschlossen, ol.<ie auf die Interessen der Juden Rücksicht zu nehmen, ja, um ihv n direkt ihren Kampf ums Dasein zu erschweren, denn sonst sind ue Echjrussen gar nicht so fromm. Sie pflegten immer an ihren Son- und Feiertagen Handel zu treiben, sofern sie nicht durch ein n übermäßigen Schnapsgenuß handelsunfähig waren. EINE BEHERZIGENSWERTE MAHNUNG In den letzten Jahren bemerkte man eine gewiss Rivalität großer jüdischer Organisationen. Inwiefern diese Konkurrenz im Rahmen eines edlen Wetteifers sich bewegt, ist sie mit Genugtuung zu begrüßen. D; j jüdische Gesamtheit kann durch eine Vermehrung d<. r Hilfskräfte und durch eine Ausdehnung ihres Arbeit - feldes nur gewinnen. Wir haben diese Entwicklung aufmerksam beobachtet und dabei haben wir auch eine der Begleiterscheinungen dieses Prozesses wahrgenommen, die un schon lange bedenklich vorkam. Neben der so wünschen: werten Konkurrenz traten Eifersüchteleien an den Tai., die der Würde großer Organisationen nicht entspreche) Sie lösten gewisse Mißstimmungen aus und ließen sie ■ zuweilen in mancher Polemik hören. Wir bedauerte:; stillschweigend die kleinlichen Reibungen und glaubte ■ die tiefere Einsicht und der höhere Qemeinsinn, der de : großen Organisationen zweifellos innewohnt, werde d; Atmosphäre von den unliebsamen Miasmen reinigen. Leider ist das bis jetzt nicht eingetreten. Ii: Gegenteil, die Konkurrenz scheint Formen anzunehme; denen man energisch entgegentreten muß, wenn raa nicht den Anschein einer stillen Zustimmung zu dieser Gebahren erwecken will. Es handelt sich um de Nachrichtendienst über die Judenlage und die tragische Geschicke unserer verfolgten Brüder. Es ist die eine Aufgabe hochwichtigster Bedeutung für jüdisch Organisationen und da ist es an sich nur erfreulich daß jede Organisation mit geflissentlicher Sorgfalt diese; Aufgabe gerecht zu werden sich bemüht. Aber wen; bei dieser Gelegenheit ein müßiger Neid durch gegenseitige, in die Öffentlichkeit gezerrt, Polemik sich Luf macht, so ist es heiligste Pflicht dagegen Stellung rnehmen. So sehr wir die Verdienste der Organisatione: schätzen und so sehr wir die persönliche Ehrenhaftigkeit ihrer Leiter anerkennen, so müssen wir doch erklären daß in dieserWeise der jüdischen Gesamtheit nicht gedien: werden kann. Es wäre verfrüht, die Tragweite diese Schadens schon jetzt genau zu erörtern, aber das wirc geschehen müssen, wenn unsere vom Pflichtbewußtseil: diktierte Mahnung nicht helfen wird. Anstatt de; unstatthaften Eifersüchtelei muß ein harmonische^ Zusammenarbeiten zustande kommen. Caveant consules:

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