Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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die „Politik der Peitsche und des Zuckerbrots" zur Anwendung zu bringen. Sie sucht jetzt das Material, die Daten, die Details von ihren Gouverneuren zu erhalten. Bekanntlich sind die Gouverneure im allgemeinen reaktionär und werden diese Tendenz um so mehr iev:t an den Tag. legen, da von oben ein starker reaktionärer Wind weht Wir wissen aus Erfahrung, wie willkürlich und tendenziös diese „Sviedenia" (Auskünfte) immer waren. Auf diesem Gebiet dürfte eh e jüdische Organisation durch gewissenhafte Untersuchungen Gutes leisten. Leider sind wir mehr zu theoretischen Haarspaltereien a! zu statistischen Forschungen geneigt, und wo es auf Informationen ankommt, stehen wir oft mit leeren Händen da. Sollte die beabsichtigte allgemeine jüdische Konferenz zustande k oimen, so müßte die Frage der Information ein Hauptpunkt ihres / oeitsprogramms werden. Doch wie wird sich die dritte Duma zu der oben angedeuteten k;^ierungspolitik den Juden gegenüber stellen? Die Antwort d;; auf gibt uns Das schwarze Lachen Deputierter Nisselowitz hat zum erstenmal während der : ireßdebatte die Tribüne bestiegen und eine kurze, bescheidene / iSprache gehalten. Er unterstützte den Antrag des Polen hnowski, einen Zusatz zu der Adresse wegen der Gerechtigkeit - oenüber anderen Völkerschaften hinzufügen. Da brüllte die; :chte, die Echtrussen schrien wie Besessene, Purischkewitsch fitete, der rabiate Gutsbesitzer Kelepowski tobte und ein mephisto- ■elisches Lachen erscholl, als Nisselowitz die Rechtlosigkeit der chs Millionen Juden erwähnte. Das ist ein Vorgeschmack der bevor- •ehenden Judendebatte. Nisselowitz und Friedman, die zwei Juden der dritten Duma, jabsichtigten eine Erklärung wegen der Lage der Juden zu Verden. Miljukow fand dies nicht tunlich, und es blieb bei der kurzen rklärung Nisselowitz\ Es ist wirklich angesichts der gegenärtigen Lage rührend naiv, wenn jetzt noch in der jüdischen Yesse in Rußland so viel über die Taktik der Juden in der Duma olemisiert wird. Was kann man von einer solchen Duma mit ieser oder jener Taktik erwarten? Der permanente Pogrom In Odessa hört das Morden und Plündern nicht auf. Nach •dem Bombenattentat, ob es von Juden, oder von Nichtjuden verübt vird, stürzen sich die russischen Verbändler auf arme Juden und üißhandeln sie in der brutalsten Weise. Es geschieht auch ohne o Vergehende Bombenanschläge, letztere sind nur ein Anlaß, dessen nan sich bedient. Die arme jüdische Masse in der Moldawanka 'iiin ebensowenig terroristische Akte verhindern wie die Regierung. Nun entlädt sich der edle Zorn der Verbändler nicht nur im forden, sondern auch im Plündern. Bs ist eine wirklich „patriotische"; at, armen jüdischen Kleiderhändletn ihr Hab und Gut zu rauben md mit sich zu schleppen! Während eines Zusammenstoßes ist ein Verbändler, namens Wielitschko, ermordet worden. Dann kommt die Beerdigung und der Pogrom ist da. Einige Juden schwer und mehrere leicht verwundet; eine Reihe von Läden und Wohnungen ausgeplündert. Die Verbändler stürzen wie die wilden Bestien in die Wohnungen der Juden ein; sie schlagen Frauen und Kinder halbtot, und nie ist Polizei da, um das Blutvergießen und das Ausrauben Unschuldiger zu verhindern. Und das in einer kulturellen, europäischen, für den internationalen Handel wichtigen Hafenstadt! Entweder ist die Loltalregierung in den Händen der Verbändler, oder es ist überhaupt keine Regierung. Es ist ein furchtbarer Hohn gegen die Stolypinsche Deklaration mit all den schönen Worten von Gesetz und Ordnung, die angeblich nur durch Räubereien gestört werden. Das ist eine vollständige Begriffsverwirrung. Die terroristischen, revolutionären Akte — zumeist traurige Folgen eines Terrorismus von oben — sind bedauernswerte Vorkommnisse, aber wie kann man durch sie einen chronischen Pogrom, wie er z. B. in Odessa wütet, bemänteln? Pogromprozesse und Selbstwehranklagen In diesen Tagen beginnt der Monstre-Pogromprozeß von Orscha. Der Orschapogrom war nicht viel kleiner — im Verhältnisse zur Größe der Bevölkerung war er sogar bedeutend größer — als der von Kischenew 1903. Dreißig Tote, darunter zwei Frauen, — nach der Ermordung wurden die Leichenschädel zertrümmert. Natürlich hat man nur einen Teil der Pogromanstifter verhaftet. Auf der Anklagebank werden 58 Personen sitzen, darunter ein Polizei auf seher. Es ist einer, der zu plump war, um seinen Anteil zu maskieren. Die Pogrom-Rechtsanwälte haben jetzt viel zu tun. Bald beginnt in Poltawa ein großer Selbstwehrprozeß. Angeklagt waren: die Familie Schi mschelo witsch, Boruchow, Rabtsehynski und Rubinow. Letztere drei sind geflohen, so bleibt also nur noch die Familie Schimschelowitsch, die schon seit mehreren Monaten im Gefängnisse darbt. Der Prozeß hat eine prinzipielle Bedeutung, denn es handelt sich um die Frage, ob den Juden das nationale Recht der Selbstwehr zusteht. Eine Reihe tüchtiger Advokaten (Mandelstamm, Ratner, Niemirowski) steht den Angeklagten zur Seite. Die Pogromangeklagten in Ekaterino slaw und Lugansk sind inzwischen von der Kerkerhaft befreit worden. Wollen nicht die Echtrussen mit diesen Leuten ein neues Pogrömchen in Szene setzen? Es mehren sich auch die Begnadigungen! Hetzagitation und sozialer Antisemitismus Der Dumaabgeordnete des WiInaer Bezirks,der Pop Weraksin, erließ einen Aufruf, in dem er - die christliche Bevölkerung auffordert, kein Brot bei jüdischen Bäckern zu kaufen. Der Hetzapostel Jozephowitz aus Kiew sandte an das Ministerium des Innern geharnischte Proteste gegen die Demoralisierung des russischen Volkes durch die Aufführung jüdischer Stücke auf der Bühne. „Frühlingserwachen" wird als ein Stück eines Juden, namens Wedekind, bezeichnet. In Odessa beabsichtigt die Verwaltung, den sog. Rat geistlicher Behörden, eine Föderation der Synagogen und Bethäuser, die den Zweck hat, jüdische Gemeindeangelegenheiten zu beaufsichtigen, aufzulösen. Die groben Einmischungen der Bureaukratie auf dem Gebiete intern-religiöser Fragen sind empörend. Hier handelt es sich nicht mehr um Autokratie, Freiheit, Beschränkung, Gleichberechtigung, nicht einmal um Ausnahmegesetze, sondern um gewöhnliche, harmlose Kehillaangelegenheiten, um die die Behörden sich gar nicht zu kümmern haben. Da ist ein Rabbiner, Herr Chaim Tschernowitz, der neben seinen rabbinischen Funktionen eine „Jeschiwah" zu leiten hat. Natürlich hängen diese Funktionen zusammen; es ist ganz so wie z. B. in Deutschland, wo die meisten Rabbiner Religionsunterricht erteilen. Herr Tschernowitz wurde wegen der „Jeschiwah" aufgefordert, sein Amt als Rabbinergehilfe niederzulegen. Die jüdische Frage in Finnland Nicht viel besser als in der dritten Duma sieht es mit der Judenfrage im Abgeordnetenhaus des konstitutionellen, kleinen Finnlands aus. Die gesetzliche Lage der Juden inFinnland ist viel gedrückter und beschränkter als in den dunkelsten Teilen Rußlands. Diese Tatsache paßte nicht in den Kram der Freunde der Finnen in Europa, und man suchte sie durch die Erklärung zu bemänteln, es sei dies das Werk des Teufels, d. h. des alten russischen Regimes. Aber jetzt wird diese Verschleierung nicht helfen. Die Judenfrage ist jetzt im finnländischen Abgeordnetenhaus aufgerollt worden, und sind die Finnen wirklich ein Kultur-