Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das glänzende und wahrhaft hochinteressante Spektakel pflegt sich zu nennen: „Aufwallung des Volkszornes". Das Autor-Honorar nehmen gewöhnlich in Empfang: Stiopka Straßenstrolch, Mitka Seelenmörder und Matrioschka Schnapsquart, 97°/o Provision gehen ab für die Herren Knutengriff et Co. Aus besonderen Gründen werden jetzt statt einer Gesamt-Gala-Vorstellung Spezial-Vorstellungen in verschiedenen Straßen, dafür aber recht oft, gegeben, und zwar nicht weniger als siebenmal in der Woche. Und das Spektakel heißt jetzt: „Kampf gegen die Rebellion!" Ein Titel, der schon im vorhinein alle Sünden entschuldigt und der einen respektablen Arbeitsertrag „auf dieser Welt" verbürgt und Belohnung des Verdienstes „in jener Welt". Pst! Pst! Stille! Hört Ihr? Man muß nicht erst lange warten. . Lärm, Aufregung, ein Gerenne und Gejage.... Paukenschläge und Glockengeläute.. .. Der Vorhang geht auf. . . . II Der Lebensgeist Es liegt vor mir das Buch, worinnen Zu innigem Bund gereiht sind Tag nach Nacht Und Nacht nach Tag, und gold- und purpurleuchtend Dazwischen Abendschein und helle Morgenpracht. Und in dem Buche lese ich Geschichten, So grauenvoll — kein schreckhaft Zauberbild Hat je ein Menschenauge so geängstet, Ein Herz erschüttert so unmenschlich-wild . . . Ein Höllenschlund — und drin sich qualvoll windend In schwerer Ketten glüh'ndem Eisenband Ein Volk, ein ganzes Volk, hineingeworfen Lebendigen Leibes in den Höllenbrand . . . Ja, eine Hölle voll lebendiger Leiber, Darin man quält und martert hassesblind Die Väter für der Kinder junge Leiden, Die Kinder für der Väter alte Sünd' . . . Darin „Heil dir, o Herr!" Gespenster singen Mit schimmernd-weißem Priesterkleid behängt, Der Satan tanzt den heiligen Tanz — es flattert Die fromme Fahne, rot mit Blut besprengt . . . III Das Gelbhemd Wie, eine Hölle? Ja, für wen denn? Für mich, zum Beispiel, ist die brave Stadt Odessa jetzt ein Paradies geworden: Ich schlemme, saufe, freß' mich übersatt, Ich haue, dresche, plündere ganz offen, Die ganze Stadt beherrscht jetzt mein Gebot — Und hieß man früher mich den „Lump und Gauner" — Jetzt nennt man mich respektvoll „Patriot". Mit mir beschäftigt sich die ganze Presse, Man spricht von mir, zitiert mich überall, Geh' ein und aus beim hohen Magistrate, Und ein Herr Graf, der ist mein General. Und wie denn sollt' ich stolz nicht rümpfen Die Nase ob dem alten Schmutz und Mist — Noch kürzlich hieß ich Jurke-Süffling, Jetzt heiße ich: Nationalist. Aus allem Unrat, aus den finstern Löchern Hinausgekrochen in die Welt, Bin ich ein großer Mann geworden, Ein Standesherr, sogar ein Held, Der Ortsgewaltigen Freund und Bruder, Trommler und Fahnenträger im Staat! Sonst saß ich meist im Diebsgefängnis, Jetzt sitz ich obenan im Rat! . . . IV Das Schwarzhemd Von meinem Heldenruhme Habt ihr gewiß gehört: Mit allerhand Waffen bin ich Vom Kopf bis zur Zehe bewehrt — Mit aller Art Schießwerkzeugen Und Bömblein — wenn eine fällt, Na, Gnade Gott!, dann zersplittert In tausend Stücke die Welt! So steh' ich gerüstet „auf Wache" In diesem und jenem Versteck — Und kommt ein Kosak, dann greif ich Zum Stecken — und laufe weg! . . . „Wie denn?" Jawohl, mein Lieber: Das ist die Kunst! Als Held Solch' einen Namen zu haben Und solch Renommee in der Welt! Von allem Lob der Juden Gebührt — bei meiner Seel'! — Das Meiste uns „Schwarzen Hemden", Den „Großen in Israel"! V Das letzte Hemd Fürwahr, gar leicht ein Held zu sein, Wo dir zum Schluß die Flucht erlaubt, . . Ich aber bin hier wie mit Eisen An Markt und Gassen angeschraubt! Auf Markt und Gassen ringsherum Das Mordgesindel mit frechen Mienen, Ich aber muß auf Gasse und Markt, Mein armes Stückchen Brot verdienen. Der schleppt und zerrt und reißt an mir, Der tut, als wollt' er es nicht leiden — Ohnmächtig, wehr- und willenlos, So tauml' ich zwischen allen beiden. Was aber hilft das Reden hier, Was Fragen und Antwort-Geben? — Mein lieber Freund, es geht mir aus Das allerletzte Restchen Leben. . . . VI Der Arbeitgeber Du liebe Stadt, Du schöne Stadt, Erlebst jetzt wirklich schwere Zeiten! Voll tiefen, heißen Mitgefühls Schick' ich dir meinen Gruß vom weiten . Ei, hol' der Teufel die Fabrik Mitsamt Patent und Konzessionen! Ich wärm' mich an der Adria, Und kühl' mich ab in Bergregionen.