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Die Welt · 1907-12-06 · 49 (6.12.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 ---- DIE3 In diesem „Programm", das über die nationale und soziale Frage mit einigen Redensarten zur Tagesordnung übergeht und die Judenfrage mit keinem Worte berührt, kommt besonders prägnant zum Ausdruck der Unterschied zwischen der Demokratie der Assimilanten und der Demokratie der Jungjuden. Während wir unserem jungjiidischen Programm entsprechend die Anerkennung der Juden als selbständige gleichberechtigte Nationalität fordern und die nationale Autonomie für die Juden Österreichs sowie für sämtliche übrigen Volksstämme der Monarchie dies-und jenseits der Leitha erstreben, negieren die jüdischen Assimilanten aller Richtungen, und speziell auch der „Deutsch-Demokratie", nicht nur das jüdische Volkstum, sondern auch die einzige mögliche Lösung des österreichischen Problems, die national-föderative Umgestaltung des österreichischen Gesamtreiches. Alle die sogenannten deutsch-„freiheitlichen" Gruppen (inklusive der Deutschdemokraten) haben aus der Entwicklung der österreichischen Verhältnisse in den letzten 25 Jahren gar nichts gelernt; sie begreifen immer noch nicht, daß der Liberalismus und die sogenannte bürgerliche Demokratie in Österreich darum Schiffbruch gelitten haben, weil deren Vertreter Vorrechte für einzelne Nationalitäten und Klassen verewigen wollten und auf diese Weise den Nationalitätenstreit, den Antisemiti smus und die klerikale Reaktion züchteten. Kurze Zeit, nachdem von „deutsch-freiheitlicher* Seite den jüdischen Abgeordneten Kuranda und Dr. Ofner das Deutschtum abgesprochen wurde und ersterem sowie dem Abgeordneten Hock daher die Aufnahme in den „Deutschen Verband" verweigert worden war, wird von jüdisch-assimilatorischer Seite für eine „deutsch"-demokratische Vereinigung Propaganda gemacht, „in welcher die Meinungsunterschiede zurückgestellt werden sollen", welche die „freiheitlich gesinnten, deutschen Bürger Wiens im einzelnen trennen". Also eine captatiobenevolentiae der verschiedenen Schattierungen der Deutschnationalen, die im Punkte des Antisemitismus die jungklerikalen Christlichsozialen derzeit bereits übertrumpft haben! Das ist ein, nicht nur vom jüdischvolklichen Standpunkt, sondern auch von dem einer wahrhaft modernen jungösterreichischen Demokratie zu perhorreszierendes „Programm"! Die neue Demokratie in Österreich des 20. Jahrhunderts, muß eine Reichspartei, eine Völkerpartei sein, sie muß eine Vereinigung jener tatsächlichen modernen Elemente aller Nationen werden, welche ein national-autonomistisches, soziales Österreich erstreben. Die Deutschdemokraten aber und ihr assimilatorisch-jüdischer Anhang, die in Wien, der Metropole des polyetheischen Donaureiches, nur an eine Nation, die deutsche, ja noch weniger, nur an eine Klasse, an das deutsche Bürgertum sich wenden, vertreten eine Art der „Demokratie", die gleich wenig den wirklich demokratischen Prinzipien, als den Interessen der österreichischen Völker und speziell denen des jüdischen Volkes entspricht. Es ist dies dieselbe Politik, welche auf der Verlängemngslinie der alten Scheinliberalen und deutschnationalen Chauvinisten sich befindet und in Österreich mitschuldig ist an der Zuspitzung der nationalen, konfessionellen und sozialen Gegensätze. Waren es doch diese Politiker und ihr Zeitungsgefolge, welche die konstituierende, historisch denkwürdige Versammlung vom 15. Juli 1882 sprengten, in der Dr. Adolf Fischhof, Baron Robert Walterskirchen und Dr. Theodor Hertzka das Programm einer wahrhaft demokratischen, österreichischen Volkspartei entwickelten. Durch diese Herostratestat in den Wiener Musikvereinslokalitäten schaufelten die Deutsch-Jreiheitlichen" Österreichs ihr eigenes Grab und legten das Fundament zur Macht der heutigen Gebieter Österreichs, der Christlichsozialen! Daran muß gerade in dem Momente erinnert werden, wo der eine Anhänger Fischhofs1 [BtT -= No. 49 der damalige Demokrat Dr. Geßmann, als christlichsozialer Parteimann Arbeitsminister wurde, und der andere Adlatus Fj'schhofs, Dr. Karl Lueger, der Führer der mächtigsten Parlamentspartei, der Christlichsozialen, ja, des österreichischen Abgeordnetenhauses geworden ist! Den deutsch-„freiheitlichen" Parteien aber (zu denen sich nun auch die Deutschdemokraten hinzugesellen), muß man zurufen: Ipsi fecistis, — euer Werk ist dies! Nein diese Politik können wir nationale Jungjuden nicht mitmachen, weder als Juden, noch als Österreicher, noch als Demokraten; wir wollen vielmehr an der Realisierung des Testamentes Dr. Fischhofs mitarbeiten, damit endlich in der Habsburger Monarchie die wirklich demokratischen Prinzipien der nationalen, religiösen und sozialen Gleichberechtigung aller Österreicher verwirklicht werden. Jede nationale und ökonomische Herrschaftspolitik, auch wenn sie unter pseudo demokratischer Flagge (besonders in Ungarn) kultiviert wird, verwerfen wir prinzipiell, weil sie unjüdisch, unösterreichisch und undemokratisch ist, und nur den Rassen- sowie ökonomischen Antisemitismus fördert. Die jungjüdische sowie überhaupt die gesamte jungösterreichische Demokratie aller Nationen kann nicht Halt machen bei den Traditionen der Jahre 1798 und 1848, sie kann sich nicht begnügen — wie die assimilatorisch-jüdischen Politiker — mit der Gleichberechtigung der Individuen nnd Konfessionen, sondern muß auch die Gleichberechtigung aller Nationen und Klassen, die Emanzipation des jüdischen Volkes und aller übrigen unterdrückten Nationalitäten vom fremd nationalen und kapitalistischen Joche erstreben. Sie kann nicht das Prinzip der superioren und inferioren Rassen, der herrschenden und beherrschten Klassen als ein „staatserhaltendes" zu petrifizieren mithelfen, sondern nur in der unbedingten Gleichberechtigung in jedweder Hinsicht das Ziel einer wichtigen jüdischen Volkspolitik und österreichischen Reichspolitik erblicken. Sowie wir als Angehörige der jüdischen Gesamtnation an der Verwirklichung unseres alljüdischen Maximalprogrammes, der Erlangung einer Heimstätte in Palästina, eifrigst arbeiten müssen im steten Kontakt mit den Volksgenossen aller Länder, so wollen wir anderseits als moderne österreichische Juden keine Mühe und keine — Verdächtigung scheuen, um im Bunde mit den gleichgesinnten Österreichern anderer Abstammung, aus dem sechs Jahrhunderte alten Donaureiche einen Hort der nationalen Autonomie der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit für alle seine Völker zu machen. Indem wir an diesem Programme unerschütterlich festhalten, erfüllen wir unsere Pflicht gegen unser jüdisches Gesamtvolk, gegen den Völkerstaat Österreich und unsere Aufgabe als Kulturmenschen des zwanzigsten, des sozialen Jahrhunderts. Geschäftsbericht des „Bezalel" Verein zur Verbreitung von Kunstgewerbe und Hausindustrie in Palästina und den Nachbarländern. Gemäß Beschluß des Komitees vom 8. Oktober 1906 konstituierte sich der „Bezalel" als selbständiger Verein auf Grund der von den Herren Dr. Paul Nathan, James Simon und Professor Warburg entworfenen und vom Gründungskomitee genehmigten Satzungen. Der Vorstand hielt im Laufe des letzten Geschäftsjahres sechs Sitzungen ab, in denen über die Propaganda für den Verein Beschlüsse gefaßt, Berichte über den Fortgang der Schule in Jerusalem entgegengenommen und über den Vertrieb der von der Schule herzustellenden kunstgewerblichen Produkte, insbesondere der Teppiche, beraten wurde. Es interessierten sich warm für diese Angelegenheit, außer unserem Vorstandsmitgliede Herrn Berthold Israel, Herr Oskar Tietz, Inhaber des Warenhauses Tietz, und verdanken wir den Leitern der Teppichabteilungen dieser Häuser wertvolle Angaben über die Teppichproduktion im Orient. In liebenswürdiger Weise erklärten sich die Herren bereit, auch fernerhin dem Verein mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. In nicht minder

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