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Die Welt · 1907-12-06 · 49 (6.12.1907) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 49 DIE^ELT 7 pfade zu den Ruinen von Ekbäla. Ein wasserreicher Bach, von dessen einstiger kunstvoller Fassung noch Spuren vorhanden sind, plätschert durch das stille Tal. An seinen Ufern duften dichte Büsche von wildem Jelängerjelieber, und in schmalen Gärten schimmern Tausende von den weißen Kelchen der Quitte. Wo aber das Tal am engsten wird, da dämmert auf der rechten Seite des Baches ein wundersamer Hain. Mächtige Bäume, Eichen und Terebinthen flechten ihre Zweige ineinander und bilden ein undurchdringliches Blätterdach. Von den Ästen herab aber hängen unlösbare Gewebe üppiger Schlingpflanzen, so daß man sich von tropischem Urwald umfangen wähnt. Und in dieser grünen Wildnis träumen die Trümmer eines stolzen Kreuzfahrerschlosses; noch stehen die Mauern großer Festsäle, noch laden die tiefen Fensternischen zum Ausblick ein. Und wem die Gabe des zweiten Gesichts verliehen wurde, der sieht die kühnen, leichtherzigen Ritter in schimmernden Rüstungen auftauchen und den Reigen mit den schönen Damen der Provence schlingen. Und im schattigen Fenstererker sitzt die Minnekönigin und lauscht dem süßen Geflüster des Troubadours. Ja, du rauhes Gebirgsland, du ersinnst berückende Zaubermärchen! Samarien ist dasGesenke des judäischenHochlands. Während jenes ein einheitliches Massiv mit Abdachungen, Abstürzen und Einfaltungen bildet, zerlegt sich das Hügelland vonSamaria in viele einzelne Schollen. Hierund da ragen stattliche Berge, aber dazwischen liegen fruchtbare Ebenen. So umschließt es viele anmutige Einzelbilder, nimmt aber nur an wenigen Stellen einen Anlauf zu kühnerer Gestaltung. Selten sieht man eine schroffe Gebirgswand, und die wilden Wädis Judäas haben hier keine Analogien. Doch sind einzelne Gebirgsstöcke von imposanter Wirkung. Majestätisch thronen zu beiden Seiten von Näbulus der 868 Meter hohe Garizim und der 938 Meter hohe Ebal einander gegenüber. Josua 8, 30—35 wird erzählt, wie hier Josua auf wirkungsvolle Weise das Volk Israel zur Treue gegen Jahve ermahnte. Er baute auf dem Ebal einen Altar. In der Mitte des Tales stellte er die Bundeslade auf, neben sie die Priester, an die Abhänge des Garizim und des Ebal aber zu beiden Seiten der Lade das ganze Volk. Dann ertönten vom Garizim Segensworte über die Bundestreuen, vom Ebal schreckliche Flüche über die Verächter des Gesetzes. Die Schallverhältnisse des Tales sind so günstig, daß hüben und drüben das Gesprochene gut verstanden wird. Die beiden Berge umrahmen ein liebliches Tal. Zu ihren Füßen breitet sich ein .grüner Teppich; die Talsohle ist ein großer Garten, in dem besonders Mandel- und Granatbäume sich zu dichtem Gebüsch zusammendrängen. Reiche Quellen, die besseres Wasser bieten als der jetzt fast vertrocknete Jakobsbrunnen, rauschen von den Berghängen herab. Die unterste Terrasse des Garizim vereinigt ein doppeltes Naturspiel von großer Schönheit. Unmittelbar über Näbulus erhebt sich eine Felsplatte, auf natürlichen Säulen ruhend, nur von der Südseite zugänglich: die Jothamskanzel. Von hier aus, wo man die ganze Stadt übersehen kann und die gegenüberliegende steile Halde des Ebal einen ausgezeichneten Resonanzboden abgibt, konnte der Flüchtling Jotham den Männern von Sichern, die den Brudermörder Abimelech zum Könige gemacht hatten, seine höhnische Parabel zurufen, ohne daß sie seiner habhaft zu werden vermochten. Hinter dieser merkwürdigen Felsbildung strebt abermals ein hohes Riff zum Gipfel des Garizim empor, und in dieser senkrechten Mauer klafft eine ungeheure Grotte. Hier begreift man, daß den Alten solche Karsthöhlen als Wohnungen von Gottheiten erschienen. Eine feierliche Stimmung überkommt jeden, der in dieses Halbdunkel tritt. Tropfen auf Tropfen fällt in regelmäßigen Zwischenräumen glucksend von der Decke herab, als ob eine Uhr tickte; sonst heilige Stille. Über dem Eingange hängen, wie ein grüner Türvorhang, dichte Schlinggewächse. Muß nicht der gigantische Berggeist, der hier seine Behausung hat, aus der Tiefe des Hintergrundes aufsteigen oder plötzlich am Eingang erscheinen? Doch im ganzen war Samaria für die Entwicklung einer geheimnisschweren Mythologie nicht geeignet. In diesem welligen Lande, das seit uralter Zeit von Ackerbauern bewohnt war, verehrte man die getreidespendenden Baale und die Stierbilder. Auch die Flora paßt sich hier dem Ackerbau an. Wie bei uns in Deutschland die Kornblume ganze Getreidefelder mit dunkelblauen Blüten durchstickt, so hat sich hier eine zierliche Winde zwischen den Ähren angesiedelt und schaut mit zahllosen dunkelblauen Augen aus dem Versteck. Auch eine Base unserer Kornblume hat hier eine zahlreiche Sippschaft, die aber nie im Getreide, sondern immer an den Feldrainen sitzt. Die Anemonen und die roten oder goldgelben Ranunkeln entwickeln sich hier zu erstaunlicher Größe. Reizvoller ist die Landschaft noch etwas weiter nach Norden bei dem Dorfe Silet ed-Dahr. Hier ragen zu den Seiten einer fruchtbaren Ebene auf steilen Hügeln festungsartig die Dörfer Er-Räme, 'Anza,Dscheba\ Dann flacht sich das Gelände allmählich zur Ebene Döthan ab, und aus dieser gelangt man durch ein schmales Tal zu dem Orte Dschenin, in dem Samariens Üppigkeit sich zu ägyptischer Überfülle steigert. Im Westen ist die Aussicht begrenzt durch die letzten Ausläufer des Karmel, irn Osten durch das Gebirge Gilboa; nach Norden aber öffnet sich die weite Ebene Jesreel. „Gartenquelle" bedeutet der Name Engannim; ein quelldurchrieselter Gottesgarten ist dieser Erdwinkel, ein Paradies mit träumenden Palmenhainen und fruchtprangenden Gehegen.---- Schluß folgt) Die jungjüdische Demokratie in Österreich und ihre Gegner Von Dr. H. Kadisch Durch die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes in der zisleithanisehen Hälfte der Monarchie wurde das demokratische Element bei allen Volksstämmen sehr gestärkt, und bei den letzten Reichsratswahlen erfochten auch die verschiedenen Richtungen der Demokratie glänzende Siege. Unmittelbar vor Eröffnung der letzten Reichsratssaison trat nun eine neue Spielart der Demokratie auf den Kampfplatz: Die sogen. Deutsch demokraten, unter Führung der Abgeordneten Baron Hoch und Dr. O f n e r (Jude). In dem diesbezüglichen Aufrufe des vorbereitenden Komitees des „Deutschdemokratischen Vereins" wurde der Verein ausdrücklich als deutscher Verein bezeichnet, dessen Aufgabe es sei, Besitzstand und Rechte des deutschen Volkes zu verteidigen; gleichzeitig aber soll er der Sammelpunkt aller (!) freiheitlich gesinnten bürgerlichen Elemente in Wien sein.

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