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Die Welt · 1907-12-06 · 49 (6.12.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 DIE2&ELT v No. 49 vom Himmel ab und zeigt jetzt, daß seine im grellen Tageslicht monoton erscheinenden Linien Kühnheit und Kraft haben; in Wellenkämmen, zwischen denen einzelne Gipfel inselartig auftauchen, rollt er finster trotzig vor dem Gluthimmel hin. Wenn aber die Sonne tiefer sinkt und der Kontrast zwischen der Oberfülle des Lichts am Himmel und den Bergschatten des Erdrandes sich mildert, dann ergießen sich über die Hochflächen violette Farbenkaskaden, überfluten den verschwimmenden Gebirgssaum, brechen sich an den Vorsprüngen der Höhenzüge und durchlaufen eine chromatische Tonleiter. Allmählich aber gleichen sich die zahllosen Vorhalte aus, indem alle auf den Grundton des tiefsten Violetts hinstreben. Endlich verklingt alles im schweigenden Dunkel der Nacht. Wenn das judäische Hochland in seinem Innern auch eine große Gleichförmigkeit der Oberfläche zeigt, so ist doch damit nicht gesagt, daß tiefere Rinnen und auffällige Profile auf dem eigentlichen Horste fehlen. Wie jäh ist der Absturz im Süden und Südosten von Jerusalem i Die Landwarte Nebi-Samwil und der Kegel von Teil el Fül ziehen durch ihre charakteristischen Formen die Aufmerksamkeit eines jeden auf sich, der von Jerusalem nach Norden reist. Noch auffälliger ist im Südosten der steile Kegel des Frankenberges, den aber Menschenhand geformt hat: Herodes hat den Gipfel gleichmäßig gestaltet, um darauf eine Festung zu setzen und sein Grab zu bauen. Mannigfaltiger wird die Gestaltung des Berglandes, wenn man sich seinem Rande nähert. Schaut man von dem fast 1000 Meter hohen Ras esch-Scherife südwestlich von Bet-Dschäla nach Westen, so ist man überrascht von der kräftigen Modellierung der Vorberge, die oft von burgenähnlichen Dörfern gekrönt sind. Unvergleichlich imposanter ist freilich die Aussicht am schroff abfallenden Ostrande des Gebirges. Im Norden bietet der Teil 'Asür (1011 Meter) eine Rundschau, die an Großartigkeit nur durch die vom Dschebel Dschermak in Obergaliläa übertroffen wird, vor dieser aber den unmittelbaren Blick in das tiefe Rör und die ihm zueilenden schauerlichen Schlünde voraus hat. Südöstlich von Jerusalem, nicht weit von dem Kloster Mär Säba ragt der Dschebel el-Muntär, nicht von bedeutender Höhe, aber dafür in nächster Nähe des ungeheuren Erdeinbruchs, der im Toten Meere seine größte Tiefe erreicht. Schon die letzte Gebirgsstufe vor dem 525 Meter hohen Muntär, die Buke'a, ist nur noch 53 Meter hoch; dann senkt sich das Terrain nach einer letzten Aufkräuselung jählings 394 Meter unter den Meeresspiegel. Schwindelnd klettert der Blick an den Grenzmauern des Gebirges hinab zum weiten Becken des Toten Meeres und schweift dann mit freudigem Staunen über die blaue Fläche hin. Das ganze Tote Meer, ein Spiegel von der Ausdehnung des Genfer Sees! Und drüben die gewaltigen Moabiterberge, über ihnen die Spitze des Nebo. Im Norden das weißleuchtende Heiligtum von En-Nebi-Musa' die kahle Jordanebene und der grüne Kranz der Oase von Jericho. Im fernen Nordosten endlich die Berge des 'Adschlün, sie alle überragend der Dschebel oscha (1096 Meter). Doch was können alle Aufzählungen nur für schwache Vorstellungnn von dem Farbenreichtum und der kraftvollen Linienführung des Bildes geben! Hier macht das Gebirge Juda allerdings Anleihen bei seiner Nachbarschaft, um dramatische Effekte zu erzielen. Aber es birgt in seinem Saume auch selbst landschaftliche Dichtungen von hinreißender Schönheit: seine zahlreichen Wädis. Als das Rör einst in die Tiefe sank, da blieb dieser Einsturz auch nicht ohne Wirkimg auf die benachbarten Gebirge. Es entstanden Senkungen, Knickungen, Brüche, die oft in hundertfachen Windungen verlaufen. Das war die Geburtsstunde*! der wilden Schluchten, die das Gebirge nach dem Rör hin ausstrahlen läßt. Wind und Wasser haben dann durch Jahrtausende noch weiter ihre Bildhauerkünste geübt, und nun kann sich das Auge an diesen Meisterwerken der Titanen berauschen. Südöstlich von Jerusalem bettet sich tiefer und tiefer das Wädi en-När ein, erst sanft sich schlängelnd, dann plötzlich zwischen senkrechten Wänden in hastigem Absturz durchbrechend. Nordöstlich laufen ~das Wädi es-Suwenit und das Wädi Fära zunächst parallel, wenden sich dann aber einander zu und vereinigen sich zum Wädi el-Kelt. Das Wädi es-Suwenit beginnt bei Machmas und reißt "gleich tief ein. Der ausfeilende Wind und das spülende Wasser haben hier die seltsamen Felsentürme Bozez und Sene geschaffen, die natürlichen Denksäulen der Heldentat Jonathans, der hier die Philister überfiel. Das Wädi Fära hat noch schroffere Felswände, aber es hat dazu, was den meisten judäischem Gebirgsklöften fehlt: den rauschenden Gebirgsstrom in der Tiefe. Eine Quelle, Ain Fära, entsendet Wassermengen, die wenigstens in regenreichen Jahren bedeutend genug sind, um das Wädi Fära und weiter abwärts das Wädi el-Kelt zu durchfließen und den Jordan unterhalb von Jericho zu erreichen. Gern macht die Jugend Jerusalems zu dieser schönen Quelle Ausflüge, schöpft aus ihr, spielt in ihrem klaren Wasser, fängt im Bache Krabben und badet weiter abwärts in einem Stauweiher; die hohen Felsen hallen oft von hellen Knabenstimmen wider. Weiter abwärts aber vertieft und verengert sich die Schlucht, so daß sie an Großartigkeit einer Alpenklamm nichts nachgibt. Und damit diesen Wädis die düstere Romantik nicht fehle, hat die Verwitterung und die Sandbläserarbeit des Windes in die Felsmauern zahllose Höhlen gebohrt, und die heroische Zeit des Christentums hat sie mit Einsiedlerheeren bevölkert; die blutgierigen Perserhorden aber, die 616 das unglückliche Land überfluteten, drangen auch in diese verborgenen Winkel, und manche schauerliche Sage von gräßlichen Metzeleien schwebt seitdem um die verödeten Höhlen. Aber noch heute kleben die Klöster Mär Säbä, Der el-Kelt und Quarantania wie Schwalbennester an den Felshängen. Bei aller Neigung zur Entfaltung wilder Schönheit ermangelt aber das judäische Gebirge auch der weicheren Züge nicht Wie anmutig ist die gartenreiche Umgegend von Bethlehem, und wie behaglich schmiegen sich die Ortschaften Bethlehem und Beth-Dschala an die Berglehnen! Oder wenn man von den Salomonsteichen das enge Tal nach Artas abwärts reitet, so ist man entzückt von der traulichen Heimlichkeit dieses grünen Winkels. Oder was für ein liebliches Bild bietet dem überraschten Reisenden das Dorf 'AinKarim, das ihm, wenn er auf steilem Zickzackwege von Westen her nach Kalönije hinabsteigt, aus Olivenhainen und Feigengärten freundlich entgegenlacht. Ja sogar ein phantastisches Märchen im Stile von Tausend und einer Nacht hat das ernste Bergland gedichtet. Eine Stunde westlich von Kalönije gelangt man auf verschwiegenem Seiten-

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