Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 49 DIE ELT möglich, ein palästinensisches Landschaftsbild ohne Rücksicht auf die Vegetationsverhältnisse zu entwerfen; man kann es immer nur in einer bestimmten Jahreszeit zeichnen. So ist z. B. die Wüste Juda im Frühlinge keine Wüste. Ganze Berghänge sind da in das lichte Blau zarter Blumen gehüllt, als spiegelten sie den Himmel wieder. Palästinensische Frühlingsbilder kann nur der wahrhaftig malen, der sich an ihnen berauscht. Denn ein Rausch der Natur ist dieser ganze Frühling, nicht der holde, zarte Lenz des Nordens, sondern ein trunkener Farbentraum. Wessen Auge nicht fähig ist, den süßen Feuerwein dieser Frühlingspracht in vollen Zügen zu schlürfen, der kann ihr auch nicht gerecht werden. Wie die schaumgeborene Göttin der Schönheit dem Meere entstieg, so hält der schöne Frühling in Palästina seinen Einzug von der Küste her; von den warmen Niederungen steigt er allmählich zu den Höhen des Gebirges empor. So gebührt dem Frühlingsbilde der Küstenlandschaft die erste Stelle. Wenn das Dampfschiff an der Küste .entlang fährt, sucht der Blick des Ankömmlings vergebens nach landschaftlichen Reizen. Flach dehnt sich der Strand, ohne Unterbrechung, ohne Einbuchtung, ohne Erhebung verläuft die Küste vom Süden des Landes bis zum Karmel. Im Hintergrunde dämmern wohl Gebirge, aber die Ebene, die sie vom Meere trennt, ist zu breit, als daß die fernen Berge Abwechslung in die Eintönigkeit bringen könnten. Nur im Norden, wo sich der Karmel in der Diagonale von Dschenin nach Haifa vorschiebt, wird das Bild belebter. Aber vor Jaffa verspricht das Land wenig. Auch die gefürchteten Klippen von Jaffa, diese Anachronismen aus einer Vergangenheit, in der die Ablagerungen des Nils noch nicht alle Unregelmäßigkeiten der Küste ausgeglichen hatten, sind zu niedrig, um an dem Gesamtbilde etwas Wesentliches ändern zu können. Nur Jaffa selbst, an einen Felsen gelehnt, überragt hoch den Strand und grüßt stolz herab. Aber ein Ritt landeinwärts übertrifft die tief herabgestimmten Erwartungen. Die Ebene im Frühlingsschmucke läßt den Reisenden die Sehnsucht nach scharfumrissenen Formationen vergessen. Sie kramt vor seinen Blicken tausend Herrlichkeiten aus: große Gärten, in denen aus hellgrünem Dickichte die Goldfrüchte der Orangen und Zitronen winken, hohe Kaktushecken, auf denen hellrote Feigen glühen, Olivenhaine in mattem Silberglanze, Dattelpalmen und Granatbäume, dazwischen weiße Häuser deutscher Kolonisten. Allmählich geht die Ebene in das sanft ansteigende Vorland des Gebirges über. Die Überfülle der Vegetation verschwindet. Zwischen weiten Triften und Feldern zieht sich der Weg hin. Aber hier entfaltet sich die Blumenpracht des Frühlings. Da sind vor allem die vielgepriesenen herrlichen Anemonen, rote, blaue, weiße; aber die leuchtende Pracht der roten übertrifft alle andern. Dazwischen läutenSzillen ihrekleinen dunkelblauen Glöckchen, und zarte hellblaue Irideen erscheinen am Boden wie hingehaucht. Da tauchen weiße Häuser auf. Bald ist Er-Ramleh erreicht, ein ansehnlicher Ort mit schönen Gärten. Im Südwesten ragt ein hoher Turm, der Turm der Weißen Moschee. Von ihm aus schweift der Blick über die ganze Ebene. Weit ausgegossen liegt sie da mit ihren Olivenwäldern, Dörfern und Kolonien. Im Westen schimmern die Dünen im blendenden Weiß, und hinter ihnen glänzt der Silberspiegel des unendlichen Meeres. Wie völlig umgewandelt erscheint die Landschaft, wenn man ins Gebirge Juda gelangt! Der Wechsel der Eindrücke vollzieht sich so jäh, daß man sich ihm innerlich zunächst nicht anzupassen vermag. Kahl bauen sich die Kalkterrassen übereinander auf, selten einen schmalen Streifen flacher Erdschicht zwischen ihre Stufen einfügend, meist nur mit niederen Dornenstauden bewachsen. Und eine Erhebung gleicht in ihrer Konstruktion der andern: genau horizontal lagern die Massen aufeinander, die Berge* ruhen auf breiter, abgerundeter Grundlage und enden in stumpfen Kuppen oder gekrümmtem Rücken. Nirgends ein schlanker Felsenturm oder ein scharfzahniger Gebirgskamm. Und droben flache Hochtäler ohne kräftigere Ziselierung. Kein Wunder, daß der Fremde, der das Land nur flüchtig durchwandert, es öde und langweilig findet. Und da die meisten Reisenden nur ein paar Tage in Jerusalem und dessen nächster Umgebung verbringen, so nehmen sie die unholde Erinnerung, die sie heimbringen, als Landschaftsbild von ganz Palästina mit. Und doch ist das arme Gebirgsland reich an Schönheiten, die es zögernd dem vertrauteren Freunde enthüllt. Fehlt ihm das saftige Grün des Grasteppichs und hat es anstatt der Farbennuancen verschiedener Waldbäume nur das matte Grau der Oliven aufzuweisen, so ist es doch durchaus nicht arm an Blumen. So oft wir einen Ausflug in eines der wilden judäischen Wädis machten, kehrten wir mit reicher Beute heim. Aber auch die Hochflächen bei Jerusalem haben eine mannigfaltige Frühlingsflora. Zuerst erschließen sich schüchtern zierliche Malcolmien, weiße, purpurfarbene und blaßblaue; dann überdeckt blauweißes Wiesenschaumkraut die Berghalden, und in den Weingärten geben dichtgedrängte Silenen dem Boden einen rötlichen Schein. Bald erblühen auch hier die roten Anemonen; ihnen folgen die ebensoschönen roten Ranunkeln, diesen die Adonis- und Zistusröschen, Salbei, Mohn und Orchideen. Wie Silberadern auf dem Gestein kriechen die Ausläufer der Paranocchia hin, und in den Feldern blühen dunkelblaue Gladiolen, Winden und waldmeisterähnliche Rubiaceen. Zwischen allen Mauerritzen aber hängen Alpenveilchen, Steinsamen und Bilsenkraut. Doch es bedürfte eines besonderen Aufsatzes, um die wichtigste Flora des judäischen Berglandes zu schildern. Nein, dieses Land ist nicht so nackt und öde, wie es bei flüchtiger Betrachtung erscheint. Kalkgebirge sind überall die Heimstätten einer artenreichen Flora. Die Vettern der meisten Pflanzenfamilien, die uns vom Saaletale oder von den deutschen Voralpen her vertraut sind, grüßen uns in prächtigeren Farben auf den Bergen Judäas. Dazwischen freilich erinnern uns die Dornenstauden der Rhamneen (Kreuzdorn) und Euphorbien (Wolfsmilch), daß wir uns am Saume der Wüste befinden. Aber nicht minder schön als das Tageskleid des Gebirges ist das Gewand, das es am Abend anlegt, und das in aller Pracht orientalischer Farben schillert. Wenn die Sonne hinter dem Walle der Berge versunken ist, dann wechselt der Himmel jeden Augenblick seine Farbe: erst gelblichrot, dann purpurglühend, dann in immer dunkleres Violett übergehend, spielt er in rascher Harmonienfolge eine machtvolle Farbensymphonie ab. Und die Erde antwortet mit dem zweiten Satze. Erst hebt sich der Horizont in schwarzschattigen Umrissen 2