Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-12-06 · 49 (6.12.1907) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316292--50042-3345006
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 — —- DIE3 von Erdenschwere ganz befreit, wie wandernde Seelen, im hohen und tiefen Äther. Ach, ach, du weißer Mondj Hoch stehst du, rund und einsam. Dein Augenapfel ist kalt und naß wie der Augenapfel eines Fisches — von einem roten, grünen, aus weißen Nebelblumen geflochtenen Lichtkranze umwunden, gekrönt! Ach, du Träumeflüsterer, du Mitternachtserleuchter, du ziehst uns wie die Fische aus dem Abgrund, wo wir in die Ketten der Finsternis geschmiedet liegen. Du verleihst uns Adlerschwingen und löst uns aus dem Krötengehäuse. Du weißer Mond, verlängere diesen Traum! , Zieh uns noch auf einige Stunden, auf einige Minuten aus diesen Gewässern! * * * Dann singen die Skelette und die Wellen und die Wolken, der Abgrund ertönt wie ein Nachtigallennest, und ein triumphierender Ruf erschallt durch die Lüfte: David, der König Israels, lebt und währt! „Die ruchlose Regierung" ist dann im Schlafe versunken und glaubt, man singe ihr eine Serenade. Hat sie ja mit eigenen Händen die Tempelgeräte samt den Leviten, die sich für die Arena nicht eigneten, versenkt, und ist es ja ihr Rom und ihr Fluß! Können im Abgrunde ruhende Skelette auferstehen? Und sollten sie den Tiefen entsteigen, können sie leben? Ist all dies nicht ein blöder Traum? Nur Juden im Ghetto können solche Märchen erzählen! Die Ghettomauern wurden aber schon niedergerissen, der Erzähler werden immer weniger, — noch zwei—drei alte Leute, die auch verschwinden werden. Aber das Lied ertönt in mancher Nacht, bei Mondeslicht, — und sei es auch nur in der Phantasie einiger ältern Leute; Sollte auch nur einer bleiben und er trüge das ganze Weh und die ganze Hoffnung seines Volkes in seinem Herzen, — und er stürbe und überlieferte niemandem seine Sagen, würde die Volkssage mit ihm sterben? Wie ein Phönix würde sie aus seiner Grabesasche erstehen! Aus den Abgrundstiefen eines fremden Flusses im fremden Lande wird sie die Nachtpoesie hervorlocken: Der träumerische Mond. 4) * * Vor Jahren habe ich während eines Aufenthalts in Rom diese Phantasie gedichtet, aber gegen die Wirklichkeit sind wir, mit all unsern goldenen Träumen, pure Stümper. Daß ein Jude — er heißt Ernesto Nathan — Bürgermeister von Rom geworden ist, leibhaftiger Bürgermeister, kein Skelett und kein Mondschein, — das ist wahrlich (ich wiederhole mit dem Ghetto-Akzent: davvero!) ein überspannt romantisches Gedicht. In Rom, wo noch vor wenigen Jahren die Juden kaum atmen durften, — ein Jude an der Spitze der Stadtverwaltung? Der verstorbene Rabbino Maggiore von Rom, Professor Ehrenreich, sagte mir: „Wir hatten noch nicht Zeit genug, uns ganz aufzurichten, denn wir waren zu lange gebückt." Er fungierte lange vor der Vereinigung des italienischen Königreichs. Haben sie sich schon aufgerichtet? Sind die alten Ghettoträume zerronnen? Ich habe mit alten Juden im römischen Ghetto nach der Ernennung Ottolenghis zum Kriegsminister p£ELT - No. 40 - gesprochen. Israel in den Ländern, in denen das gleiche ■i Recht vollständig oder teilweise versagt wird, war freudetrunken. Aber die alten Juden im Ghetto blieber kalt. Was haben wir davon? — fragten sie seufzend. Die verlassen uns, sie oder ihre Nachkommen. Ja, es ist schön, ehrenvoll für einzelne, aber was ist aus den' „Guidaismo" geworden? Wo ist die „Tora"? Was r wissen wir nun noch? Was empfinden wir? Und wehmutsvoll kehren wir zu den Sagen zurück * * * Ja, die Wirklichkeit dichtet, aber sie gibt uns nichi das, wonach unser Herz sich sehnt. Sie gibt uns Kuriositäten. Daß einzelne Söhne unseres Stammes die höchster, Stellungen erschwingen, während die große Masse ir Elend, Verfolgung und Qualen die bittersten Kämpft zu leiden hat, - - ist ein böser Hohn unserer Geschicke Daß wir mit diesen Siegen flunkern und mit den Ordensverleihungen an einzelne „Israeliten", — ist eine traurige Eigentümlichkeit der Goluth-Verdummung. Was helfen uns die Minister und die Bürgermeister unseres Stammes - Bald wird es heißen: wir erobern die Welt. Und wollen wir ja gar nicht die Welt erobern, sondern ein Stückchen Boden unter den Füßen haben und das, was man in die Tiefen versenkt hat! Aus der Sage wird die junge Rose des Lebens erblühen. Nicht die entfremdeten Söhne unseres Stammes, sondern unser Stamm als solcher muß zu neuem, eigenem Leben wieder auferstehen. Noch ist es ein Gesang der Träumer, aber sie schöpfen aus diesem Gesänge neue Kraft bis zum Morgenglühen. Palästinensische Frühlingsbilder Von R. Eckardt Der Einfluß der Jahreszeiten auf das Landschafts bild ist in Deutschland bedeutend. Aber in Palästina mach er sich in solchem Maße geltend, daß er den Charakte der Landschaft völlig umgestaltet. Palästina ist ein Land der schroffsten Gegensätze: am Tage glühende Hitze, in der Nacht empfindliche Kälte, im Frühjahre überquellende Lebensfülle, im Herbste dürre Wüstenei Was für Weherufe über die Öde des Landes erscholler: bei der Kaiserreise! Dagegen Schilderungen von Reisenden, die Palästina im Frühjahre sahen, preisen in über schwenglichster Weise seine Schönheit. Es ist nich Dieser Artikel bildet das Einführungskapitel der „Palästinen sischen Kulturbilder" von R. Eckardt, E. Zickermann unJ Dr. F. Fenner, die soeben iin Verlage von Georg Wiegand, Leipzig erschienen sind. Das sehr vornehm ausgestattete Werk enthält eir,- Fülle von interessanten und anziehenden Berichten über das heilig' Land und ist von seinen Verfassern, Mitgliedern des deutsche: Archäologischen Instituts in Jerusalem, mit ebensoviel Kennte: wie Liebe bearbeitet worden. Die Schilderungen halten sich, bi auf einige Stellen, höchst angenehm frei von jenem salbungsvollem Tone, wie wir ihn allzuhäufig in ähnlichen Werken zu finden ge wohnt sind. Die frische, lebhafte Schreibweise wie das reich Material und die zahlreichen Abbildungen machen das Buch zu eine schätzenswerten Bereicherung unserer Palästinaliteratur. Bedauer lieh ist, daß die lobenswerte Objektivität, die das Werk durchweg auszeichnet, in den zwei Artikeln, die Dr. Fenner beigesteuert hat, leide einer offenbaren Abneigung gegen die Juden Platz macht. Um s angenehmer berührt die sympathische Schilderung des Zionismu im Schlußkapitel des Buches. Durch die Freundlichkeit des^Vei lags sind wir in den Stand gesetzt, unseren Lesern eine größer- Probe aus dem Werke zu bieten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.