Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT IEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRG. KÖLN, 6. Dezember 1907 j p"nr6 ttWtf rap'N No. 49. EIN RÖMISCHES BILD Von N. Sokolow Die Sage webt: Nach der Zerstörung Jerusalems irachte „die ruchlose Regierung" die geweihten Tempeleräte nach Rom, versenkte sie in die Tibertiefen, und Titus befahl, . auch die schwachen Leviten dort, neben!en Geräten, lebendig zu begraben, — die schwachen, ■iie sich für die Zirkuskämpfe und die Arena nicht igneten. % v Und in mancher Nacht, wenn die Mondlichtstrahlen kerzengerade, blank und silbern, säulenförmig, wie jualmender, heller Altarrauch gen Himmelshöhen aufmd niedersteigen, da taucht ein Purpurglimmen aus Jen Abgrundtiefen. Glitzernd aus dem aschgrau durchleuchteten Getriefe erglänzt die Pracht der Menorah. in reicher Pracht erstrahlt das Gold der Nybrescheth. Seifenblasenschillernd spielen im Schaum der Wasserfläche die sprühenden Funken der heiligen Geräte, die u einem wundervollen Reigen sich vereinigen. Helle Schatten entsteigen dann der tiefen Brandung. Sie sind durchsichtig, wie Tauperlen, sie erscheinen und verschwinden . in zauberhafter Farbenflucht. Eine versunkene Stadt ragt plötzlich, wie eine Koralleninsel, us dem Flußspiegel empor. Nasse, aufgeweichte, zerlossene Skelette, von deren Gerippe gespensterhaft weiße Tropfen ununterbrochen herabrieseln, stimmen grauenvolle, entzückende Gesänge an. Süße, geheimnisolle Harmonien erklingen wie Himmelsharfen, zitternde 1 one schweben durch die Luft, es singt und summt ings umher, und an den Felsen schluchzt die Welle wie -in weinendes Kind. Es fanden sich schon englische Gentlemen, die die versunkenen Tempelschätze aus den Tibertiefen heben wollten. Konsortien — vielleicht auch „limited" — "wurden zu diesem Zwecke gegründet. Aber nichts war zu finden. Und doch erzählen noch heutzutage die alten Juden ™ Ghetto: Die Leviten weihen den Neumond ein und fügen mit dem ihnen eigentümlichen Akzent das Wort: davvero! (fürwahr) hinzu. Die wenigen, alten Juden schauen noch heute das wundervolle Bild: Siehe, der Mond ist aufgestiegen! Er atmet träge und dehnt sich über das stille, weißliche Blau desjhohen, römischen Himmels, zähen [Silberschaum wiegend über die funkelnden Sterne. Aber sein Licht wird immer stärker, es dringt ins kühle Tiberbad, — und da regt es sich gewaltig in den Tiefen, die Schlafenden des Abgrundes erwachen, der Bann fällt von der verzauberten Stätte, das tote, kalte Traumland lebt auf, das schlaf befangene Schweigen fährt dahin, und — die Leviten singen! :i| Häftlinge des Abgrundes und der Verzweiflung, |£von Schlafesbanden umschlungen, von Feindesgewalt S niedergeworfen, in Sand und Schlamm vergraben, entkräftet im Abgrundschlunde in der Fremde liegend, % harrten wir deiner, du weißer Mond! Wir harrten des | Scheines deiner Flamme, daß er auf der kalten Welle | erglühe und daß seine Funken in die Tiefen sprühen, | damit unsere im Dunkel getrübten Augen erhellen, — j denn du erzählst uns den Traum des Morgenlandes. r| Nach deinen Lichtstrahlen, nach deiner Milch, du r^weiße Flut im Himmelsmeer, lechzend, — wollen wir ffuns am Kelch deines Lichtes laben, um mit neuer Kraft |i in die Tiefen der Gefangenschaft zurückzukehren, ff Ach, du weißer Mond, du bringst uns einen Gruß;|faus dem Zedernlande. Hast du ja Moriah beschienen, •r*und glitten nicht deine Silberspieße über die Höhen des Libanon? Das Mondlicht flutet und flutet; es ergießt sich wie ein Milchstrom, es verfließt in ohnmächtiger Verzückung und sät kalte Flammenfunken über die glatte Welle und schwebt um der Uferfelsen Kranz......Die zitternden Strahlen machen das Wasser erglänzen, und da erscheint die Gestalt der heiligen Geräte aus dem nassen Grab im fremden Lande. Aus den Tiefen des Tibers, dem Kapitol gegenüber, erblüht Zions Bild. Von weiter, weiter Ferne, vom Hermon und vom Jordan, kommt ein Wind über Meere und Berge, über Wälder und Täler herangeweht, schwebt sachte über die Flut und mischt die bunte Farbenpracht, mit der der Mond die Spiegelfläche bemalt. Und Wolken schimmern und flattern wie weiße Seemöwen, sie werden ganz körperlos und schweben, 1*