Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
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Leider kann auch diese Mitarbeiterschaft nicht viel helfen. Herr Nisselowitz "erklärt, anderweitige Gerüchte widerlegend, er habe sich klipp und klar den Kadetten angeschlossen; von einem deutschen Verband der baltischen Provinzen wisse er nichts. Das Projekt einer allgemeinen Konferenz Wo keine konkreten und sicheren Mittel vorhanden sind, spielt die Phantasie mit Projekteil. Man spricht von einer allgemeinen jüdischen Konferenz in Rußland, die die Frage der Vereinigung der Kräfte für den Rechtskampf behandeln soll. .Ob die Konferenz zustande kommen wird, ob, wenn sie zustande kommen wird, sie auch etwas Praktisches bringen wird, ist noch sehr fraglich. Aber vorläufig wird schon lebhaft polemisiert. Der „Heed Hazman" beantragt eine Zusammenkunft der Wahlmänner der ersten zwei Dumas, das Bundistenorgan spöttelt schon über eine allgemein-jüdische {„Klal-Isroel"-)Politik, die seinem Klassenkampfsideal nicht entspricht, und der „Fraind" demokratisiert, ohne dabei eine scharfe Definition seiner Stellung dem „Klal-Isroel" und dem Klassenkampf gegenüber zu geben. Die Schwierigkeit der Einberufung einer Konferenz, die einen begründeten Anspruch auf eine Volksvertretung erheben könnte, besteht in dem Umstände, daß es absolut ausgeschlossen ist, eine legale Versammlung*) dieser Art zu veranstalten und die zu diesem Zwecke notwendigen Delegiertenwahlen vorzunehmen. Da diese unmöglich ist, so bleibt als ein Surrogat nur das Halb mittel der Einberufung der Wahlmänner, die jedenfalls gewissermaßen die öffentliche jüdische Meinung repräsentieren. Haben die Kritiker dieses Projektes ein anderes Mittel? Wenn sie keine bessere Form, die praktisch durchführbar wäre, vorschlagen können, so ist die Kritik eine einseitig-negative und führt zu nichts. Unter diesen Umständen glauben wir auch nicht, daß das Projekt verwirklicht werden könnte. Die Polemik berührt nicht nur die Frage, wer gerufen werden soll, sondern auch, wer das Recht hat, dieselbe einzuberufen. Man ist sich nicht klar, ob der „Verein für Gleichberechtigung" noch existiert oder nicht. Herr M. Winawer hält den Verein für aufgelöst, die „Jüdische Volksgruppe" dagegen hält er für lebensfähig. Da aber die „Volksgruppe" nicht öffentlich wirken kann, so fehlt jede Kontrolle ihrer Lebensfähigkeit. Einige andere Mitglieder des „Vereins für jüdische Gleichberechtigung" halten ihn für lebendig, die „Volksgruppe" hingegen — für ein totgeborenes Kind. Nun ist die Anregung zur Einberufung der Wahlmänner von einigen Mitgliedern des Vereinskomitees, darunter auch vom Herrn Rechtsanwalt Weissen berg-Petersburg, nicht im Namen des Komitees, sondern in ihrem eigenen Namen gegeben worden. Dagegen protestierte der „Fraind": Ist der Verein vorhanden, warum ist er nicht der Einberufer? Herr Weissenberg repliziert: diese Versammlung habe nichts mit dem Verein zu tun und sowohl er wie seine Kollegen haben nicht als Komiteemitglieder des Vereins die Anregung gegeben. Aber die protestierende Zeitung hält ihre Einwendungen aufrecht. Man muß damit rechnen, daß die jetzige Stimmung eine Verbissenheit der Kasuistik bei jeder Formfrage und bei jeder Kleinigkeit fördert, und weil man nicht auf Tatsachen reiten kann, reitet man leider auf Prinzipien. Wie wir in letzter Stunde hören, ist endlich ein Ausgleich zwischen der „Volksgruppe", der „Jüdischen Volkspartei", Zionisten und der „Demokratisehen jüdischen Gruppe" zustandegekommen, um gemeinschaftlich die allgemeine Konferenz einzuberufen. Die Partei der „Sejmisten4' scheint verschwunden zu sein; sie war eine Ephemeride der ersten Sturmperiode! Die „Bundisten", in der letzten Zeit furchtbar geschwächt, werden sich prinzipiell an einer allgemein-jüdischen Aktion nicht beteiligen *) Herr Triwusch spricht zwar im „Heed Hazinan" von der Notwendigkeit einer »loyalen« Partei, aber wie er diese Loyalität nuiYaßt, bleibt unklar. Es ist doch sicher, daß die jetzige Bureaukratie zur Organisierung einer Partei oder eines Kongresses für Gleichberechtigung die Erlaubnis verweigern wird. können. Es kommt übrigens nicht auf die Parteien an : die große jüdische Masse gehört formell kaum einer dieser Parteien an, sicher ist, daß ein Zusammenschluß für den Rechtskampf den Anschauungen und dem Empfinden der großen Masse entspricht Was uns not tut, das ist irgendeine zentrale Leitung des Rechtskampfes, damit nicht jede kleine Gemeinde und jede Gruppe auf eigene Faust Dinge unternehme, die entweder anders gemacht oder überhaupt unterlassen werden sollen. Sollen Petitionen an die Duma gerichtet werden — uns kommt eine solche Aktion bei dieser Duma sehr unstatthaft vor — so ist es nicht die Kehilla von Dubrowna, die darüber zu entscheiden hat. Sendet der Gleichberechtigungsverein zu den Dumakandidaten seine Vertrauensmänner, um sie über die Judenfrage zu interviewen, so soll die „Volksgruppe" keinen Protest dagegen erheben. Solche Reibungen und Eifersüchteleien blamieren uns . . . Es soll klargestellt werden, ob ein Gleichberechtigungsverein noch existiert oder nicht. Existiert er nicht, so muß man einen neuen schaffen. Wir glauben auch, daß der ganze Begriffskomplex: „Dergreicher", „Volkspolitik" usw., samt dem ganzen politischen Jargon, der die Presse noch beherrscht, einer gründlichen Revision, einer gewissen Umwertung der Werte im Lichte der neuen Entwicklung und der neuen Ereignisse bedarf. Leider bleibt die praktische Energie sehr weit hinter diesem Pathos zurück. Wo es sich um rechthaberische Fragen handelt, da wird lebhaft getüftelt und gedeutet, die Prinzipien werden immer hergeholt, mit großen Worten und theoretischen Bezeichnungen herumgeworfen. Wo es sich aber drum handelt, etwas durchzusetzen, da erschlafft die Initiative. Die allgemeine jüdische Konferenz und die Zionisten in Rußland Keiner einzigen jüdischen Partei in Rußland ist der Gedanke einer Vereinigung der Parteien für eine gemeinsame Aktion auf dem Gebiete des Rechtskampfes so willkommen und sympathisch, wie den Zionisten. Die Einberufung einer Zusammenkunft der Wahlmänner wurde ursprünglich von Zionisten angeregt und in mehreren Aufsätzen des „Razwiet" ausführlich erörtert. Dieses trefflich redigierte Zionistenorgan widmet dem in Rede stehenden Projekt in seiner letzten Nummer einen Aufsatz, in dem es zwar auf die Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten hinweist, unter den obwaltenden Umständen durch eine außerhalb der Duma stehende jüdische Organisation irgendwelche wesentlichen Zugeständnisse von der Regierung oder von der Dumamajorität zu erringen, jedoch anderseits die große moralische Bedeutung dieses Vereinigungsversuches für die Entwicklung gesunder Zusammenhänge und organisatorischer Ansätze im Bereiche der inneren jüdischen Angelegenheiten betont. Wir können in dieser Beziehung dem „Razwiet" unsere Zustimmung zum Ausdruck bringen. Die feine, viel zu feine Differenzierung jüdischer Parteien entspricht vielleicht den Anforderungen scharfsinniger Akademiker, aber sie entspricht nicht den elementaren Bedürfnissen einer realen Politik. Für Unterdrückte gibt es nur eine Richtschnur: sie müssen kräftig, in sich gefestigt und selbstbewußt auftreten können, und deshalb müssen sie ihre inneren Differenzen mit aller Gewalt niederhalten. Rumänische Auswanderer in London In der verflossenen Woche kam ein neuer Trupp rumänischer Auswanderer auf seinem Wege nach Kanada durch London. Dieses war der größte Trupp, der bisher hier passierte. Die meisten der Emigranten waren wieder Bauern von stattlicher und einnehmender Erscheinung. Viele von ihnen hatten bei der rumänischen Armee gedient und beklagten sich nun bitter über die schändliche Behandlung die ihnen im „Musterstaate" zuteil geworden war. Einer von ihnen erzählte mit Tränen in den Augen, wie er seines ganzen Vermögens verlustig ging, da der Präfekt ihn zwang, innerhalb einiger Stunden