Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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No. 48 DIEMKE LT 33 Einrichtungen, die die Juden in die Duma hineingebracht haben, von gro(3em Wert. In dieser Beziehung waren die Winawers *), die Jollos, die Herzensteins, die Ostrogorskis — nicht wie die Schwarzen, ihrer Hetztendenz gemäß, behaupten: Boten eines jüdischen Kanals. Im Gegenteil: vom spezifischen Standpunkte jüdischer Interessen könnten wir ihnen manches vorwerfen, aber — sie waren die Pioniere einer höheren Kultur, sie haben die innere Parlamentsordnung („Nakas") geschaffen. Hier, in der dritten, fast judenreinen Duma, gab sich die Tendenz, zu heimischen Zemstwo- Mustern zurückzukehren, sofort kund. Da mußte auch ein Jude — wenigstens ein Rassejude — auf das hieraus erwachsende Chaos hinweisen. Rechtsanwalt Pergament-Odessa zerriß durch seine scharfe Logik die Gespinste der lautschreienden, aber furchtbar naiven und unbeholfenen Echtrussen, die vom Wesen eines Parlaments kaum eine Ahnung haben — und der „Nakas" wurde nach dem Muster der ersten Duma wieder angenommen. Das wird natürlich nicht hindern auf die Juden immer und immer wieder zu schimpfen. Die Physiognomie des Herrn Nikolai Aleksej ewitsch Chomjakow, der, wie wir bereits berichtet haben, „froh wäre, wenn er an einem schönen Morgen erwachen würde und keine Juden mehr in Rußland sähe", — ist inzwischen prägnanter hervorgetreten. Es ist dies ein bequemer, selbstgefälliger, in großen Fragen konfuser, in kleinen - ohne Geschicklichkeit wichtigtuerisch lavierender großrussischer Gutsbesitzer von mittelmäßigem Wissen und Können. Solche Leute wollen „erwachen und keine Juden mehr sehen"; sie haben nicht die nötige Energie gegen die Juden zu kämpfen. Sie werden aber auch nicht Energie genug haben, um gegen die Echtrusseii zu kämpfen. Wer weiß ob nicht bald der Eliasmantel Chomjakows Elischa-Wolkonski zufallen wird. Die Grenzländerreaktionäre eine neue Partei Um die Reaktion noch grotesker zu verzerren, hat die übersprudelnde Erfindungskraft der konservativen Führer einen neuen Verband geschaffen, der sich „Okrainny" (d. h. für die Grenz - länder) benamset. Die Echtrussen der „Okrainny" sind schwärzer als die Schwarzen; es sind die eigentlichen Judenfeinde. Ihre Gesinnungsgenossen im Innern Rußlands, die keine unmittelbare Berührung mit den jüdischen Massen haben, sind zu abstrakttheoretisch, mit anderen Worten: sie treiben den tollen Spuk einer aufgepeitschten Phantasie wegen der Juden, die sie gar nicht sehen, weil in ihren Gegenden doch kaum nur wenige Juden wohnen. Dagegen sind die Vertreter der Grenzländer die Realisten der Judenverfolgung. Es ist eine ziemlich gefährliche Gesellschaft, gegen 70 — mit dem berüchtigten Minsker G. Schmidt an der Spitze. Dieses unsaubere vorbestrafte Individuum, das die ganze russische Presse seit Wochen von sich reden machte, und das auch Menschikow in Nowoie Wremia auffordert sein Mandat niederzulegen und sich den Gerichten auszuliefern, wollte durchaus eine politische Rolle spielen. Herr Schmidt wollte in den Oktobristenverband aufgenommen werden, wurde aber abgewiesen. Das war der Anlaß, einen neuen Verband zu gründen. Und mit den Popen — die 10 °/u der dritten Duma ausmachen!— geht es auch immer possierlicher zu. Einige haben sich den Kadetten angeschlossen. Diese Nachricht hat die Regierungskreise so beunruhigt, daß man den Popen, angeblich zur Linderung der Wohnungsnot, ein in der Nähe der Stadt befindliches Kloster als Wohnstätte zugewiesen hat. Die Hirtenschar soll dort unter der Obhut von zwei Oberhirten-Erzbischöfen stehen und vor den Versuchungen des bösen Geistes geschützt sein. Der wutschnaubende Eulogius wacht über die Gesellschaft; es geht aber *) Es sei "beiläufig bemerkt, daß Herr M. M. Winawer jetzt zum Vorsitzenden <-er sogen, gesetzgeberischen Konnnission der Kadettenpartei gewählt worden ist. Diese Kommission hat die Aufgabe, die juristischen Fragen der Partei außerhalb der Duma zu regeln. manchmal auf den Versammlungen sehr bunt zu. Denkt euch russische Popen, darunter auch Dorfpopen — bei politischen Fragen einer Konstitution! Es ist schwer . . . keine Satire zu schreiben. Neue Interviews Miliukow — Roditschew Was Miliukow bezüglich der Judenfrage zu tun gedenkt — auf diese Frage will, wie „Unser Leben" berichtet, ein Herr Eliaschew in Moskau von Miliukow und Roditschew die Antwort in einem Interview erhalten haben. Beide Kadettenführer glauben nicht, die Judenfrage werde sofort zur Sprache kommen. Doch für den Fall, daß diese Frage zur Sprache kommen sollte, werden sie die Gleichberechtigung mit aller Energie fordern. Roditschew möchte das Problem mit der allgemeinen Frage der Religionsfreiheit behandelt sehen. Auf die Frage, ob sie sich vorläufig auch mit einer partiellen Gleichberechtigung begnügen würden, antworteten die Kadettenführer im bejahenden Sinne. Wir müssen gestehen: die Interviews beginnen furchtbar langweilig zu werden. Begreift man denn nicht, daß es sich nicht um persönliche Ansichten handelt, sondern um Machtverhältnisse, die allein imstande sind, nach dieser oder jener Richtung zu entscheiden? Es ist kurios, daß die Kadetten in einem bestimmten Fall gezwungen sein werden, die Regierung gegen die Echtrussen zu verteidigen, und zwar für den Fall, wenn die Echtrussen ihre Interpellation wegen der jüdischen Hörer der Kiewer technischen Hochschule einbringen werden. Herr Stolypin hat bekanntlich die Hörer nicht ganz ausgewiesen. Eine Vereinigung auf Kosten der Juden Es liegen Anzeichen vor, daß die Vereinigung der Oktobristen mit den Echtrussen, als deren Folge die fast einstimmige Wahl Chomjakows zum Präsidenten der Duma angesehen werden kann, auf Kosten der Juden zustande gekommen ist. Um die Echtrussen zu gewinnen, sollen die Oktobristen darauf verzichtet haben, die Abschaffung derJudenbeschränkun gen zu beantragen. Der betreffende Paragraph der Abmachung lautet: „Beide Parteien sind jetzt einig, daß eine Gleichberechtigung der Juden jetzt unstatthaft wäre". Von einer Gleichberechtigung war überhaupt nicht die Rede, auch wurde nicht einmal eine partielle Gleichberechtigung offiziell in der Parteideklaration angekündigt. Höchstens waren es private Äußerungen, Stimmungen, Vermutungen. Herr Stolypin soll schon vor einigen Wochen sich dahin geäußert haben, die Reformbestrebungen der Oktobristen im Bereich der Judenfrage seien nicht ernst zu nehmen. Er hatte, wie es scheint, vollkommen recht. Wie verhalten wir uns? Was nun? Einige Blätter gefallen sich in der Schulmeisterrolle und lesen den armen Kadetten unaufhörlich den Text: Seht, mit wem ihr zusammengehen wolltet! Gewiß sind die Kadetten, wie alle anderen Politiker, irrende Menschen, aber die Schulmeisterei ist doch zu naiv. Die Ratgeber zeigen nicht, was Besseres zu tun wäre; Angenommen, die Kadetten vereinigen sich mit den Linken. Was wird Praktisches herauskommen? Werden sie schweigen, so hat es doch überhaupt keinen Wert, werden sie radikal auftreten, dann jagt man sie einfach weg. Solange die Dinge so liegen, wie jetzt, haben die parlamentarischen Kombinationen gar keinen Wert. Traurig ist das Geschick des jüdischen Pärleins Nisselowitz- Friedman in der Duma. Poniewiez hat seinem Deputierten ein Abschiedsbankett mit Rabbiner und Gemeinde, mit Toasten und Begleitung nach dem Bahnhofe veranstaltet. Herr Friedman versprach „alles zu tun, um die "Judenfrage zu einem günstigen Abschluß zu bringen". Er werde, sagte er, sich den Kadetten anschließen, aber bezüglich der Judenfrage werde er seine Selbständigkeit wahren und mit den intelligenten jüdischen Kreisen, die bis jetzt auf dem Dumagebiete tätig waren, Fühlung halten.