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Die Welt · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 33

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 33)
Language
German
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No. 48 DIE IaEE LT 35 sein Heimatsdorf zu verlassen, so daß er alles, sein Besitztum, die Ernte usw., im Stiche lassen mußte. Er bat und flehte, ihm Zeit zu geben, da er doch nicht mit Frau und Kindern ins Elend gehen könne. Man gab ihm lachend zur Antwort, ein Jude habe kein Recht, den Boden zu bebauen, und man werde ihn, falls er nicht freiwillig und auf der Stelle gehe, mit Gewalt vertreiben. So mußte er als hilfloser Bettler von dannen ziehen; 33 Jahre hatte er in seinem Dorfe gewohnt. Auf den gleichen Ton waren die Erzählungen der übrigen gestimmt. Die Flüchtlinge wurden in den Docks freundlich bewirtet und fuhren mit dem Dampfer „Sardinia" nach Kanada. Während der letzten zwei Monate passierten ungefähr 800 rumänische Flüchtlinge London, und es sollen noch 300 unterwegs sein. Jüdische Opern In New-York soll in diesen Tagen eine jüdische Oper in einem speziell dafür eingerichteten Jargontheater aufgeführt werden. Das Libretto stammt von Morris Rosenfeld und stellt eine Bearbeitung von Ossip Dimovs Drama „Schma Jisroel" dar. Komponiert ist die Oper von dem bekannten Sängerkomponisten Piaton Brounoff. Des fernem wird eine Oper von Mathias Berson aus Warschau demnächst in New-York ihre Uraufführung erleben. Der Text, gleichfalls in jüdischer Sprache, ist nach dem Drama „Die Juden" von Tschirikoff bearbeitet. Beide Opern sollen in der „Jüdischen Großen Oper" zur Aufführung gelangen, zu deren Bildung sich bekannte jüdische Finanziers und Kunstliebhaber zusammengetan haben. Dies ist der erste Versuch, jüdische Opern zur Aufführung zu bringen. Das jüdische Theater kannte bekanntlich bisher nur Schau- und Singspiele. Die französische Sprache und die Alliance A. Aulard schreibt in der „DSpeche de Toulouse" vom 14. November in einem Artikel über die Verbreitung der französischen Sprache im Orient u. a.: „Ich kann wohl sagen, daß unter allen Schulen, die ich besuchte, diejenigen, in denen man die französische Sprache am energischsten lehrt, die der Alliance Israelite sind. In Saloniki zum Beispiel glaubt man sich in der großen Schule, die Mme. Geldmann leitet, tatsächlich in eine französische Schule in Frankreich versetzt." Die französischen Blätter beschäftigen sich überhaupt in der letzten Zeit mit Vorliebe mit der Frage des französischen Einflusses im Orient, von dem sie übereinstimmend behaupten, daß er der dort vorherrschende ist. Die Streitfrage dabei ist, ob dies das Werk der „Kongregationisten", der Schulen der verschiedenen Ordens- .^esellschaften ist, die bekanntlich jetzt in Frankreich aufgehoben sind, oder ob die französische Vorherrschaft lediglich dem Einfluß französischer Kultur und Sitte zu danken ist. Jedesmal kommt da- ^ei die Alliance Israelite Universelle vom französischen Standpunkte aus sehr gut weg. So lesen wir im „Temps" vom 13. November, daß in einem in der „Revue politique" veröffentlichen Interview Oaston Bordat sich mit Bezug auf die Stärkung des französischen Einflusses im Orient u. a. geäußert habe: „Die Alliance Israelite nimmt dabei, neben den katholischen Anstalten, eine wichtige Stellung ein". Antisemitismus und Antiklerikalismus Anatole Leroy-Beaulieu schreibt in der letzten Nummer des .,Kveildemocratique" über den Zusammenhang des französischen Antisemitismus mit der „Kirchenverfolgung" in Frankreich. „Man fragt ich oft, woher in unserem Frankreich der Mißerfolg der weitaus- chauenden Politik Leos XIII. und die Gehässigkeit der antichristlichen Bewegung und der antireligiösen Leidenschaft kommt. Sie haben u einem großen TeU ihren Ursprung in den Ausfällen des Antisemitismus. Der fanatische Kreuzzug gegen die Juden und gegen die Protestanten, die Absicht, mehr als ein Jahrhundert nach der Revolution, der religiösen Einheit die nationale Einheit unterzuordnen, iaben sich jetzt gegen die Katholiken gewandt. In einem so mannigfaltigen und aufgeregten Lande wie dem unsrigen erregt man nicht ingestraft die konfessionellen Leidenschaften und die wilden Kräfte des Fanatismus. Die Intoleranz erweckt die Intoleranz, und ich habe schon vor 10 Jahren, leider vergeblich, meinen Hörern im jnstitut catholique gepredigt, daß der Antisemitismus den Antiklerikalismus nach sich ziehe. Indem die Führer des Antisemitismus jeden Morgen nach Ausnahmegesetzen gegen die Juden schrien, bereiteten sie den Boden vor für Ausnahmegesetze auch gegen andere als Juden. Wenn sie une Revision der jüdischen Vermögen verlangten und mit der Konfiszierung der Reichtümer der jüdischen Banken kokettierten, dachten £ nicht daran, daß die von ihnen propagierte Methode der Enteignung eines Tages vom Staat und dem antiklerikalen Parlament iuch gegen andere als jüdische Bankiers und jüdische Taschen •'«"gewendet werden könnte. Wenn sie indessen die Geschichte gefragt hätten, würde sie ihnen gesagt haben, daß es so kommen mußte. Sie würde sie belehrt haben, daß das, was den Völkern und den Parteien an Ausnahmegesetzen und Konfiskationsprojekten gefällt, das Prinzip ist, und daß dieses Prinzip, wenn es einmal zur Anwendung gelangt ist, sich unbedingt und schnell im Wechsel der Interessen und der Leidenschaft des Tages gegen die kehren wird, die es heraufbeschworen haben." Zahl der Juden in Deutschland nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 Die Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden veröffentlicht in ihrem Novemberheft nachstehende Tabelle über die Zahl der während der letzten Volkszählung in sämtlichen deutschen Bundesstaaten anwesenden Juden. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ist somit in den 5 Jahren 1900 1905 von 1,04 "/o auf 1,00% gesunken. Die jüdische Bevölkerung hat sich in diesem Lustrum um 21029 Personen vermehrt, die christliche um 4 253 071. Die prozentuale Zunahme der Christen beträgt 7,116(,o, die der Juden nur 3,584 ° o. Hierbei ist noch zu berücksichtigen, daß im Zeitpunkt der letzten Volkszählung zahlreiche jüdische Familien aus Rußland nur vorübergehend in Deutschland sich aufgehalten haben. Relative Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung in den Provinzen und Bundesstaaten des Deutschen Reichs 1905 c _____ 1900 Gebiet Gesamt¬ : Jude iesam rung X% p be¬ Juden v O «J Juden £ O S völkerung Anteil an der bevö 7Z ° > "6^0 Provinz Ostpreußen...... 2 030176 13 553 0,67 13 877 0,70 1641746 16 139 0,98 18 226 1,16 Stadt Berlin............. 2040148 98 893 4,85 92 206 4,88 Provinz Brandenburg..... 3 531906 40 427 1,15 25 766 0,83 „ Pommern....... 1684326 9 660 0,57 10 880 0,66 1986637 30 433 1,53 35 327 0,87 Schlesien....... 4942611 46 845 0,95 47 586 1,02 Sachsen ......... 2 979221 8 050 0,27 8 047 0,28 Schleswig-Holstein 1504248 3 270 0,22 3 486 0,25 Hannover........ 2 759544 15 581 0,57 15 393 0,60 Westfalen....... 3 618090 20 757 0,57 20 640 0,65 Hessen-Nassau ... 2070052 50016 2,42 48 105 2,54 Rheinland........ 6436337 55 408 0,86 52 251 0,91 Hohenzollern............ 68282 469 0,69 532 0,80 Königr. Preußen zusammen 37 293324 409 501 1,10 392 322 1,14 Bayern rechts des Rheins . 5638539 45 735 0,81 44 820 0,84 links d.Rheins(Pfalz) 885 833 9 606 1,09 10 108 1,21 Königr. Bayern zusammen. 6524372 55 341 0,85 54 928 0,89 „ Sachsen zusammen 4508601 14 697 0,32 12 416 0,29 Großherzogtum Baden .... 2 302 179 12 053 0,25 11 916 0,55 2010728 25 893 1,29 26 132 1,40 Hessen ... 1209175 24 696 2,04 24 486 2,19 Grßhzt. Mecklbg.-Schwerin 625 045 1 482 0,24 1 763 0,29 Sachsen-Weimar.. 388095 1 421 0,36 1 188 0,33 Mecklenbg.-Strelitz 103451 298 0,29 331 0,32 Oldenburg ....... Herzogt. Braunschweig.... 438856 1 493 0,34 1 359 0,34 485 958 1 815 0,37 2 024 0,39 Sachsen-Meiningen 268916 1 256 0,47 1 351 0,54 Sachsen -Altenburg 206508 131 0,06 99 0,05 „ Sachsen-Koburg-Gotha 242 432 714 0,29 608 0,27 Anhalt.......... 328 029 1 460 0,45 1 605 0,51 Fürstent. Schwzb.-Sondersh. 85 152 195 0,23 166 0,21 Schwzb.-Rudolst.. 96835 82 0,08 48 0,05 Waldeck........ 59127 629 1,06 637 0,11 Reuß ältere Linie. 70603 54 0,08 48 0,07 Reuß jüngere Linie 144584 290 0,20 178 0,13 „ Schaumburg-Lippe 44 992 246 0,55 257 0,60 Lippe........... Lübeck................. 145 577 735 0,50 879 0,63 105 857 638 0,60 670 0,69 Bremen................. 263440 1 432 0,54 1 409 0,63 Hamburg................ 874878 19 602 2,24 17 949 2,34 Elsaß-Lothringen......... 1814564 31 708 1,75 32 264 1,87 Deutsches Reich zusammen 60641278 607 862 1,00 586 833 1,04

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