Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316291--50029-3344992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die gegenwärtige Lage der russischen Juden (Von unserem Spezialberichterstatter) Die III. Duma — Ein Petitionssturm — Die Parteien in der Judenfrage Die russischen Juden beginnen an die Duma Petitionen um Abschaffung der gegeii sie existierenden Ausnahmegesetze zu richten. Die erste Petition dieser Art ist aus dem kleinen Städtchen Dubrowna (Gouv. Mohylew) gekommen. Dubrowna ist seit langem als Sitz der Gebetmäntelindustrie bekannt. In den letzten Jahren hat die „lea" dort eine große Weberei für jüdische Arbeiter errichtet. Infolge der Krise und verschiedenen inneren Schwierigkeiten hat dieses Unternehmen bis jetzt keine besonders günstigen Resultate gebracht. Bei der ersten Duma war es das Städtchen ßorissoglebsk, das den Reigen eröffnete — aber damals waren die Petitionen an die Regierung gerichtet. Ob ein Petitionsansturm seitens vieler jüdischer Gemeinden — die Tendenz scheint vorhanden zu sein — etwas helfen wird, das wird die Zeit zeigen. Vorläufig hat eine Gruppe von Mitgliedern der Rechten im Reichsrat, mit dem berüchtigten Kiewer Professor Pichno an der Spitze, ein Projekt bearbeitet, nach dem die Juden in Rußland als Ausländer behandelt werden sollen. Die Lorbeeren Rumäniens lassen Herrn Pichno nicht schlafen. Diese Gruppe ist vielleicht die einzige, mit der die „Nowoje Wremja" jetzt ganz zufrieden sein dürfte. Das judenhetzerische Blatt findet jetzt die Oktobris'en und die Echtrussen „zu judenfreundlich"! Die Kadetten — meint das Jongleurorgan — sind schon besser. „Sie haben bereits eingesehen, daß es nicht mehr Mode ist, die Juden zu begünstigen und haben es deshalb vermieden, in Moskau den jüdischen getauften Kandidaten Mandelstamm aufzustellen." Die traurigen Chancen der Judenfrage lassen sich in den Ziffern 250 gegen 150 darstellen. Die Oktobristen-Rechte-Echtrussen- Majorität beträgt 250, alle oppositionelle Gruppen hingegen zusammen 150. *) Die Vizepräsidiums- und Sekretariatswahlen haben die Selbstherrschaft der Reaktion in der Duma besiegelt. Ein Mitglied der Echtrussen (Fürst Wolkonski) — Vizepräsident, der polen- und judenfresserische Russifikator Sazonowitsch — Sekretär — das ist mehr, als die verzweifeltsten Pessimisten befürchten konnten! Daß dieses Präsidium, wie die Majorität überhaupt, schon während der ersten Sitzung eine mangelhafte parlamentarische Ausbildung an den Tag legte und daß das intellektuelle Übergewicht der Opposition schon jetzt zur Geltung kam — ist ein schwacher Trost. Von Juden war bis jetzt noch nicht die Rede, aber daß die Purischkewüschs und die Sinadinos (ein neuer Maulheld dieser Sippschaft ist ein Herr Nikolai Jewgeniewitsch Karpow aus Kursk) sich breit machen werden, ist schon ganz sicher. Die Regierung — das wird schon jetzt offiziell bestätigt — „wird in Sachen der Juden keine Projekte vorlegen". Die Echtrussen werden vielleicht mit ihrem Ausländerprojekt herausrücken, aber vor allem — im Reichsrat. In Regierungskreisen erinnert man sich eines ähnlichen Projektes seitens des gewesenen Ackerbauministers Wassiltschikow, das jedoch von anderen Kabinetsmitgliedern abgelehnt worden ist. Auch jetzt wird das Projekt abgelehnt werden —es sei denn, daß der altgriechisch-orthodoxe (Staroobriadetz) Golkin, ein echt-russischer Delegierter aus Bessarabien, über den jetzt Märchen kursieren, er sei ein großer Hebraist und Talmudist (!), seinen „wissenschaftlichen" Einfluß dahin geltend machen wird, dis Projekt anzunehmen. Ist dieser Golkinmythus eine neue russische Erscheinung ä la Rohling, oder ist das nur eine Fortsetzung der Absurditäten des alten Antisemiten Lutostanski, für den jetzt die „Znamja" eine Lanze bricht, weil das geistliche *) Die Gesamtzahl der Dumaiuitglicder beträgt 437. Organ „Zerkowny Wiestnik" dessen Machwerk „Der Talmud unc die Juden" nicht annoncieren will? Die Behörden haben die Ausstellung des Bl u tri tu al bilde Siemiradzkis (die Landsieute des Künstlers bestreiten du- Authentizität) für die Öffentlichkeit nicht gestattet. Es fand siel gleich ein Echtrusse, der das Bild kaufte, um es auf eigene Faus in Petersburg und in den größeren Provinzstädten auszustellen Zum Giück wird es für Krasnostaw zu spät sein, Krasnostavv ist ein vorwiegend von Juden bewohntes Städtchen im Gouv Wolyn., wo wegen eines im berauschten Zustande in der Nach auf der Straße erfrorenen Bauers sofort eine Blutanklage auftauchte infolgedessen die Juden einige Wochen lang in Pogromgefah schwebten. Es dauerte so lange, bis eine ärztlich vorgenommem Sektion die wahre Ursache des Todes festgestellt hatte. Siemiradzki Bild hätte dort noch gefehlt! Daß die zwei jü.d. Deputierten der Duma der Eröffnungs fei er mit Hurrarufen und Eidesabiegung, ganz wie die Polen un; die Extrem-Linken, nicht beiwohnten, reizt die „Znamja" zu eine- Denunziation schlimmster Art. Als Pendant kann folgendes ange führt werden: Der Führer der Echtrussen in Starodub, den da; Mitwirken jüdischer Musikanten beider Abschiedsfeier für dei oktobristischen Deputierten Gamalai (in Starodub sind keim anderen Musikanten vorhanden) schrecklich reizte, so daß er sici von der Feier entfernte, war augenscheinlich anderer Ansicht Man kann eben den Leuten nie gerecht werden: die einen argen: sich über die Anwesenheit der Juden, die anderen über ihre Ab Wesenheit. In Moskau wurde der Universität die Anwesenheit der jüd freien Zuhörer unbequem — ein neuer Befehl erging und fort mi ihnen! In Sebastopol wollte man 44 jüdische Handwerker familien ausweisen, aber der Bogen war zu straff gespannt. Di Verordnung verstieß gegen ein deutlich abgefaßtes ministerielle Zirkular; die 44 jüdischen Familien bleiben also, dank den Be mühungen des Rabbiners Polonski (der bald wahrscheinlich al „Dergreicher" geschimpft werden wird) vorläufig ungestört. ... Es haben ihre Schicksale... auchZiemskie Natschalniki (Zemstwo-Bezirkskommandanten). Einer von ihnen, ein gewisse; Bezpotschenko, wurde zu 20 Tagen Arrest verurteilt, weil e zwei Juden körpehrlich züchtigen ließ — als Schutzmaßregc1 wie er erklärte, gegen den Ausbruch eines Pogroms. In diesen Falle hat die russische Justiz das Impfungssystem des Pogrom bazillus nicht anerkannt; in einem anderen wurden in Nischn Nowgorod 18 Rechtsanwälte, die Pogromenuligane bei de Gerichtsverhandlungen nicht verteidigen wollten, zur Verantwortlichke; gezogen. Man empfand es als eine Demonstration gegen die be stehende Regierung. Doch wurden die Rechtsanwälte frei gesprochen..... _ Die Prozesse ziehen sich ohne Ende, — aber darüber werde wir nächstens berichten. Zum Dumakapitel möchten wir wnoch eine Äußerung des Dumadeputierten und Führers der „Trud; wiki" *), Bulat, in einem Interview mit dem „Hazman"-Korr spondenten, zitieren, nach def der Arbeiterführer für Rußland i allgemeinen und für die russischen Juden im besonderen das alle schlimmste von der jetzigen Duma erwartet. Dieser Herr Bul war jetzt einer der ersten Oppositionsredner in der Duma, Indessen Rede die Rechte furchtbar wütete. Für einen jüdischen Beobachter waren die wenigen bisherige; Sitzungen der dritten Duma sehr interessant. In der ersten Dunwar der jüdische Geist, die Kenntnis westeuropäischer parlamentarisch ■ *) Die wörtliche Bedeutung des Namens ist: Arbeitsleute oder Arbeitsvertrei Man nannte sie früher auch «Narodnyjs Sozialisty» (Volkssozialisten). Es : eine demokratische Vo!ksp:irtei, die dein Sozialismus sehr nahesteht. In < ' erstan zwei Dumas waren die «Trudowiki» sehr bedeutend (von jüdischen Deputierten gehörte zu ihnen Rechtsanwalt Jakobsohn, Grodno); jetzt beträgt Zahl nur 15.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.