Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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28 No. 48 Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns eingestehen, daß das jüdische Motiv durchaus nicht vielfältig ist. Das Feinste holen die Künstler aus einer Welt, die langsam untergeht: Aus der stillen oder pathetischen, altväterlich religiösen Welt des Ghettos. Die Freude und der Schmerz der Gespräche mit Gott in jenen Formen, in jenen Bekennungen, in jener weltfremden Abgeschlossenheit, die langsam zu sein aufhören. Die wunderschöne „Jeschibah" Hirszenbergs, die patriarchalische „Laubhüttenfest-Freude" Pilichowskis, das stimmungsreiche Kolnidrei Minkowskis könnten in Westdarum wird es für die jüdischen Künstler die „Jüdischkeit" in sich haben, auch schon jetzt, wo noch so unendlich viel von jüdisch-palästinensischer Lebensgemeinschaft fehlt, mehr als eine Studienreise, es wird eine Kunstreise sein, wenn sie, gleich Lilien oder Hirszenberg Palästina aufsuchen, gar wenn sie sich dort dauernd niederlassen.. Es wird ihnen Motiv, Farbe, Technik geben. „Der Riese hat wieder die Erde berührt, und es wachsen von ihm die- Kräfte." , . . * * * Es gibt noch eine andere Art, wie sich der jüdische CAMILLE PISSARO ÖLGEMÄLDE Landschaft europa nicht mehr gemalt werden — mangels Modells, — und wie lange noch wird in Osteuropa die Altvordern- Weise leben? Und welche jüdische Motive gibt es noch, da es jenseits des religiösen Bezirkes kein jüdisches Leben wirklicher Eigenart gibt, das aus der Volksseele schöpft, — außer dem jüdischen Leiden des Exils und der Wanderung. Und wirklich, nach der Welt Gottes malen jetzt die jüdischen Maler die Welt der Menschen, Hirszenberg den Zug des Golus, Pilichowski die Wandermüden und Minkowski die Zurückgebliebenen des Pogroms. Und nun blieben noch ein paar Motive: die Juden im Gefängnis, auf dem Auswandererschiff, in den Sweet-Shops. Die Maler können nicht reicher sein als das Leben, und das jüdische Leben, soweit es Gemeinschaftsleben ist, ist eben arm, furchtbar arm. Und so erkennt man, indem man einfach an den Bildern und Motiven vorübergeht, daß die jüdische Kunst, wenn sie jüdisch sein und bleiben soll, ein Volk verlangt auf seinem Lande, mit seinem im Kleinsten und Größten eigengeformten Leben, seinem Himmel, seinen Farben, seiner Sonne und seiner Nacht. Und Künstler dem Jüdischen näher bringen kann: durch die große, mystische oder allegorisiereride Darstellung des jüdischen Schicksals. Merkwürdig genug, daß sich davon beinahe nichts auf der Ausstellung findet als Urys „Jerusalem" und „Jeremias", beide den meisten bekannt durch frühere Behandlung des Uryschen Werkes. Wie seltsam unter anderem, daß das Messianische und Prophetische die Künstler, Maler und Bildhauer nicht zur Darstellung gereizt hat! Und doch hat z. B. Glicenstein, der als einziger in seinem „Messias" einen derartigen Vorwurf wählte, damit ein tiefstsymbolisches Werk geschaffen!. Hier ist sicher noch zu graben und Gold zu heben! * Das „Königskind hinter Dornhecken", die heimliche „jüdische Note" in jedem Kunstwerk zu suchen und das Rätsel lösen zu wollen, indem wir einmal, die „Farbenschwermut", ein andermal die „Ruhelosigkeit" und dergleichen mehr als „spezifisch-jüdisch" bezeichnei hätten, diese Mühe haben wir uns diesmal nicht gegeben. Wir haben die prachtvollen Israels von Herzen bewundert, obwohl sie gut holländisch erscheinen (er