Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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No. 48 DIE ELT 27 Ader den Juden die Originalität und djie Intensität des Gestaltens benommen, oder tritt der'Gestaltungsdrang bei ihnen heute um so ungestümer hervor? Lassen sich — da doch die Rasse als eigentlichster Nährboden und Quell des künstlerischen Schaffens von der Kunstwissenschaft hingestellt wird — auch bei den jüdischen Künstlern gewisse gemeinsame Merkmale erkennen, und wenn es so ist: worin besteht die Rasseneigenart der Juden in der Kunst? Wieweit reicht die Beeinflussung durch das kulturelle und ästhetische Milieu, in dem die einzelnen jüdischen Künstler sich entwickelt haben? Gehen sie alle völlig in ihm auf, oder keimt vielleicht hier oder dort, bewußt oder unbewußt, eine spezifisch jüdische Kunst?" Die Fragen sind gut gestellt. Wir vermissen allerdings die letzte entscheidende; die wir so prononcieren möchten: „Oder fehlt vielleicht dieser Kunst, selbst wenn sie gewisse Rassengemeinsamkeiten wahrnehmen läßt, zu ihrer wirklich-originellen Vollendung, Bodenständigkeit und eine natürliche Volksgemeinschaft?" Die Arrangeure der Ausstellung sind aber, wenn nicht alles trügt, im Irrtum, denn sie glauben, daß man aus den hundert und mehr Bildern, die sie vorführen, eine gute Antwort auf die guten Fragen finden wird, wenigstens auf die drei letzten. Es gehört mehr als kritisches Vermögen, es gehört kulturhistorisches und volkspsychologisches Wissen nicht gewöhnlicher. Art dazu, um hier das letzte Wort zu sprechen. Und wie spärlich ist das jüdisch-kulturhistorische Material und wie fast unentwirrbar verzweigt sind die psychologischen Verästelungen, die man als „Beeinflussung durch das Milieu" bezeichnet! Haben wir doch noch nicht einmal für das moderne literarische Schaffen der Juden — und hier ist die Sondierung unvergleichlich leichter — die richtigen Abgrenzungen und Wertungen gefunden! Verfallen wir nicht in die Spitzfindigkeit der Kritiker, die sich mit dem rassenpsychologischen Mikroskop bewaffnen, nicht in den chauvinistischen Dilettantismus, der jeden jüdischen Pinselstrich als originelle Kunstleistungbejubelt, und versuchen wir einigeBeobachtungen genereller Art, ganz einfache Beobachtungen. Und siehe: Nachdem wir uns überzeugt haben, daß weder wir noch andere in einer Ausstellung, wo Israels, Pissaro, Antokolski repräsentiert sind, ein Recht JOSEF OPPENHEIMER Mädchenporträt haben, daran zu zweifeln, daß Juden beträchtlich malen und meißeln können, machen wir die erste Beobachtung: In dieser Ausstellung jüdischer Künstler sind recht wenige Sachen, die wir nach Gefühl und Verstand als jüdische Kunst ansprechen möchten. Da aber, wo wir eine jüdische Kunst fühlen und erkennen, ist die Erklärung recht einfach: Es ist das jüdische Motiv, gesehen durch ein jüdisches Temperament, das in erster Reihe das jüdische Kunstwerk ausmacht. Der verstorbene Moritz Gott lieb war im vollen Sinne ein jüdischer Künstler, Hirszenberg ist es, Pilichowski, Pasternak, der junge Krestin und der Warschauer Maurycy Minkowski, dem wir hier zum ersten Male begegnen. Das erste und letzte Geheimnis ihres Schaffens ist „Jüdischkeit", jenes Etwas, das der .nichtjüdische Kunstbetrachter nie enträtseln wird, und das wir aus den Bildern herauslesen, mühelos, wie den Text einer Schrift, liebevoll, wie wir den Augengruß eines geliebten Menschen entgegennehmen. Diese „Jüdischkeit" muß man haben, um sie ins Bild fließen zu lassen, daß sie darin lebendig wird — und dann mag sie auch in ein Bild überfließen, das nur Landschaft oder Porträt ist oder, um paradox zu sein, in eine christliche Wallfahrt, wie sie tatsächlichEichhorn ausgestellt hat, von dem man vermuten kann, daß er trotzdem das wirklich Jüdische in sich hat. Und das Paradoxon von der anderen Seite: Man kann jüdische Motive wählen mit noch sovielen, sich auf die Brust schlagenden Juden, Kerzen, Magen-Davids Tallessim und sonstigem Zubehör—es wird kein jüdisches Bild daraus, weil die Darsteller eben nur das Außen gesehen haben und sogar dieses nicht in seiner Intimität. Eine erkleckliche Zahl Jomkippur-Bilder hängt da, kein „Goi'^könnte diese Juden, die scheinbar alles haben, Schläfenlocken, und Käppchen und semitische Nasen, unjüdischer malen, — die schlechteste Photographie müßte mehr Jüdisches aus Mund, Augen, Händen, Gesten, Faltenwurf herausbringen. * * * Das jüdische Motiv also und das jüdische Temperament scheint uns die Vorbedingung des jüdischen Schaff ens zu sein. Das jüdische Temperament ist um so kräftiger und echter, je östlicher wir gehen — und von daher haben wir zunächst wohl noch Zuzug genug zu erwarten. Aber das jüdische Motiv? ÖLGEMÄLDE /