Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48 MEJ^ELT 21 „Es gibt keine Eigenschaft, die nicht eine Erhebung hätte. Und auch die Gottesleugnung hat eine Erhebung. Denn wenn einer zu dir kommt und von dir Hilfe fordert, sollst du nicht etwas tun und dann ein Frommer sein und zu ihm sagen: „Habe Vertrauen und wirf deine Not auf Gott", sondern da sollst du handeln, als sei kein anderer, der ihm helfen könnte, nur du allein." Und noch eines wird geboten und gefordert, und dieses eine ist wieder nichts als ein Ausdruck des Mysteriums der Schifluth: helfen nicht aus Mitleid, das heißt aus einem scharfen, raschen Schmerz, den man bannen will, sondern aus Liebe, das heißt aus Mitleben. Der Mitleidige lebt nicht das Leid des Leidenden mit, er trägt es nicht im Herzen, wie man das Leben eines Baumes trägt mit allem Saugen und Treiben und mit dem Traume der Wurzeln, und dem Begehren des Stammes und den tausend Fahrten der Zweige, oder wie man das Leben eines Tieres trägt, mit allem Gleiten und Strecken und Greifen und allem Glück der Seltnen und Gelenke und der. dumpfen Spannung des Gehirnes; er trägt dieses sonderliche Wesen, das Leid des anderen, nicht im Herzen, sondern er empfängt von dieses Leides äußerlichster Geberde einen scharfen raschen Schmerz, dem Urschjnerze des Leidenden abgrundweit unähnlich, und so wird er bewegt. Es soll aber der Helfende .mitleben, und nur Hilfe aus Mitleben besteht vor den Augen der Seele. So wird von einem Zaddik erzählt, der, wenn ein Armer sein Mitleid erregte, erst ihnmit aller Notdurft versorgte, dann aber* l da er in sich yerspürte, daß die Wunde des Mitleids geheilt war, sich mit großer, ruhevoll hingegebener Liebe in das Leben- und Bedürfen des andern versenkte, es in sich, als sein eigenes Leben und Bedürfen , faßte und in Wahrheit zu helfen begann. Lieben heißt : das Bedürfen des' andern als „ seiii eigenes fühlen und dennoch auch der eigenen Pulle-! gewahr werden, sie helfend auszuteilen. Rabbi Moschl .' Leib erzählte: „Ich habe die Liebe von einem Dorf«? manne gelernt. Der saß mit andern Bauern beisammen;*.* und als sein Herz lebhaft war vom Weine, sprach er zu einem andern: ,Liebst du mich oder nicht?4 Und der antwortete ihm: ,Ich liebe dich gar sehr.* Sprach jener: ,Du sagst, ich liebe dich —, weißt Du denn, was mir fehlt? Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen.4 Da schwieg der andere und vermochte kein Wort zu sagen. Ich aber verstand : Das ist die Liebe zu den Menschen, zu fühlen ihr Bedürfen und zu tragen ihr Leid." Wer solcherweise miterlebt, der verwirklicht mit seinem Tun die Wahrheit, daß alle Seelen eine sind, denn jede ist ein Funken aus der Seele des Urmenschen, und sie ist ganz in ihnen allen. Und weil er die Einheit der Seelen mit seinem Tun verwirklicht, kann von keiner ihm ein Übel nahen. Denn wenn einer ihm Böses tut, sieht er es, als habe eine närrische Hand die Genossin geschlagen und habe nicht bedacht, daß sie eins sind und dieser Schmerz ihr Schmerz und daß das Herz, das ihn erfährt, eben das ist, das ihr Leben trägt. Wie sollte^ er darob trauern oder gar zürnen oder gar auf Vergeltung sinnen! „Wenn ein Mensch sich einmal im Irren einen Schlag versetzt, wird er nun einen Stock nehmen und die Hand schlagen, die ihn geschlagen hat? Es geschah ja aus mangelndem Wissen, und wie sollte er seinen Schmerz noch mehren wollen?" So lebt der Demütige, der der Gerechte und der Liebende und der Helfer ist: vermischt mit allen und allen unberührbar, der Vielheit ergeben und gesammelt in seiner Einzigkeit, vollziehend auf den Felskuppen der Einsamkeit den Bund mit dem Unendlichen und im Tale des quellenden Lebens den Bund mit dem Irdischen, blühend aus tiefem Gelübde und allem Willen des Wollenden entzogen. Er weiß, daß alles in Gott ist, und grüßt die Boten wie vertraute Freunde. Ihn schreckt nicht das Vorher und Nachher, nicht das Oben und Unten, nicht das Diesseits und Jenseits. -Er ist zu Hause und kann nie verstoßen werden. Die Erde kann nicht umhin, seine Wiege, und der Himmel kann nicht umhin, sein Spiegel und sein Echo zu sein. JULES ADLER AUF DEM BOULEVARD