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Die Welt · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Reif des Gesalbten. Und also fiel all sein Werk der „andern Seite" anheim, und das Heilige hatte keinen Teil daran. Aber immer stärker trieb sich sein Herz auf und fühlte das Sinken nicht, indes die Dämonen mit seinen Taten spielten, und dünkte sich ganz von Gott besessen. Da kam es einst, daß er sich hinauslehnte und die Dinge ringsum stumm und abgewandt gewahrte, und da ergriff ihn das Erkennen, und er schaute sein Tun, aufgeschichtet zu Füßen eines riesenhaften Götzen, und sich selbst schaute er in schwindelnder Leere, preisgegeben dem Namenlosen. Dies wird erzählt und nicht weiter. Der Demütige aber hat die „ziehende Kraft". Alle Zeit, die der Mensch sich über andern und vor andern sieht, hat er eine Grenze, „und Gott kann seine Heiligkeit nicht in ihn lassen, da Gott ohne Grenze ist". Aber wenn der Mensch in sich ruht wie im Nichts, ist er durch kein andres begrenzt und ist grenzenlos, und Gott gießt seine Glorie in ihn. Aber die Demut, die hier gemeint ist, ist keine gewollte und geübte Tugend. Sie ist nichts als innerliches Sein, Fühlen und Aussagen. Nirgends ist ein Zwang an ihr, nirgends ein Sichbeugen, Sichbeherrschen, Sichbestimmen. Sie ist zwiespaltbar wie eines Kindes Blick und schlicht Mae eines Kindes Rede. Rabbi Jakob Jizchak von Dublin, der „Seher", hatte einen Widersacher, einen harten und engsüchtigen Gelehrten, der „der eiserne Kopf" genannt wurde. Der bedrängte ihn unaufhörlich mit Fragen, Einwänden und Vorwürfen. Einmal sagte er zu ihm: „Ihr wißt doch selbst, daß ihr kein Zaddik seid. Warum führt Ihr andere auf Eure Wege und ziehet sie zu Eurer Gemeinde?" Sprach Rabbi Jakob Jizchak: „Was kann ich tun? Laufen mir zu und werden meines Wortes froh und begehren es gar." Darauf jener: „So gebet es am Sabbat allen insgesamt zu wissen, daß Ihr keiner der Erhabenen seid." Dies zu tun, war der Zaddik erbötig, und am nächsten Sabbat sprach er vor den Ohren aller die Worte, die jener ihm befohlen hatte. Da zog in alle Herzen eine tiefe und wundersame Demut ein, und hingen ihm fürder noch eifriger an als bisher. Als er dies dem eisernen Kopf bekannt gab, bedachte sich der und sagte sodann: „Es ist dies der Weg bei euch Chassidim, den Demütigen zu lieben und den Hochmütigen zu meiden. Darum saget ihnen, Ihr seiet der Auserwählten einer, und sie werden sich von Euch kehren." Antwortete der Meister: „Wenn ich auch kein Zaddik bin, so bin ich doch kein Lügner, und wie kann ich wider die Wahrheit reden?" Der Demütige lebt in jedem Wesen und weiß jedes Wesens Art und Tugend. Weil keiner ihm „der andere" ist, weiß er aus dem inneren Grunde, daß keiner des verhüllten Wertes ermangelt; weiß, daß da „kein Mensch ist, der nicht seine Stunde hätte". Nicht fließen ihm die Farben der Welt ineinander, sondern jede Seele steht in der Herrlichkeit ihres Eigendaseins vor ihm. „In jedem Menschen ist Köstliches, das in keinem andern ist. Daher soll man jeden ehren nach seinem Verborgenen, das nur er hat und keiner der Gefährten." Rabbi Wolf von Zbaraz sah an keinem ein Böses und nannte jeden Menschen Zaddik. Als zwei einst miteinander stritten und man Wolf gegen den Schuldigen aufzureden versuchte, antwortete er: „Bei mir sind sie beide gar gleich — und wer kann wagen, sich zwischen zwei Zaddikim zn stellen?" „Gott schaut nicht auf den bösen Teil," sagte ein anderer, „wie dürfte ich es tun?" Wer in den Wesen lebt nach dem Mysterium der Demut, kann keines verdammen. „Wer über einen Menschen das Urteil spricht, hat es über sich gesprochen.'1 Der Baalschem sprach zu einem Rabbi, der über einen Sündigen eine harte, Buße, verhängt hatte: „Du hast noch nie. den Sinn der Sünde gespürt und noch nie den Sinn des gebrocheaen Herzens." Wer sich vom Sünder sondert, geht in der Schuld von dannen. Der Heilige aber vermag an der Sünde eines Menschen; als; an seiner eigenen zu leiden. So wird uns von Rabbi. Susje, dem seligen Gottesnarren berichtet. Wenn er ein Vergehen erfuhr, war es ihm als habe er es getan. So kam er einst in eine Herberge und sah auf dem Angesicht des Wirtes die Sünden vieler Jahre wie ein Netzwerk aus versteckten Furchen. Und eine Weile war er still und unbewegt, aber als er allein in der Stube war, die man ihm gewiesen hatte, fiel der Schauer des Mitlebens auf ihn, und er wari sich zu Böden und schrie auf: „Susje, Susje, du Arger, was hast du getan? Ist doch keine Lüge, die dich nicht verlockt hätte, und kein Frevel, den du nicht aus; geschlürft hättest! Susje, Törichter, Verwirrter, wohin nun mit Dir?" Und nannte die Sünden des Wirtes mit Ort und Zeit als seine eigenen und schluchzte. Der Wirt war dem seltsamen Manne nachgeschlichen und stand vor der Tür und hörte seine Rede. Und er/:l "faßte ihn eine dumpfe Bestürzung, dann aber leuchteten Reue und Begnadung in ihm auf, und er erwachte zu Gott. Mitleben allein ist Gerechtigkeit. Rabbi Jehoschua Heschel von Apta (Opatow) hieß im weiten Lande der Gerechte, denn er sprach jedem das Urteil nach seinem Tun, nicht mehr und nicht geringer. Vor ihn kam einmal ein Weib, in irgendeiner Sache seinen Rat zu erfragen. Er aber fuhr sie an: „Eine Buhlerin bist du!4> und schüttete sein Wissen um die Heimlichkeiten ihres Lebens in schweren und drohenden Worten über sie aus und hieß sie sich hinwegheben. Da antwortete die Frau und sprach aus der Bedrängnis ihres Herzens: „Der Schöpfer der Welt ist den Bösen langmütig und fordert ihre Schuld nicht in Eile ein und offenbart ihr Geheimnis keiner Kreatur, auf daß sie sich nicht schämen, zu ihm zurückzukehren, und verbirgt ihnen sein Angesicht nicht Und der Rabbi von Apta sitzt auf seinem Stuhl und kann sich keinen Augenblick lan^ enthalten, zu offenbaren, was der Schöpfer der Weh bedeckt hat." Seither pflegte der Rabbi zu sagen; „Von je hat mich keiner bezwungen, nur einmal ein Weib." Mitleben als Erkennen ist Gerechtigkeit, Mitleber als Sein ist Liebe. Denn jenes Gefühl der Nähe um jenes . Wollen der Nähe zu Wenigen, das unter de; Menschen Liebe heißt, ist nichts als Erinnerung au einem Himmelsleben: „Die im Paradies beieinander saßen und Nachbarn und Verwandte waren, die sim einander nahe auch in dieser Welt." In Wahrheit aber ist Liebe ein Urweites und Tragendes und ohne all' Wahl und Scheidung hingebreitet zu den Lebendigen. Ein Zaddik sprach: „Wie könnt ihr von mir sagen, ich sei ein Führer des Zeitalters, da ich noch in mir die Liebe zu den Nahen und zu meinem Samen stärker fühle als zu allen Menschensöhnen?" Daß sich dieses Meinen auch auf die Tiere erstreckt, sagen die Erzählungen von Rabbi Wolf von Zbaraz, der nie ein

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