Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Mein Kind, sie begreifen das nicht, aber ich will es dir erklären. Ein reicher Mann reiste in einer wildfremden 6egend. Es wurde schon finster, als er durch einen großen, dichten Wald fahren mußte, und der Wald war wegen häufig vorkommender Überfälle gefährlich. Er hatte mit sich einen Beutel voll 6oid- und öilbermünzen und eine einfache Tabakkiste. Was tat er? Er legte das Geld in die Kiste und den Tabak in den Beutel! Als die Räuber ihn überfielen, raubten sie den Beutel. Konnten sie doch nicht ahnen, daß die einfache Kiste große Werte in sich birgt! Merk es Dir wohi. Dieses Fest ist um so größer, als es nur das ,,Hallel"-6ebet26) hat und als auf den Gottesdienst keine Mahlzeit folgt. Eine Mahlzeit ist wohl ein schöner Beutel, aber an der Mahlzeit haben auch die Mäuse und die Fliegen einen hübschen Anteil. „Hallel" und Lichter hingegen sind für sie gar nichts. Auch nicht für die Menschen-Mäuse und -Fliegen. Ein Licht ist anscheinend nur ein Licht; man sieht an ihm nur das Äußerliche. Aber ein Licht hat auch eine Seele, die nur die Wenigen sehen. Du wirst sie, wenn du groß bist, auch einmal sehen. Ein gedämpfter Sarkasmus zuckte blitzartig aus dem geheimnisvollen Vortrage, als mein Wunderrabbi über die philisirösen, akademischen „Lamdonim"27) sprach. Die verständen viel, aber sie empfänden nichts. Uli. Hast du, mein Kind, vom Bsossewer gehört, vom Ssossewer „Zaddik" — sein Z'chus stehe uns bei-—? Das ist eine wunderbare Geschichte. Dieser „Zaddik" war einst auf einer Reise in Angelegenheiten der „Befreiung Gefangener". Es war am zweiten Tage des Chanukafestes, da begann es furchtbar zu schneien, ein wilder Sturm war ausgebrochen. Es war einfach Teufelswerk, man 2t0 „Lobgesang", Sammlung ausgewählter Psalmen für den Gottesdienst an Neumonds- und Festtager». a:) Talmudgelehrte. konnte den Himmel nicht von der Erde unterscheiden. Es schien, als ob der Schnee nicht vom Himmel fiele, sondern als ob die Erde — Gott behüte uns — den Schnee gegen den Himmel schleuderte! Da hielt der „Zaddik" unterwegs an, bemerkte an einem Scheidewege ein Wohnhaus und trat ein. Es wohnte dort ein „Rendar" (Pächter), ein unwissender, armer Dude, der von Chanuka keine Ahnung hatte. Der „Zaddik" begann ihn auszufragen. Habt Ihr Öl, Reb Rendar? — Nein. — Vielleicht habt Ihr Wachs? — Nein. — Was habt Ihr denn? — Nichts. Der „Zaddik" verfiel in tiefes Nachdenken. Plötzlich fragte er: Habt Ihr Bücher? Der Rendar begann zu suchen und zu ^|töbern. Zuletzt fand er zwei Bücher. Das eine war ein Psalmenbuch mit den „Maarnodoth" (gedruckt in Deruscholajim), das andere „Die Geschichten des Baal-Schern" in jüdisch-deutsch. Da sagte der Zaddik: Herr der Welt! kann es ein helleres und wärmeres Licht geben, als dasjenige, das aus den Buchstaben , der Bücher hervorleuchtet? Dann legte er die beiden Bücher an \g\e Tür, der „Mesusah"28) gegenüber, und sagte: „Der uns durch seine Gebote geheiligt-und uns geboten hat, das -Licht der Chanuka anzuzünden". |. Als man dies dem Ryzhiner „Zaddik" erzählt hat, lächelte er find sagte: Daß man über heilige „Sphorim"29) benschen darf, ist ja tine Selbstverständlichkeit! Ich könnte auch über meine Kinder tenschen und ,,jotze"30) sein, wenn ich es wollte. Die leuchten uch fort. Der Ryzhiner, schloß mein Wunderrabbi, hatte Recht. Ich;|önnte auch über dich benschen. Aber du bist zu jung, um das - zu verstehen.!!' * * > 't * i; Ich habe es auch wirklich damals nicht verstanden. Ich beginne, es erst jetzt nachzuempfinden, denn von Verstehen kann Jbei diesen Dingen nicht die Rede sein. ---— \: ,? 28) Türpfosten. *>) Bücher. X *>) Ein Pficht erfüllen. SCHIFLUTH VON DER DEMUT UND DER LIEBE IM CHASSIDISMUS Aus einer größeren Arbeit*) Von Martin Buber „Gott tut nicht zweimal das gleiche Ding", sagt Rabbi Nachman von Bratzlaw. Einzig und einmalig ist das Seiende. Neu und ungewesen taucht es aus der Flut der Wiederkünfte auf, geschehen und unwiederholbar taucht es in sie zurück. Jegliches erscheint zum andern Male, aber jegliches gewandelt. Und die Würfe und Stürze, die über den großen Weltgebilden walten, und die Feuer und Wasser, die die Gestalt der Erde bauen, und die Mischungen und Entmischungen, die das Leben der Lebendigen kochen, und der Geist des Menschen mit all seinem *) Der Einleitung zu dem demnächst erscheinenden Buche „Die Legende des ßaalschem." Gustav Landauer zugeeignet Versuchen und Vergreifen an der weichen Fülle des Möglichen, sie alle können nicht ein Gleiches schaffen und nicht wiederbringen eines der Dinge, das da besiegelt ist, gewesen zu sein. Die Einmaligkeit ist eine Ewigkeit des Einzelnen. Denn mit seiner Einzigkeit ist er unverlöschbar in das Herz der Allheit eingegraben und liegt im Schöße des Zeitlosen immerdar als der also und nicht anders Beschaffene. So ist die Einzigkeit das wesentliche Gut des Menschen, das ihm gegeben ist, es zu entfalten. Und dies eben ist der Sinn der Wiederkehr der Seelen, dal' sich die Einzigkeit in ihr immer mehr reinige und voll-