Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316291--50012-3344975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 48 DIE WELT 15 Gewiß leuchten sie dort, — ein jeder hat seinen Abend. Aber die Geschichte ereignete sich, bevor der „ß a a I - H a t o I d o t h" ein Schüler des heiligen „ßaal-5chem" geworden war. Sie trafen zufällig auf einer Reise in irgendeiner Wirtsstube zusammen. Es war am zweiten Tage des Chanukafestes. Der „Baal-Hatoldoth" hatte die Vorbereitungen zum Lichfanzünden gemacht. Er registrierte auswendig alle Vorschriften, die das Lichtanzünden betreffen, paßte genau auf, wenn „der Markt menschenleer wird", zündete den „Schamosch"13) an und als er das eine Licht angesteckt hatte, erlosch der „Schamosch". Er begann dann nachzudenken, ob es gestattet ist, „das eine Licht durch das andere anzuzünden?" Er hatte aber die „Hai ach ah" 14) ganz vergessen! Inzwischen erlosch auch das erste, bereits angezündete Licht. Er begann dann über die Frage nachzudenken, ob „das Anzünden oder das Festlegen die „Mitzwah"15) ausmacht". Auch dessen konnte er sich nicht erinnern! Es war kein Feuer mehr im Hause. Nur ein Feuer war nochi zu finden, aber bei diesem war etwas Verbotenes verübt worden. Da tauchte im „Baal-Hatoldoth" die Frage auf, ob in diesem Falle das Nutznießen nicht verboten und ob „Mitzwah's"zum Genuß erlaubt sind. Er faltete die Stirn und begann über diese Frage nachzugrübeln. Aber er hatte auch diese „Halachah" vergessen! Er sah nun zpannungsvoll zu, was der ßaal-Schem doch machen wird. Aber der ßaal-Schem war noch ganz in Gedanken vertieft;" Er mußte noch eine Stunde lang sich vorbereiten und gewohnheitsgemäß noch seihe Pfeife rauchen. Aber auch er trug Bedenken, an jenem Feuer, bei dem etwas Verbotenes verübt worden war, seine Pfeife anzuzünden. Er wandte sich plötzlich an seinen Alexey. Alexey spannte die Pferde an den Wagen, und der „Baal- Schern" stieg in den Wagen ein. „Wollt Ihr mit?" fragte er den „Baal-Hatoldoth". Dieser ' schloß sich an. Alexey setzte sich, wie immer, mit dem Rücken,, den Pferden zugewandt, — und da gings los. IV. Rasch trabte es über Berge und Täler, Steppen und Wüsten. Dem „Baal-Hatoldoth" kam es vor, als ob Berge und Wälder sprängen und hüpften, auf und nieder stiegen. Er begriff, daß es das Wunder des „Wegesprunges" war. Dem Kutscher hingegen schien es, als ob er große, riesig große Juden verrenkt, in konvulsiven Verzerrungen, mit glühenden, trotzig-widerspenstigen Gesichtern 'auf dem' Boden liegen sähe. Der „Goi" wußte nicht, daß er „das Geschlecht der Wüsfenwanderung" sah. Es kam ihm auch vor, als sähe er Gänse, denen das Gefieder noch beim Leben herunterfällt, und daß unter jedem Federchen ein Strom von Fett herausquille. — Wie gut wären diese Gänse für ein „M'lawe-Malkoh"- Essen17), sagte sich Alexey schmunzelnd. Und es kam ihm vor, als sähe er, wie ein Walfisch eine Heuschrecke, ein Rabe einen Walfisch, eine Taube einen Raben verschlingt und sich auf einen Zweig stellt. Wie dann große Seefische sechzig Städte zerstören, und wie aus ihren Gebeinen neue sechzig Städte erbaut werden, — wie mit den teuersten Edelsteinen gefüllte Kisten auf dem Meere schwimmen,- wie geschlachtete Vögel flattern und dergleichen mehr. Wäre Alexey nicht ein „Goi", hätte er „Gemoroh"18) gelernt gehabt, dann würde er von all diesen Wundern gewußt und wäre gar nicht so erstaunt gewesen. ) Synagogen- oder Gemeindediener. Im übertragenen Sinne wird das Wachs- Kerzchen welches zum Anzünden des Chanukalichtes „dient", ebenfalls so genannt. ') Die Gesetzesentscheidung im Talmud. 1 ) öebet. ".') Nichtjude. [C. ,l,),So w»rd das Festmahl genannt, welches zur „Verabschiedung der Königin" i,am Sar"stag Abend gegeben wird. ") Talmud. Zuletzt sind sie an eine Stelle gelangt, wo glimmende Kohlen lagen. Das waren die„Gach!e-Rothem",l9) die Huna-bar-Nothon vor so vielen Jahrhunderten gefunden hat. Sie glimmen noch! Die Sache war einfach. Es war eben kein Satansfeuer! Es war das Urfeuer! An diesem Feuer zündete der heilige „Baal-Schern" seine Pfeife an, kehrte nach dem Wirtshaus zurück und zündete daran seine Chanukalichter an. — Damals wurde „Baal- Hatoldoth" der auserwählte Schüler des „Baal-Schern". V7. Die flüsternde Stimme vertiefte und verfeinerte sich. Ich konnte sie nicht mehr mit den Ohren hören. Nur mit meiner Seele vernahm ich sie, Er sagte: Die kleinen Leute verstehen nur, die abgegriffenen Münzen zu zählen, wie sie alltäglich von Hand zu Hand gehen. Sie bleiben an der Oberflächlichkeit kleben. Die „Zaddikim" sind aber dazu da, den Schleier des Geheimen zu lüften. Sie sind nichts für die Markttrommel, und die Scheinwelt ist auch nichts für sie. Oftmals zitiert man gegen die „Zaddikim" - Forschriften aus dem heiligen „Schulchan-Aruch"l9). Die verstehen aber den „Schulchan-Aruch" gar nicht. Sie wissen nicht, daß vieles auf uns kaum paßt. Es heißt z. B.: Man darf nicht vier Ellen ohne Kopfbedeckung gehen. Kann unsereiner damit gemeint sein? Bedecken wir ja den Kopf doppelt, mit Käppchen und Mütze, und bleibt doch das Käppchen auf dem Kopfe, auch wenn wir schlafen! Wozu also „vier Ellen gehen"? Oder, daß man für Wegewanderer ein kurzes Gebet verfaßt hat. Haben wir kein anderes Mittel? Das kürzeste Gebet ist am „Sabbat-Erew-Pessach" — und was tun wir dann? Wir „dawenen"20) aus dem „Ssiddur"21) des heiligen „Ari" — sein Andenken sei gesegnet! Gibt's etwas Kürzeres? Man kann auch einen Tag lang „dawenen" aber das ist eben kurz. Mein Kind, sie verstehn den heiligen „Schulchan-Aruch" nicht. Es heißt: man solle die Chanukalichter nicht höher als zwanzig Ellen anzünden! Und die Zwerge, die keine drei „Tephachim"22) hoch sehen können, — ist es für sie nicht zu hoch? Und die Weitsichtigen, die in Unmittelbarer Nähe schlecht sehn? Ich sage dir, mein Kind, die Chanukalichter soll man überall anzünden — auch über zwanzig Ellen und unter drei „Tephachim", auch in den Kellerräumen, ganz besonders in den Kellerräumen! Und wegen des „Bekanntwerdens des Wunders" solle man „diese Lichter" mehr nach innen als nach außen anzünden. Draußen weiß man es zur Genüge; drinnen vergißt man daran. Übrigens, was geht uns, das „Außen" an? Mein Kind, die Chanukalichter sind hauptsächlich für Dich! Hast wohl Feuerwerk und Raketen gesehn! Die flackern auf und erlöschen; diese Lichter brennen still, keusch und werden nie verschwinden. Die Erlösung, wie du gelernt hast, wird in der Nacht beginnen. Wenn„Moschiach", so Gott will, kommen wird, werden wir diese Wachskerzen in unsere Hände nehmen und, von ihnen beschienen in die Nacht hinausgehn. Die wüsten Irrfahrten werden dann erhellt. VI Er wurde lebhaft, seine Stimme wurde klar, fast jubilierend. Die „Apikorsim"23), fuhr er fort, spotten über die ärmliche Bescheidenheit des Chanukafestes. Man sei nicht einmal verpflichtet — sagen sie — sich, wie am Purim anzuheitern! Keine Doppelbrote „Lechem-Mischnah", kein „Kiddusch"24), kein „Megillah. lesen"25) — gar nichts! 19) Titel des Religionskodex. 2") Beten. 21) Gebetbuch. 22) Ein Faustmaß, 2l) Freidenker. 2J) Segensspruch über einen Becher Wein uor den Abend- und Mittagsmah^eiten an Samstagen und Feiertagen. 2S) „Rolle", besonders die Pergamentrolle, die das Buch Esther enthalt.