Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316291--50009-3344972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Altar errichtet, auf welchem sie Opfer bringen. Das Kriegerische wird an ihnen hervorgehoben, und dem Chanukahfest, welches doch eine ganz andere Bedeutung im Judentum hat, wird eine Bedeutung beigelegt, die sich mit dem jüdischen Geiste schwerlich vereinigen läßt. Die Tradition hat eben das Fest anders gedeutet und in den Makkabäern nicht die Schutzherren des physischen Kraftjudentums gesehen. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Aber in einem Zeitalter von Blut und Eisen konnte es nicht anders kommen, und daher haben wir Kriegsspiele am Chanukahfeste und Appell an die rohe Gewalt, an das Schwert als letzte Entscheidung Davon haben sich unsere Väter und die Makkabäer gewiß nichts träumen lassen. Uliwillig haben sie das Schwert gezogen, ungeübt in der Handhabung der Waffen, Aber wer hat ihnen das Schwert in die Hand gedrückt? Darin liegt der wahre Schwerpunkt dieses merkwürdigen Festes. Die Frauen und Töchter in Israel! Es ist das Siegesfest der Frauenehre und des Heldenmutes der jüdischen Frau. Zu gleicher Zeit waren sie die ersten Blutzeugen für den Glauben. Mit den Makkabäern und ihren Zeitgenossen beginnt iii der Geschichte der Menschheit die lange Reihe der Glaubensmärtyrer, der unzähligen Helden, die ihr Leben für ihren Glauben willig eingesetzt und geopfert haben. Es ist die erste Verfolgung des Glaubens willen, die mit der gewaltsamen- „Zivilisierung" der Barbaren (Juden) von Seiten der „hochentwickelten " Griechen begonnen hat und bis heute noch mit denselben Schlagworten weiter geführt wird. Man muß die höhere (!) Zivilisation dieses oder jenes Stammes gewaltsam den Juden beibringen, und das Blut von Tausenden und Abertausenden rinnt in Strömen; wahre Molochsopfer in jeder Form und Gestalt werden unablässig gebracht, Weder Kind noch Greis wird geschont, und an die heiligsten Güter unseres Volkes wird frevelhaft Hand gelegt. Die Schwachen ergeben sich in das Unvermeidliche, wie sie sagen, und Hände aus eigenem Lager helfen mit, das Feuer schüren, auf welchem die Thora verbrannt wird. Die Tugend der Weiber wird angetastet und die heiligsten Gefühle werden mit Füßen getreten. Aber wo die andern nur zu wehklagen wußten, da handelten die jüdischen Töchter. Mirjam und Judith sind die eigentlichen Helden des Dramas, welches sich zu jener Zeit vollzog, und die Synagoge hat das Andenken dieser Heldinnen treuer bewahrt und höher zu achten gewußt, als diejenigen es glauben oder erwarten, die auch darin dem neuen Zeitgeiste folgen und die falsche Vorstellung von der Minderwertigkeit der Frau in der jüdischen Tradition als Tatsache hinnehmen. In der Liturgie des Römischen Machsors werden die Heldentaten der beiden Frauen besungen als Pijut für den Gottesdienst, und um die Person der Judith hat die jüdische Tradition einen Legendenkranz gewunden, der noch heute nicht verwelkt ist. Und Hannah, die Mutter der sieben Jünglinge, ist sogar eine Heilige der christlichen Kirche geworden, die in dem Heldenmute der sieben Jünglinge die Glaubenszeugen verehrt und heilig preist. Und die jüdische Frauenliteratur, die schönen Bücher und Büchlein, die im sogenannten Jargon abgefaßt sind, enthalten manch« wundersame Sage von dem Heldenmute unsere^ Mütter in der Vergangenheit. Josippon und Zeenah Ureenah wissen eben viel davon zu erzählen, wi< diese Töchter Israels ihre Brüder zum Kampfe fin Zucht und Sitte, für Ehre und Glaube zu begeistern : und ihnen in die Hand zu drücken wußte: die Waffe * mit welcher sie sich und ihren Brüdern die geistig« Freiheit siegreich erkämpfen sollten. Und nur da i rum handelte es sich: die geistigen Güter zu retten. Ein Volk ist nur dann frei, wenn es seinen Idealei > freien Ausdruck geben kann, wenn es seine heiligei Güter vom fremden Eingriff frei halten kann. Di< staatliche Abhängigkeit oder Unabhängigkeit ha weder Priester zu Kämpfern, noch Kinder zu Heldei | gemacht. Erst als der Feind an Tugend und Glaube 1 > seine Hand gelegt, da flammt der Feuereifer au und zündet die Glut, die unwiderstehlich um siel, greift. Dann ist es ein flammendes Schwert in der Händen der schwachen Priester, dann ist es da •r Schwert Gideons gegen die Philister, das Schwer Judas gegen die Griechen. Mit dem Wiederauf leuchten des Lichtes im Tempel hatte er aber sehn Aufgabe gelöst, und das Gewissen des Judentum^ hat es seinen Nachfolgern nicht verziehen, daß si< auch nachher noch das Schwert in der Hand behielten. Alle sind vergessen worden, nur nich Mattathias, der Vater und neben Juda die Frauen heldengestalten. Als Sinnbild für unser Fest ist nich das Schwert gewählt worden, sondern die Leuchte die „Menorah". Die geistige Fessel war gespreng: worden, die „zivilisatorische" Nivellierung wurcl< aufgehoben, die Dunkelheit hatte sich gelichtet, den jüdischen Selbstbewußtsein wurde kein Zwang mein auferlegt, und die Friedensbotschaft von wirklicher Toleranz, von dem ewigen Bestände unsere; Heilsgüter wurde ausgesandt. Die Wahrheit mui siegen, wie groß und mächtig auch die Feinde seil mögen, die sich entgegenstellen. Treue, Ehre, Sitt< und Zucht veredeln die Menschen und dürfen un keinen Preis geopfert werden. Und so hat di- Menorah des Chanukahfestes die Jahrhunderte geis tiger Dunkelheit erleuchtet und auf ein ideale jüdisches Familienleben geleuchtet, welches unser Freude und unser größter Stolz ist. Mehr als ein: Heldenfrau ist willig in denTod gegangen alsMärtyrern für ihren Glauben, für ihre Reinheit und Tugend. Un erschöpflich wie in alter Zeit hat sich der Lichtbor; gezeigt und an ihm haben wir unsere Lampe de Zionismus angezündet, die Leuchte der nationalegeistigen Wiedergeburt, des erwachten Selbstbewuß seins, des Versuches, die Kette zu brechen, die in; im Namen der „Zivilisation", des Nationalismus, de „Assimilation'' angeschmiedet worden ist, die Fessei zu sprengen die uns im Laufe der Jahrhunderte au gebürdet worden sind. Chanukah bleibt für uns d; Fest der Familientugenden unsers Volkes, der ewige \ Güter, die wir mit unserm Leben verteidigt habe t und stets verteidigen werden, des Opfermutes inel der Opferfreudigkeit, und vor allem der herrlichen Frauengestalten, die mit der Fackel der Begeisteran;-; uns vorangeleuchtet haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.