Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 DIEl^ELT No. 48 für das Volk nutzbar gemacht werden kann! Kraft im ursprünglichsten Sinne des Wortes! .... Und die Makkabäer fielen mir ein. Als ich jung war, konnte ich mich nicht genug sattlaben an ihnen. Es war wie die Entdeckung einer köstlichen Welt für mich, als ich, Geschichte blätternd, an jenen Tagen, an dieser Zeit landete. Ich wollte die seltenen Gestade gar nicht mehr verlassen, die Blicke nicht mehr von den großen Gestalten wenden, namentlich von dem Einen nicht, dem Mildstarken, dem Gütiggrößten, dem barmherzigen Helden, von Jehuda Makkabi. Ich sah sein frommes Lächeln, hörte seine kluge und innige Rede, seine leisen, gemessenen Befehle, — und jubelte auf. Oh, auch wir sind kein kraftverwaistes Volk. Auch aus unseres Volkes Lebenstiefen steigt der Held empor, — der eigene Held, der seines Volkes Wesensrüstung trägt...... Und ob des eigenen Helden vergaß ich fast des eigenen Volkes. Ich glaube es ja noch heute, daß der Held, der Genius überhaupt, die reinste Verkörperung, das lauterste Symbol, die stolzeste Vollendung, das rechte Werkzeug seines Volkstums ist. Aber ich frage doch auch schon nach dem Volke selbst: nach den großen, dunklen Massenkörpern, die sich wie rätselhafte Schatten durch die Zeiten stoßen und drängen und aus sich heraus alle die Erhabenen gebären; frage schon nach den Unzähligen, denen es nicht gegönnt ist, als leuchtende Sterne aus der endlosen Nacht hervorzutreten, die aber auf ihren dunklen, verschlungenen Einzelpfaden nach ewigen Gesetzen stille Kräfte sammeln oder vergeuden, um ihre Anwälte zu stützen oder im Stiche zu lassen. Und so gehe ich denn unter ihnen herum und forsche ängstlich in ihren Gebärden und Bewegungen nach jenem stummen, fast möchte ich sagen, geistlosen Krafthauche, aus dem sich ein Volk immer und immer wieder neu erzeugt, — leiblich und geistig, schönheitlich und sittlich. Als Jehuda Makkabi rief, da drängte sich das geheimnisvolle Dasein seines Volkes plötzlich lichtgierig an ihn heran, und es wurde lebensdicht um ihn..... Aber heute, wenn so Einer aufstehen würde, wie er, und riefe, wenn die neue Forderung des nationalen Judentums von Tausenden Lippen als ein Ruf erdröhnt .... bliebe, bleibt es nicht kalt und leer um ihn, um uns? Erfrieren wir nicht als das letzte Kind einer Keimkraft, die mit uns sich ausgegeben hat? Und ich weiß nicht, wie es kam: die Lastenträger von Tarnopol haben ebenso wie die jüdischen Reichsratswähler im Frühling dieses Jahres meine Angst gemindert. Es ist mir, als sähe ich doch, was meine Seele suchte: die Kraft, die von sich selber noch nichts weiß .... So weit war ich in meinem Sinnen gekommen, als mein Freund mich störte. Er führte mich fort, — einem anderen Bilde zu, in den jüdischen Turnverein, wro ein Schauturnen improvisiert war. Die Leute haben noch keine eigene Stätte, sie wollen sie sich in Bälde gründen. Jetzt genießen sie die Gastfreundschaft der Ruthenen. Zuerst marschierten die Mädchen auf. Frauenturnen ist an und für sich ein interessantes Problem: Umwandlung von Anmut in Kraft und von Kraft in Anmut. Und man konnte seine Freude daran haben, wie das Problem hier gelöst wurde. Daß es — nur Jüdinnen waren, erhöhte natürlich das Interesse. Unser Volk braucht Mütter, die in jüdischen Reihen zu schreiten die Lust und die Liebe, nicht in fremde sich einzuschleichen das krankhafte Bedürfnis haben. Es braucht auch starke Frauen, weil ihre Kinder viel auszuhalten haben. Gleichwohl erschien uns das Turnen der Jünglinge von größerer Bedeutung. Dort mehr Problem, hier mehr Aufgabe. Die Aufgabe: Kraft zu rufen, zu steigern, bewußt zu machen, zu organisieren. Studenten, Arbeiter, Talmudjünger......gesammelte Kraft in machtvoller Bewegung. Ich erinnerte mich an die albernen antisemitischen Karikaturen und lächelte. Und erinnerte mich wieder an die Makkabäer und ihre Zeit. Und erschrak! Denn damals hatten sie keine Turnvereine. Ja, Gymnasien gab es, die Hallen für griechische Leibesübung. Aber das Volk mied sie wie die Pest. Und es wußte, weshalb. Denn diese Hallen f .dienten der fremden Volks- und Gottesidee, oder besser »gar keiner Idee, weil sie im Grunde aus keinem Glauben, keiner Anschauung, sondern aus dem Modebedürfnis einer entarteten Volksschicht herauswuchsen. Aber das Volk folgte Makkabi doch, ohne geturnt zu haben! Und wir glauben erst turnen zu müssen, — um uns für Makkabäertaten zu rüsten! Wir sind also jdoch nicht mehr die Alten? Wir haben also doch nicht mehr die Kraft, die von sich selber noch nichts weiß? Wer sagt das? Alle die Turner dort, — wissen sie von ihrer Kraft? Von ihrer ganzen Kraft? Von den Möglichkeiten, die sie mit ihren Muskeln und ihren muskelgefestigten Charakteren zu Wirklichkeiten bauen können? Gewiß nicht! Selbst wir Zuschauer wissen noch nichts davon. , Wir hoffen nur, wir ahnen nur, daß dort tief hinter dem f stummen, „geistlosen" Heben der Hände, dem Gleichschritt der Füße, dem Hüpfen und Springen, eine Kraft wohnt. Wir rufen nur, wie Jehuda Makkabi rief: Komm, du deiner unbewußte Kraft, verdichte dich zu tätigem Leben. Es ist, wie bei den Lastenträgern, der einzige . Unterschied: Bei den Turnern muß man die Kraft schon "aus größeren Fernen holen. Das haben aber nur die Stadt und der Beruf gewirkt. Es ist bei anderen Völkern auch so. Wir assimilieren uns nur den Notwendigkeiten und Erfahrungen der Zivilisation. Sonst ist das Turnen gut makkabäischer Ruf nach jüdischei Kraft. Aber widerspricht etwa das Makkabäische dem Jüdischen? Nein! Es ist vielmehr seine Erfüllung nach einer Richtung, die Möglichkeit der Kraft auf jüdischem Boden, die jüdische Farbe des Prinzipes der Kraft. Insofern hebt es sich als wahrstes Judentum einerseits ab vor dem lächerlichen Hellenistensport, anderseits von der , Kraftfeindlichkeiten jüdischer Geisteszeloten. Kein Volk der Welt kann sich über die Kraft erheben. Das ist Phantom. Ein jedes muß sich von ihren breiten Schulten tragen lassen. So will es die Wirklichkeit. Nur mui jedes in seiner eigenen Weise. Und diese ist für da; jüdische Volk die Weise Makkabis und seiner Leute Herzberuhigte, geistgeadelte Kraft, keine, die sinnlo wütet und an sich selber sich berauscht..... Wrie sie dahinschreiten, die Jünglinge, — in leib licher Übung, ohne allen leiblichen Übermut, der so leicht in Roheit übergeht! Das können dann die Leut werden, wie sie sein sollen, still im Frieden und stü: