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Die Welt · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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\'o. 48 DiE^gELT ind teils aus nationalen Motiven, bei uns eingebürgert :mt, die Erinnerung an jene Siegestage alljährlich zu eiern, um sie so für immer im Volksbewußtsein festzuhalten. Nach mehr als zweitausend Jahren wird es ,ogar wahrscheinlich, daß auch das Judentum einen glänzenden Sieg über den Hellenismus davontragen wird. Es wird doch dahin kommen, daß der Gesichtskreis der gebildeten Menschen sich immer mehr erweitern vird, indem die wissenschaftliche Forschung die alten Legenden und Anekdoten, alle Ruhmredigkeit und Übertreibung der griechischen Schriftsteller auf ihren vahren Wert zurückführen wird.. Hingegen erleben wir jetzt die Genugtuung, daß die Wertschätzung des biblischen Schrifttums und der anderen geistigen Schöpfungen des jüdischen Volkes bei den Urteilsfähigen im Steigen begriffen ist. Der schöpferische Geist Israels auf dem ihm eigenen Gebiet wird die ihm gebührende Anerkennung finden. Allerdings setzt dies voraus, daß die Juden selbst damit nicht warten, bis ihnen die anderen darin vorangehen. Unser Volk muß die Verteidigung seines Wesens und seiner Bedeutung in der Geschichte selbst übernehmen und tapfer durchführen. Das kann es nur dann, wenn es vor allem sich dessen bewußt ist. Das geschichtliche Bewußtsein in unserem Volke zu pflegen und zu stärken, das ist die Aufgabe, die sich unsere geistigen Führer zu stellen haben. EIN TAG IN TARNOPOL MAKKABÄISCHES UND NICHT AM CHANUKAH Von Mathias Acher Der Ausdruck „Tarnopoler Moral" hat mir von ieher gefallen. Das muß ich schon sagen. Dabei war mir immer klar, daß er nicht gegen die Stadt als solche gemünzt sein konnte und daß er sich in erster Linie gegen die Juden richtet. Ich bin kein Geschichtsforscher und weiß nicht, wer das schöne Wort prägte und aus welchem Vnlasse es geschah. Aber das weiß ich, daß es jedenfalls für Antisemitische Klotzköpfe wie geschaffen ist, — und nicht minder für jene Juden, die sich glücklich fühlen, nicht in „Tariopol" zu Hause zu sein und von den Zinnen, sagen wir, :1er Wiener Börse hochmütig darauf herabsehen. Nach dieser Voraus- ^chickung wird es niemanden wundern, daß ich Tarnopol mit einer gewissen Neugier betrat, desto mehr aber viele, daß sie auf ihre Rechnung kam. Schon der äußere Anblick hat mich ein wenig, stutzig gemacht. So viel Zivilisiertheit, o viel europäische Frisiertheit! Ms wären wir gar nicht in Poiolien und in einer Stadt jüdischen Charakters, sondern dort drüben, wo das deutsche Volk seine Städte baut und sich dabei, eins oder zwei vom Hundert, von seinen Juden helfen läßt. Da kann doch der „moralische" Unterschied nicht gar so groß sein, dachte ich, sprach mit den Acuten, nahm Statistiken zur Hand, und rechnete auch schließlich ein „moralisches" Manko von fast 12/ö Prozent zuungunsten der „Tarnopoler" heraus. Die Beschäftigung hob mich ordentlich. Ich fühlte wich immer mehr zur „moralischen" Höhe der Kredityiskunfteien emporsteigen. Ich begann dann einige ' ausende Fabriksräder ins Land zu wünschen und eine HERMANN STRUCK Rumänischer Rabbiner Hochkonjunktur dazu. Dann mußten ja die Leute von „Tarnopol" genau so „gut" werden wie die außerhalb, und auch die sittliche Scheidewand von ganzen l*/n Prozent würde bald fallen können. Zur Freude aller Kreditorenvereine und zur Befriedigung sach- und moralverständiger Geschäftsreisender der größten, ein- und angeführtesten „Häuser" von Wien, Budapest, Prag und Brünn. . . Bist ja selbst schon ganz der „Tarnopoler Moral" verfallen, sagte ich mir endlich und beschloß, anderen Gedanken nachzuhängen. Im übrigen setzte mich mein Begleiter, einer der rührigsten und hingebungsvollsten unter unseren jungen Juden, in den Stand, meine Absicht auszuführen. Er führte mich in eine Versammlung der Lastträger, die in der Synagoge dieser Leute stattfand. . Dort sprach er Jüdisch zu ihnen, und ich erfuhr aus seiner Rede, daß sie noch vor einem halben Jahre, bei den Reichsratswahlen, den Polenknechten die Dienste einer Knüttelgarde geleistet hatten. Daß sie also noch nicht geweckt waren, als schon ein Sturm des Erwachens durch einen großen Teil des galizischen Judentums ging. Mit um so größerem Interesse betrachtete ich sie während der Rede meines Freundes: Schwerfällige Gestalten von schwerfälligem Begreifen. Jüdisches Bauernschädeltum. Nur selten ein leichtes, nickendes Zustimmen, sonst stumme, etwas mißtrauisch prüfende Aufmerksamkeit. Anders wie die leichter beweglichen Rheinbürger. Und ich freute mich ihrer aus vollem Herzen. Endlich einmal Kraft! Jüdische Kraft, die nicht mehr an Fremde verkauft werden wird! Jüdische Kraft, die im Volke 3* RADIERUNG

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