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Die Welt · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE^ELT No. 48 Prahlerei überliefert haben, um die Wichtigkeit ihres Volkes hervorzuheben und die Bedeutung anderer Völker herabzusetzen, kommen uns heutzutage recht lächerlich vor. Die Anschauung, welche beispielsweise noch Abraham Geiger in seinen geistreichen Vorlesungen über jüdische Geschichte zum Ausdruck bringt, daß das griechische Volk wohl nicht, wie es anzunehmen pflegte, physisch autochthon, aber geistig selbständig gewesen sei und alles aus sich selbst hervorgebracht habe, diese den Wert des Hellenismus weit überschätzende Anschauung ist längst widerlegt worden. Die Griechen haben nur einen Teil der vorderasiatischen Kultur nach Europa verpflanzt. Der Semitisinus war für die Zivilisation viel erfolgreicher als der Hellenismus. Es mag ja sein, daß das tief eingewurzelte Vorurteil nicht so leicht zu beseitigen sein wird; in geschichtlichen Kompendien für Sextaner und Quintaner wird die Welt der menschlichen Zivilisation noch immer mit dem Auftreten der Griechen beginnen. Aber damit hat die Wahrheit nichts zu tun. In den letzten Jahren wurde der Versuch gemacht, auch die Bedeutung des jüdischen Volkes in der Geschichte herabzusetzen. Es sollte der Nachweis geführt werden, daß auch das, was das Wesen des Judentums ausmacht, von Babylonien übernommen worden sei. Dieser Versuch ist wohl als völlig mißlungen zu bezeichnen. Nicht etwa, daß wir es in Abrede stellen wollten, welchen großen Einfluß die altbabylonische Kultur auf die kulturelle Entwicklung des jüdischen Volkes geübt hat. Die Bedeutung des jüdischen Volkes in der Geschichte ist jedoch nicht an derartige Errungenschaften gebunden, weil es niemals den Anspruch darauf erhob, nach dieser Richtung originelles Können gezeigt zu haben. Das jüdische Volk hatte eine' große, weltumfassende Idee, die es dahin brachte, ganz unabhängig von Zeit und Ort seine Tätigkeit zu entfalten. Wird dieses anerkannt, so hat es nichts auf sich, wenn selbst nachgewiesen wird, daß irgendwelche Anregungen zu dieser großen und schöpferischen Idee schon früher bei andern Völkern vorhanden waren. In der Geschichte ist ein großer Gedanke nur dann von Bedeutung, wenn er von einem ganzen Volke erfaßt und fruchtbar verwirklicht wird. Es gibt nichts Lächerlicheres und Müßigeres, als in dieser Beziehung nach Plagiaten zu forschen. Wenn das kleine griechische Volk für sich allein den Ruhm in Anspruch nahm, die menschliche Gesittung zu repräsentieren und alle anderen Völker als Barbaren bezeichnete, so war dies eine lächerliche Selbstüberhebung. Das jüdische Volk hingegen stellte eine neue Morallehre tfuf, die es der Menschheit verkündete, und für deren Verwirklichung es sein ganzes Dasein einsetzte. Mag in der dieses Volk umgebenden Welt der Kulturfortschritt sonst nicht so weit gediehen sein, im Reiche der Idee, welche zur Vervollkommnung der Moral und zur Verfeinerung der Begriffe von Recht und Sitte führte, erreichte oder erstrebte wenigstens das jüdische Volk das Höchste. * * * Von dieser Anschauung ausgehend, erscheint uns der Zusammenstoß zwischen Juden und Griechen auf palästinensischem Boden, dessen wir dieser Tage wie alljährlich gedenken, ganz eigenartig. Was soll das bedeuten, daß sich ein kleiner Stamm im schweren Kampfe um seine Freiheit für einige Zeit eines übermächtigen Feindes erwehrt? Lange hat doch die nationale Unabhängigkeit des jüdischen Volkes nicht gewährt, und wenige Jahrzehnte später wurde sein Haupt unter das schwere Joch der harten und unerbittlichen Römer gebeugt. Bei oberflächlicher Betrachtung dieser geschichtlichen Ereignisse hat man beinahe den Eindruck, als ob es sich gar nicht gelohnt hätte, daß die jüdischen Helden im todesmutigen Kampfe gegen das syro-griechische Heer ihr Blut verspritzt haben. Die Volksfreiheit, welche gegen den Feind von außen und einen verkommenen Priesteradel zu Hause verteidigt wurde, ging bald verloren, und auch die nationale Unabhängigkeit überlebte die Volksfreiheit nicht lange. Indessen lagen die Dinge nicht so. Der Kampf galt nicht nur der politischen und staatlichen Unabhängigkeit, sondern in erster Reihe der Gewissensfreiheit und der Erhaltung des Judentums. Wären die Hellenisierungsversuche in Palästina gelungen, so wairde nicht etwa, wie angenommen werden könnte, das ganze jüdische Volk assimiliert worden sein. Eine solche Assimilation, welche alle Schichten eines Volkes umfaßt, ist nie möglich, und in der Geschichte ist keine Analogie dafür zu finden. Nur eine kleine obere Schicht hätte sich in Palästina dem Griechentum angeschlossen, alle Bräuche und Mißbräuche des Hellenismus angenommen, sie hätte sich dadurch dem Volke allmählich völlig entfremdet und wäre ihm im Laufe der Zeit höchstwahrscheinlich feindlich geworden. Das Volk aber, seiner Aristokratie, seiner wohlhabenden und gebildeten Schichten beraubt, wäre in wenigen Jahrhunderten in Armut und Unbildung verkommen. Das jüdische Volk würde vom geschichtlichen Boden verschwunden sein. Seine reichen Söhne hätten sich in lächerlicher und schmachvoller Nachäfferei der griechischen Lebensgewohnheiten erschöpft; sie wären in Wahrheit Barbaren mit griechischen Sitten ohne jeden kulturellen Gehalt geworden. Die Volksmassen hingegen blieben stumpf und roh auf ihrer heimatlichen Scholle, ohne Verständnis für die geschichtliche Vergangenheit und ohne die Fähigkeit, auf dem geschichtlichen Boden sich kulturell weiter zu entwickeln. Dieser Versuch, die jüdische Aristokratie von den Volksmassen zu trennen, ist in unserer Geschichte nur einmal gemacht worden. Er ist damals glücklicherweise gänzlich mißlungen, und das hat verhindert, daß die Juden das wurden, was beispielsweise die Syrer und die Ägypter gewprden sind: Die oberen Schichten dieser Völker haben sich assimiliert, und von den Völkern selbst sind nur arme, halb vertierte Fellachen zurückgeblieben. In späteren Zeiten ist über das jüdische Volk viel Schlimmeres hereingebrochen; es hat seitdem die blutigsten Verfolgungen über sich ergehen lassen müssen. Aber immer trafen die schrecklichsten Ereignisse das ganze jüdische Volk. Es mochten sich einzelne in der Stunde der schweren Gefahr aus unserm Lager fortgeschlichen haben; wir wollen mit diesen armen, schwachen Menschen nicht allzu streng ins Gericht gehen. " Aber ganze Volksklassen haben niemals auch nur den Versuch gemacht, sich von der Gesamtheit zu trennen und deren Sache völlig aufzugeben. Durch den einen Sieg, den das jüdische Volk in der makkabäischen Zeit über seine Feinde von außen und von innen errungen hat, rettete es seine geschichtliche Fortdauer. Es liegt daher ein gesunder Volksinstinkt in dem Brauch, der sich seitdem, teils aus religiösen

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