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Die Welt · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 — — DIE 3 scheinung. Dem Scheine nach sind es Zufälle oder Menschen, die willkürlich diese Kraft in wirklich seiende Erscheinung umgesetzt haben. Und doch geschah es notwendig. Wir stehen vor einer^Tatsache, an die unserejAhnen weder geträumt noch geglaubt hatten: Die hebräische Sprache lebt. Die scheinbar zu Stein gewordene Mumie atmet wieder Leben, schafft und wirkt. Die einst von den rauschenden Straßen Jerusalems in die traurigen Synagogen des Golus Verbannte lebt und blüht offen und frei in den fröhlichen Strahlen der Sonne. Die einst und noch vor nicht langer Zeit von unseren Dichtern als altes, zahnloses verlassenes Großmütterchen Besungene verjüngte sich plötzlich und reißt durch ihre Frische und herrlichen Reize unsere ganze jüdische Jugend mit sich. Es könnte scheinen, daß manche modernen Dichter, die der hebräischen Leier neue Töne entlockten, unsere , Sprache willkürlich zu neuem Leben wachriefen. Aber dem ist nicht so! Umgekehrt! Die auferstandene Sprache hat unsern Dichtern die Leier in die Hand gedrückt. Und da das ganze jüdische Volk in seinem nationalen Selbstbewußtsein nach dem Winterschlafe der langen Golusnacht erwachte, so mußte auch notgedrungen seine Sprache zu neuem Leben auferstehen. Mit der Rührigkeit des Körpers hat auch seine Seele an Schwung und Kraft gewonnen. Dem durch Scheiterhaufen und Verfolgungen erschlafften Judentume suchte man künstlich eine fremde Seele einzuhauchen. Man bemühte sich, ihm eine fremde Seele in Form von fremden Sprachen zu eigen zu machen. Wie betäubt taumelte es mit zwei Seelen, mit seiner eigenen hebräischen und der fremden, ihm künstlich aufgebürdeten fremden, einher. Sein Herz war durchschnitten. Ein Heine fühlte Hebräisch und dichtete Deutsch. Da erglänzte die Sonne, die Renaissance des jüdischen Volkes kam heran. Es erwachte der Betäubte, mutig stieß er die fremde Seele von sich und wonnig ergötzte er sich im Besitze seiner eigenen reinen Seele. Die nationale Sprache unserer Jugend ist heute nicht deutsch, polnisch oder russisch, sondern nur hebräisch. Fürwahr! Nicht tot war unsere Sprache. Bloß ein dämmernder Schlummer war es, in den man sie eingelullt. Der Tote lebt nie wieder. Der Schlafende kann noch zu neuem Leben erwachen. Seitdem die Mauern Betars niedergerissen und am jüdischen Himmel sich die Sonne hinter schwarzen Wolken verbarg, zog sich die hebräische Sprache vom weltlichen Getriebe zurück und baute sich ihren festen Sitz in der jüdischen Familie, wie in der jüdischen Synagoge. Die jüdische Familie und die Synagoge! Diese uneinnehmbaren Bollwerke der jüdischen Seele konnten selbst die mächtigsten Stürme und Geschosse des Golus nicht zerstören. Diese waren die feste Burg der hebräischen Sprache und hier thronte sie königlich. Die herrlichen Pijutim Pismonim und Semiroth eines Halewi, Gabirol und Nagarah schmückten ihr Diadem mit den herrlichsten und kostbarsten Edelsteinen. Die synagogalen Lieder und Gebete, die sämtlich hebräisch geschrieben und gesungen wurden, waren nicht nur ein Erguß des individuellen religiösen Fühlens, sondern auch gleichzeitig und in demselben Maße ein Ausdruck und Bet ätigung der jüdisch-nationalen Seele. jKELT -., —^----. No> 48 Die Religion überhaupt spricht jede Sprache. Die jüdische Religion, wie die eigentlich jüdische Seele, spricht Hebräisch und nur Hebräisch. Und als infolge der Stürme des neunzehnten Jahrhunderts die Mauern des Ghetto geschleift waren und man geblendet durch die Sonne der Aufklärung in den Ländern des Westens dem jüdischen Gebete seine nationale Seele — die hebräische Sprache zu nehmen versuchte, da ward — in diesen Kreisen — bald die jüdische Synagoge mit der katholischen oder protestantischen Kirche eingetauscht. . . Die Sprache der Juden ■ als Wanderer und Kaufleute war mannigfaltig. Sie änderte sich mit dem Orte, wohin ihn die Stürme getrieben. Die Sprache des Juden als Juden war allenthalben und immer Hebräisch und nur Hebräisch. Die Zunge des Kaufmanns auf der Straße war eine fremde, v Sein Lied als Jude im Hause, wie in der Synagoge, war : sein eigen — es war hebräisch. Ein frischer erquickender Frühlingswind weht durch die Straßen des jüdischen Ghettos. Gebrochen und zerschmettert liegt zu Boden, was faul und morsch im Judentume war. Das jüdische Volk und mit ihm seine Seele — die hebräische Sprache — hat sich zu frischem; tatkräftigem Leben verjüngt. Neben der synagogalen Hülle trägt sie nun auch keck ein herrliches weltliches Gewand. Die hebräische Sprache ist nun nicht bi:ß Sprache der schmerz erfülltenSynagoge, sondern auch des schaff endenblühendei Lebens. Mit den Lewinsohns, Günzburg und Dawic1 Gordon begann der schüchterne Anfang. Auf derkräftigen und jugendfrohen Ruf Smolenskis erschiene) die Schöpfungen eines Juda Leon Gordon und seine; Zeitgenossen. Zur höchsten Blüte an Geist und Form gelangte unsere Sprache durch die Meisterhand eine^ Achad Haam, Sokolow, Bialik und Brainin. Sie erschlossen unseren Augen und Herzen die unerschöpf liehen Schätze wahren hebräischen Geistes und Fühlens. Statt der banalen Worte: Heraus aus dem Ghetto! er tönt der heilige Ruf: zurück zum Urquell unserer geistiges und nationalen Größe! zurück zur hebräischen Mutter spräche. Nicht Sklavin, wie zu Zeiten Mendelssohns um Wessely, um uns Produkte fremden Geistes durch Über Setzungen einzuimpfen, soll unsere Sprache sein. AI perlender Born ureignen Geistes soll sie unser Gemu und Herz laben und nähren. Es lebt das Volk, auc! seine Sprache muß leben. Jung Israel, das zum Werk der Vereinigung des gesamten Judentumes sich zusammengeschlossen, gelobte feierlich in Haag, daß di einigende Sprache unseres, in alle Teile der Welt zerstreuten Volkes, das Hebräische sei und bleibe. Si müsse lebendig und von allen jüdisch fühlenden Jude 1 verstanden und gesprochen werden! Politische Grenzen und vielsprachige Länder;trennen das'Judentum nicli ' Seine Einheit ist sein Blut und seine Sprache! Noch ist die Zeit nicht gekommen, aber sie liegt nicht fem 1 und an Stelle des vielsprachigen verwirrenden Bab Ionischen Turmes erscheint ein einheitliches herrlich* s Gebäude — ein hebräisch sprechender Zionistenkongre . Noch gibt es Schwache und Zaghafte in unser r Mitte, die an das Leben unserer Sprache im Munu~ unserer Kinder nicht glauben. Diesen rufen wir z.:: Wer schwach und zaghaft ist, verlasse die Schlaclureihen! Wer das Erwachen unseres nationalen Voll- - geistes mitgesehen, der muß auch das Aufleben unserer Sprache sehen können. Wer an der Lebensfähigkeit

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