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Die Welt · 1907-11-22 · 47 (22.11.1907) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Die Erschließung Mesopotamiens J „L'Orient" berichtet folgendes: Seitens der türkischen Regierung wurde seinerzeit eine Spezialkommission unter dem Vorsitze Hadji Akif Paschas eingesetzt mit dem Auftrage, die Frage der Nutzbarmachung der natürlichen Schätze Mesopotamiens zu studieren und festzustellen, welche Maßregeln zur Aufschließung des Landes erforderlich sind. Diese Kommission hat nunmehr ihre Aufgabe beendet. In ihrem Berichte betont sie die Notwendigkeit der Vornahme gewisser hydraulischer Anlagen, der Einrichtung von Musterfarmen, der Schaffung von Bewässerungskanälen, der Vertiefung des Flußbettes des Euphrat und Tigris zum Zwecke der Schiffbarmachung dieser beiden Ströme, der Wiederaufforstung der Gebirge, der Anpflanzung von Baumkulturen an den Ufern der Flüsse, der Erforschung und Ausbeutung der Mineralien, der Gründung eines Stromamtes und der Erleichterung des Transportwesens. Alle diese Vorschläge haben die Billigung des Sultans gefunden, der dem Großwesir Befehl gegeben hat, für ihre Ausführung zu sorgen. Eine abessinisch-jüdische Sage Funk & Wagnalls Company, die Herausgeber der „Jewish Encyclopedia", haben die Obersetzung eines abessinischen Manuskripts veröffentlicht, das für Juden ein ausnehmendes Interesse haben dürfte. Das Original befindet sich im Besitze des Negus Menelik von Abessinien, der seine Abstammung bekanntlich von König Salomo ableitet. Es ist ein Fragment aus der äthiopischen Chronik „Ruhm dem König" und enthält die Geschichte der Königin von Saba, ihrer Reise an den Hof des König Salomo, der Geburt ihres Sohnes und des Besuches, den dieser später in Jerusalem macht. Es schreibt, wie die Gesetzestafeln von den Gefährten des jungen äthiopischen Prinzen gestohlen und an einem geheimen Platze aufbewahrt wurden, wo sie sich jetzt noch befinden sollen. Das Manuskript war seinerzeit in den Besitz des British Museums gelangt, wurde indessen 1872 dem Negus zurückgegeben. Erfahrungen mit dem Marmorek-Serum In der Münchener Medizinischen Wochenschrift teilt Dr. G. Schenker, Oberarzt an der kantonalen Krankenanstalt in Aarau, seine „Beobachtungen in der Tuberkulose-Therapie bei der Anwendung von Marmorek-Serum" mit und kommt dabei zu folgenden Schlußsätzen: Das Serum Marmorek hat bei Tuberkulose eine antitoxische Wirkung auf den menschlichen Organismus. Das erkennen wir aus der Abnahme resp. dem Verschwinden der Tuberkelbazillen im Auswurf der Lungenschwindsüchtigen und im Harnsediment bei Harnblase und Nierentuberkulose solcher, welche mit Marmorek-Serum behandelt wurden. Besonders günstig wirkt das Serum bei Lungentuberkulose ersten und zweiten Grades sowie bei Knochen- und Bauchfelltuberkulose. Tuberkulöse leichteren Grades können somit ganz gut ambulatorisch behandelt werden. Bei Lungentuberkulose dritten Grades hatte ich mit dem Serum so gute Erfolge wie mit keinem andern Mittel. Wenn es auch nicht immer heilend wirkt, so kann es doch die Krankheit zum Stillstand bringen und eine Weiterzerstörung des Körpers temporär hemmen. Deshalb kann man und soll man das Serum Marmorek in weiter vorgeschrittenen Fällen in Anwendung bringen, wenn einigermaßen noch Aussicht auf Besserung ist. Je schwerer und hartnäckiger der Krankheitsprozeß ist, desto länger muß das Serum verabfolgt werden. Die publizierten Mißerfolge kommen wahrscheinlich vom zu frühen Sistieren oder von der unrichtigen Anwendung des Marmorek-Serums her. Auch bei Mischinfektionen erfolgt in vielen Fällen Besserung, wenn auch langsamer und seltener als bei reiner Tuberkulose. Da, wo ausgedehnte, schwere Zerstörungsprozesse schon vorhanden sind, wird das Marmorek-Serum nicht mehr helfen, so wenig wie etwas anderes. Das Marmorek-Serum, rektal angewendet, hat keine schädlichen Nebenwirkungen und wird speziell im jugendlichen Alter gut und auf lange Zeit vertragen. Wie bei andern Infektionskrankheiten, gegen die man spezifische Gegenmittel hat, so müssen auch hier die allgemeinen Lebensbedingungen zur Genesung resp. Besserung günstig gestellt werden. Eine rationelle Pflege und Ernährung des Kranken ist da absolutes Erfordernis. Freiluftkuren, besonders Sonnenbäder, sind notwendig. Aufenthalt im Hochgebirge, in geschützten, sonnenreichen Gegenden ist sehr empfehlenswert. Aber auch Freiluftkuren in der Talebene, sogar in Nebelgegenden während des Sommers wie im Winter wirken nicht nur nicht schädlich, sondern zeigen auffallend schöne Heilresultate. Will man mit Marmorek-Serum schöne Erfolge erzielen, so soll man die Freiluftkur (Heliotherapie) nicht außer acht lassen. Einen Nachteil hat das Marmorek-Serum noch, und das ist sein Geldpreis. Die Tuberkulose ist eine Volkskrankheit wie keine andere; alt und jung, reich und arm werden davon heimgesucht. Aber doch ist sie ganz besonders der Würgengel des Proletariats, der Armut. Und da ist der Preis des Marmorek-Serums noch nicht dazu angetan, um das Heilmittel zu einem Volksheilmittel für arm und reich zu machen. Die Behandlung deutscher Juden in Rußland Ein charakteristischer Beitrag zu dem Thema der Behandlung deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens in Rußland liefert eine Schilderung, die dem „Fränk. Kurier" von einer angesehenen Nürnberger Firma zugegangen ist: In Deutschland ist es ungesetzlich, das Religionsbekenntnis dem Paß beizufügen; die Erfüllung dieser russischen Forderung bedeutet eine Umgehung des Gleichheitsprinzips. Wenn es nun damit abgetan wäre, so wäre das zwar bedauerlich vom ethischen Standpunkt, aber schließlich zu ertragen. Allein durch diese amtlicherseits gestattete Kennzeichnung der Religion wird der russischen Willkür Vorschub geleistet; es werden von den Reisenden jüdischen Glaubens erpresserische Abgaben eingezogen, es werden ihnen Beschränkungen und Unannehmlichkeiten persönlicher Art auferlegt, denen der Reisende christlichen Glaubens und der jüdische Angehörige der englischen, amerikanischen und französischen Nation nicht ausgesetzt ist, weil diese Nationen einen Unterschied in der Paßbehandlung ihrer gleichberechtigten Staatsbürger nicht gestatten. Seit 20 Jahren reise ich besonders nach Russisch-Polen. Ich habe zu wiederholten Malen die Unannehmlichkeit gehabt, daß mein Paß, der bei der Ausreise aus Rußland das Visum der Polizei der letztbesuchten russischen Stadt tragen muß, mir nicht erteilt wurde mit der Angabe: „Wir visieren keinen jüdischen Paß, damit müssen Sie in die Gouvernementsstadt fahren!" Da das Gouvernement häufig eine Tagereise entfernt ist, kann man sich denken, welche Kosten und Zeit hierauf verwendet werden müssen, abgesehen von den Gefühlen, die man empfindet, wenn es heißt „jüdischer Paß" statt „deutscher Paß". Es sind acht Tage her, da erhielt ich in Rußland meinen Paß wieder zurück mit dem Bemerken: „Jüdische Pässe visiere ich nicht, Sie müssen nach Warschau!" Ich hatte nach Warschau 6 Stunden Bahnfahrt, dort 11« Tage Aufenthalt, da Übernachten erforderlich ist, und wieder 10 Stunden Bahnfahrt zurück, da mein Reiseziel in ganz anderer Richtung lag. Um diese schwerwiegende Unannehmlichkeit und auch um Zeit und Geld zu sparen, begab ich mich selbst auf das Polizeibureau der betreffenden Stadt, konnte jedoch keinen anderen Bescheid erzielen, und es versagte auch das sonst erfolgreiche Mittel einer „Abgabe". Ich mußte nach Warschau, um dort ebenfalls erst zu hören: „Einen jüdischen Paß visiere ich nicht!", und ich erhielt ihn erst visiert, nachdem ich eine „freiwillige" Abgabe von 15 Rubel bezahlt hatte! Interpellationen des Jüdischen Klubs" Abg. Dr. Gabel hat an den Unterrichtsminister folgende Interpellation über das israelitisch-theologische Lehrinstitut in Lemberg eingebracht: Der galizische Landesausschuß wurde durch einen Landtags beschluß beauftragt, ein jüdisch-theologisches Seminar ins Leben zu rufen, dessen Budget durch Landessubventionen, durch Beiträge der Kultusgemeinden des Landes und Privater sowie durch staatliche Subventionierung gedeckt werden sollte. Da somit alle jüdischen Steuerträger zur Errichtung und Erhaltung der zu gründenden Anstalt beitragen sollen, wäre es recht und billig, daß die Anstalt den Juden ohne Unterschied ihres politischen Bekenntnisses und ihrer nationalen Gesinnung zur Verfügung stehe. Der Initiator dieser Anstalt, der zugleich im galizischen Landesschulrat das Referat über jüdische Schulangelegenheiten führt, Professor Dr. Sternbach, hat in einem Interview das in der Wochenschrift „Jednosc" vom 18. Oktober d. J. erschien, sowohl die Tendenzen der Anstalt als auch die ganze bei der Anstellung der Lehrkräfte und bei der Aufnahme der Hörer beabsichtigte Taktik der Schulleitung und der Gründer in einer Weise dargelegt, die allen Prinzipien der Lern- und Lehrfreiheit widerspricht und die Ziele der Anstalt von Grund aus verändert. Nach seiner Behauptung dient die Anstalt der Bekämpfung des Zionismus und wird so geleitet werden, daß Zionisten, weder als Lehrer aufgenommen noch als Hörer die Anstalt besuchen werden. Es werde von beiden beim Eintritt in die Anstalt ein offenes Bekenntnis zur polnischen Nationalität gefordert werden. Auch sei auf Jahre hinaus dafür gesorgt, daß die Majorität des Kuratoriums antizionistische und nationalpolnische Politik mit und in der Anstalt treibe. Die Anstalt, die der Heranbildung geeigneter jüdischer Lehrkräfte dienen und einem seit Jahren fühlbaren Mangel an jüdischen Lehrern abhelfen soll, bekommt durch die von Professor Sternbach angekündigte und propagierte Tendenz ein ganz anderes politisches Gepräge, das eine gedeihliche Entwicklung und die Erfüllung der in Aussicht genommenen ernsten Aufgaben nahezu ausschließt.

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