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Die Welt · 1907-11-22 · 47 (22.11.1907) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 47 15 Hilfsverein der deutschen Juden Der Hilfsverein der deutschen Juden hat gemeinsam mit dem Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. weitere 22 500 Francs an die Zentrale für die rumänische Hilfsaktion, die Israelitische Alliance in Wien, überwiesen. Eine Fortführung des Hilfswerks erweist sich leider noch als notwendig, da die wirtschaftlichen Folgeerscheinungen der Frühjahrsexzesse noch fortdauern, namentlich weil die Behörden mit rigorosen Ausweisungen nicht nachgelassen haben. Für das durch Brand,, sehr schwer heimgesuchte Nowodwor bei Warschau hat der Hilfsverein der deutschen Juden ein Darlehen von 10000 Mk. bewilligt, damit die Betroffenen möglichst rasch über die erste Zeit hinwegkommen und den Gewerbetreibenden und Handwerkern ausgeholfen werden kann. Deutsches Bureau der Alliance Israelite Universelle Das Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle hat beschlossen, eine Studienkommission nach Abessinienzu entsenden, zur Erforschung der wirtschaftlichen, sittlichen und gesellschaftlichen Lage der Falaschas in den verschiedenen Provinzen, wo das Vorkommen von solchen durch frühere Forschung festgestellt worden ist. Mit der Leitung der Expedition ist Herr Nah um beauftragt, Professor am Rabbinerseminar in Konstantinopel, der in der Schule für lebende orientalische Sprachen und in dem Rabbinerseminar von Paris seine Ausbildung erhalten hat. Unter den Begleitern des Herrn Nahum wird sich auch ein israelitischer Arzt befinden. NOTIZEN Israel in Ägypten Seit einiger Zeit werdenauf der oberägyptischen Insel Elephantine Ausgrabungen vorgenommen, die bereits wichtige Ausbeuten ergeben haben. Elephantine war im Altertum eine starke Qrenzfestung gegen die wilden Stämme Nubiens; jetzt weiß man, daß die fruchtbare Insel auch ein bedeutendes Kultur- und Religionszentrum war. Die bisher gemachten Funde stammen aus der Zeit der Perserkönige Xerxes, Artaxerxes und Darius, etwa 470 bis 440 v. Chr.; sie enthalten amtliche Berichte, Kaufvertrage, Gerichtsverhandlungen, Urteilssprüche, Inventar- und Erbschaftsverzeichnisse usw. Es geht aus ihnen auch hervor, daß auf der Insel wie in dem benachbarten Syene eine ansehnliche Kolonie Israeliten sich befand, die statt der hebräischen die aramäische Sprache angenommen hatten; die Dokumente zeigen die Religion der dortigen Israeliten, ihre Schrift, Sitten und Gewohnheiten, ihre Beziehungen zu den persischen Machthabern und zu der ägyptischen Bevölkerung. Der Name Jehova wird in den Dokumenten wiederholt genannt ohne jene Scheu, die ihm später gewidmet wurde; man schwur bei Jehova, aber auch bei Sati, der Göttin der Insel, wenn man einen Eid vor Gericht ablegen mußte. Die israelitische Gemeinde hatte sogar einen eigenen Tempel, über den freilich nichts Näheres mitgeteilt wurde. Doch konnte aus den bisherigen Ergebnissen der Nachforschungen der Professor Clermont - Ganneau, Mitglied des französischen Instituts, den Schluß ziehen, daß auf Elephantine noch viel mehr erforscht werden könnte, wenn man die Ausgrabungen nur in größerem Umfange betreiben würde, und er ruhte nicht eher, als bis zu der deutschen von Professor Rubensohn geleiteten Gesellschaft, die dort forscht, eine mit reichen Mitteln ausgestattete französische Gesellschaft trat, zu deren Leitung er selbst berufen wurde. Seine Erwartungen wurden nicht getäuscht; im Laufe des Frühjahrs machte er eine Reihe wichtiger Funde, und schließlich stieß er auf das jüdisch-aramäische Quartier selbst, in dem er zahlreiche Papyrustexte entdeckte. Wie er dem Temps berichtet, enthalten die Texte die geheime tägliche Korrespondenz zwischen den Israeliten von Elephantine und ihren Glaubens- und Stammesgenossen in Syene, und es kommen darin Namen vor, die uns bereits aus der Bibel und andern historischen Quellen bekannt sind. Auch der Name Jehova wird genannt, aber in einer orthographischen Form, die sonst nirgends gefunden wurde. Die französischen Gelehrten sind bereits eifrig mit der Entzifferung beschäftigt. Die Ausgrabungen mußten während der Sommerhitze eingestellt werden, doch werden sie in diesem Spätjahr wieder aufgenommen. Bei dieser Gelegenheit berichtet Professor Clermont-Ganneau auch über einen Fund, der in der unmittelbaren Nähe seines Grabfeldes von der deutschen Forschungsgesellschaft gemacht worden ist; es sind aramäisch-jüdische Papyrustexte, deren Entzifferung dem Berliner Professor Sachau übertragen worden ist. Über den Inhalt derselben macht Professor Clermont-Ganneau die folgenden Angaben: Das wichtigste Stück ist eine Bittschrift, die am 20. des Monats Marhesuan, im 17. Jahre der Regierung des Königs Darius (4Ö8 v. Chr.) an den Herrn Bagohi, persischer Gouverneur von Judäa, von Yedonyah und Genossen, Priester zu Elephantine, im Namen aller jüdischen Einwohner dieser Stadt gerichtet worden ist. Im Eingang der Bittschrift wird auf das Haupt des Gouverneurs aller Segen des „Gottes der Götter" herabgerufen und ihm der Wunsch ausgedrückt, er möge allezeit die Gunst des Königs Darius und seines Hauses genießen; dann berichten die Bittsteller die folgenden Tatsachen: Drei Jahre zuvor, in Abwesenheit des ägyptischen Satrapen Arsani, der zum König berufen worden war, erwirkten die ägyptischen Priester des Gottes Khnum in Elephantine durch Bestechung des lokalen Gouverneurs Uidrang einen Befehl an den Militärkommandanten von Syene, er solle den Tempel Jehovas, der sich in Elephantine erhob, zerstören. Dieser Tempel, erzählen die Bittsteller, sei ehemals von ihren Vätern erbaut worden; er habe schon zur Zeit der Eroberung Ägyptens durch Kambyses bestanden. Dieser habe ihn respektiert, während er alle ägyptischen Tempel zerstörte. Die Bittsteller schildern den Tempel als mächtiges Gebäude, ganz aus behauenen Steinen errichtet, mit sieben monumentalen Toren, steinernen Säulen und einem Dach von Zedernholz. Der Befehl Uidrangs wurde unbarmherzig ausgeführt; die Soldaten, von zahlreichen Ägyptern unterstützt, demolierten das ehrwürdige Heiligtum, zerbrachen und verbrannten alles, was es enthielt, während sie die Kostbarkeiten, die goldenen und silbernen Gefäße, raubten und fortschleppten. Die ganze jüdische Bevölkerung von Elephantine war in tiefes Leid gestürzt; Männer, Frauen und Kinder trauerten, wehklagten, fasteten und riefen Joheva, den Gott der Götter, an. Einige Zeit darauf fiel der Gouverneur Uidrang in Ungnade und nahm ein tragisches Ende; die Ausführer wurden alle, zur gerechten Sühne ihres Frevels, getötet. Trotzdem haben die Bittsteller bis auf diesen Tag, obgleich sie viele Schritte unternahmen, die Erlaubnis nicht erhalten, ihren Tempel wieder aufzubauen, so daß sie seit drei Jahren ihre Trauer nicht ablegten, weil sie ihre rituellen Gaben, ihre Räucherungen und Blutopfer auf dem Altare Jehovas, des Gottes der Götter, nicht mehr ausführen konnten. Vergebens haben sie sofort nach der Katastrophe eine Bittschrift an Bagohi selbst, den Gouverneur von Judäa, ferner an Yehohanan, den Hohepriester in Jerusalem, an die andern Priester, seine Kollegen sowie an seinen Bruder Ostan Anani und an die Fürsten der Juden in Judäa gerichtet: ihre Bitten und Klagen sind ohne Antwort geblieben. Daher kommen sie jetzt abermals und bitten Bagohi, er möge ihnen gestatten, den Tempel Jehovas so wie er früher war wieder zu errichten. Als Dank für diese Gunst erbieten sie sich, für Bagohi Opfer an Jehova darzubringen auf dem wiedererbauten Altar, und in der Erwartung, daß dies geschehen werde versprechen sie, daß alle Juden von Elephantine, Männer, Frauen, und Kinder, nicht aufhören werden, für Bagohi zu beten. Außerdem geben sie ihm zu verstehen, daß er auch seinen materiellen Vorteil dabei finden werde; die für ihn veranstalteten Opferspenden werden mindestens tausend Silbertalente einbringen, abgesehen von der Goldspende, von der er bereits Mitteilung erhalten haben müsse. (Man sieht, das orientalische Bakschisch ist sehr alt.) Zum Schluß bemerken die Bittsteller, sie hätten die Tatsachen auch zur Kenntnis von Delayah und Chelamyah, Söhne des Sanaballat, Gouverneurs von Samaria gebracht, während der Satrap Aesafn, der zu Darius berufen war, noch nicht davon unterrichtet sei. Ein zweiter Papyrus enthält dieselbe Bittschrift; die Israeliten von Elephantine scheinen also nicht bloß eine Abschrift des Aktenstücks, sondern auch den Entwurf, das Brouillon, behalten und gut verwahrt zu haben. Ein dritter Papyrus endlich enthält eine kurze Notiz, aus der hervorgeht, daß dank der Intervention Bagohis und Delayahs die gestellte Bitte gewährt, der Tempel aufgebaut und der Dienst Jehovas wieder hergestellt worden ist. Das ist Tatsache, denn andere Papyrusstücke stellen fest, was der Wiederaufbau gekostet hat. „Es ist unnötig," schreibt dazu Prof. Clermont-Ganneau, „die Wichtigkeit dieser Funde noch besonders hervorzuheben. Das Dokument belebt vor unseren Augen historische Persönlichkeiten erster Ordnung. Yehohanan, der Hoheprister von Jerusalem, und Sannaballat, der persische Gouverneur von Sarnarien, werden in der Bibel erwähnt; Bagohi, der Gouverneur von Judäa, ist uns durch Flavius Josephus bekannt, der seinen Namen in der griechischen Form Bagoas gibt. Die Bittschrift, ist ein authentisches Dokument und gleichzeitig mit Ereignissen, die das Buch Nehemia schildert. Ich kann hier nicht ausführen, was alles es uns lehrt, was es bekräftigt und — was es entkräftet in dem, was wir über die jüdische Geschichte zu wissen glauben. Ich will heute nur einen Punkt betonen: Wir haben jetzt die Gewißheit, daß auf der Insel Elephantine ein jüdischer Tempel stand, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach in dem jüdischen Quartier, dessen Lage und

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