Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Ministerrat verworfen. Der Vorschlag ist nicht neu, er wurde schon im vorigen Jahre vom Ackerbauminister Fürsten Wassiltschikow gemacht. Die Juden frage wird auch den Gegenstand einer Interpellation bilden, welche, wie ich höre, von Seiten der Rechten in kurzer Frist eingebracht werden soll, und auf deren Beantwortung sich die Regierung jetzt vorbereitet. Die Interpellation fragt, warum am Polytechnikum Kiew jüdische Studenten über die Norm aufgenommen worden sind. Diese Interpellation wird Stolypin selbst beantworten. Er will darlegen, daß die Aufnahme auf direkte Verfügung des bereits verabschiedeten Gehilfen des Handelsministers, Stoff, stattgefunden hat, und die Regierung ungerecht handeln müßte, wenn sie die über die Norm aufgenommenen Juden entfernen wollte. Rumänische Pogromhelden Wir berichteten jüngst, daß auf Veranlassung des Königs Carol der Soldatenschinder Colonel Marasescu, der in Dorohoi jüdische Soldaten halbtot geprügelt hatte, zur Verantwortung gezogen werden sollte. Das Kriegsgericht gegen ihn hat jetzt getagt und hat ihn freigesprochen, nachdem der Staatsanwalt seine Verteidigung so glänzend geführt hatte, daß der Verteidiger aufs Wort verzichten konnte. Ausdrücklich betonte dieser Hüter der Gesetze, daß es nicht angehe, den Juden zuliebe einen hohen Offizier zu verurteilen. Es scheint, daß das Wort des Königs in Rumänien nichts gilt oder daß die Richter gewußt haben, daß es nicht so ernst gemeint war. Ein neues Qesetz gegen die Juden ist jetzt in Vorbereitung. In den Dörfern und Marktflecken sollen demnach die Gasthäuser verstaatlicht werden. Inhaber dürfen nur Angehörige der rumänischen Nation werden. Die bisher bestehenden Gastwirtschaften, die größtenteils in jüdischen Händen sind, sollen aufgehoben werden. Damit stehen Hunderte jüdischer Existenzen vor dem Ruine. Antisemitismus auf der Kanzel Aus dem Odenwald, 14. Novbr. In unserer in politischer Beziehung sonst ziemlich ruhigen Gebirgslandschaft ist neuerdings eine starke Erregung zu verzeichnen. Die Ursache davon sind die Antisemiten, die sich hierzulande als „Christlich-Soziale" einführen und die Leichtgläubigen über ihre wahren Absichten zu täuschen suchen. Jüngst wandten sie sich in einem Zirkular an die evangelischen Pfarrämter und baten um Förderung ihrer Bestrebungen. Daß sie nicht erfolglos operieren, lehrt die Erfahrung. So wurden im letzten Sonntagsgottesdienst in einer Ortschaft des vorderen Odenwaldes von der Kanzel herab die Anwesenden in warmen Worten zum Besuche einer Antisemitenversammlung aufgefordert. Die liberalen Gemeindemitglieder sind über diesen Mißbrauch der Kanzel sehr verstimmt und stellen Beschwerde an zuständiger Stelle in Aussicht. Vom Verband der Deutschen Juden Vom Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden wird uns mitgeteilt: Wie wir aus Braunschweig erfahren, ist dort zum erstenmale ein jüdischer Notar ernannt, und zwar in der Person des Justizrats Heymann. Inwieweit dies mit einer vom Verband der Deutschen Juden am 11. Juli 1907 an die herzogliche Regierung gerichtete Vorstellung in Verbindung steht, entzieht sich unserer Beurteilung. Die Konsistorialwahlen in Frankreich Am 10. November haben in ganz Frankreich die Wahlen zum Konsistorium stattgefunden. Früher nahm die jüdische Bevölkerung Frankreichs nur in sehr geringem Maße Anteil an der Wahl; die diesjährigen Wahlen erlangten indessen durch den Umstand, daß sie die ersten Wahlen nach Erlaß des Trennungsgesetzes sind, erheblich größere Bedeutung. Früher bestand das Konsistorium aus insgesamt 12 Mitgliedern, einem für jede Provinz einschließlich Algier. Jetzt ist dieser Modus geändert worden Nunmehr entsendet jede jüdische Gemeinde nach dem Verhältnis ihrer Stärke Delegierte ins Konsistorium, dem aber höchstens 200 Mitglieder angehören dürfen. Es ist klar, daß ein solches Parlament erheblich mehr Interesse erweckt, als die frühere aristokratische Körperschaft, diesmal war daher zum ersten Male auch so etwas w>e ein Wahlkampf zu verspüren. Die meisten jüdischen Gemeinden Frankreichs haben sich dem Konsistorium unterworfen, nach dem Gesetz steht es ihnen bekanntlich frei, sich zu Kultusverbänden zusammenzuschließen oder nicht. Die famose Reformbewegung hat also trotz des Tamtams, mit dem sie eingeleitet wird und der liberale Blätter veranlaßt, in ihr den Anfang einer Erlösung des Judentums zu sehen, recht wenig Erfolg gehabt. In Paris beteiligten sich an der Wahl nur 3221 Wähler, für «ine so große Gemeinde eine verhältmäßig geringe Zahl. Gewählt »wurden Baron Gustave von Rothschild, Narcisse Leven, Henri Aron, Albert Levy, Masse, Rene Dreyfuß, Helbronner, Eugen See und Alfred Neymarck. Unter der Aliensakt Wir lesen im jüngsten offiziellen Bericht über die Verhandlungen des Berufungsgerichtes für die Zulassung fremder Einwanderer: Salomon Weiß aus Tschernigow verließ Rußland, um dem Militärdienst zu entgehen, zu dem er von der Behörde widerrechtlich gepreßt werden sollte. Er hatte zwar die erforderlichen £ 5 in seinem Besitz, konnte indessen nicht nachweisen, daß er sofort eine Anstellung finden würde. Obgleich ein Freund, der bereits in London wohnte, zu seinen Gunsten eintrat, entschied das Gericht, daß der Einwanderer nach Rußland zurückzubefördern sei. Es ist überflüssig, unserseits hinzuzufügen, welches Schicksal ihn in seinem „Vaterlande" erwartet. Die englische Regierung und die persischen Juden Auf der jüngsten Versammlung der Anglo Jewish Association wurde ein Telegrammwechsel verlesen, den der Vorstand dieser Vereinigung mit dem englischen Ministerium des. Äußeren in Sachen der persischen Juden gehabt hat. Nachdem die englische Regierung schon bei früherer Gelegenheit für den Schutz der persischen Juden eingetreten war, hatte die Anglo Jewish Association die Aufmerksamkeit des englischen Ministeriums des Äußeren auf die Zuständein Kermanschahin Persien gelenkt, wonach bei der Alliance Israelite Universelle in Paris eingetroffenen Nachrichten, die Allianceschuleund die jüdische Gemeinde in Gefahr war. Vom Ministeriuni wurde darauf die Antwort zuteil, daß es den Geschäftsträger der englischen Regierung in Teheran beauftragt habe, gemeinsam mit den Organen der französischen Regierung (deren Intervention die Alliance angerufen hatte) den Schutz der Juden in Kermanschah zu übernehmen. Die Orientreise Dr. Nathans Unser Korrespondent schreibt uns aus Aleppo: Am 19. Okt. kam Herr Dr. Nathan in Begleitung des Herrn Dr. Mittwoch hier an und wurde von den Vorstehern der Gemeinde, an ihrer Spitze dem Großkaufmann Rafael Silvera, feierlich empfangen. Dr. Nathan besichtigte alle Gemeindeanstalten, insbesondere die alte große Synagoge, die angeblich noch zur Zeit des zweiten Tempels erbaut worden ist. Hierauf machte er dem Haham Jakob Davich Hakohen einen Besuch und versprach diesem, die Errichtung einer Handwerkerschule in Aleppo seitens des Hilfsvereins in die Wege zu leiten. Eine solche Schule tut dort dringend not. Nachher machten die Reisenden in Begleitung des Gemeinderates auch dem Kadi ihre Aufwartung, wo sie sehr freundlich aufgenommen wurden. Arn andern Tage traten die beiden Herren die Weiterreise nach Palmyra und Damaskus an. Hungersnot in Anatolien und Syrien Seit Wochen herrscht in den kleinasiatischen Provinzen der Türkei eine Lebensmittelkrise, die nach den neuesten Nachrichten einen immer ernsteren Charakter annimmt. Im Wilajet Wan, wo infolge des Getreidemangels beinahe eine Hungersnot herrscht, richtete die Bevölkerung an die Lokalbehörden dringende Hilferufe. Die angeordnete Einführung von Getreide wird durch große Schneefälle, die die Gebirgsstraßen unwegsam machen, behindert. Im Wilajet Bitlis, das von Getreide beinahe gänzlich entblößt ist, forderten der armenisch-katholische Bischof und der armenisch-gregorianische Patriarchatsvertreter sofortige Unterstützung bisher jedoch ohne Erfolg. Auch in den Wilajeten Erserum, Kharput und Diarbekr verschlimmert sich die Lage beständig. In Aleppo plünderte die Bevölkerung die Mehllager und Bäckereien, in Beirut auf dem Bahnhofe die Getreidewaggotis. In ganz Syrien hat der Notstand große Erregung erzeugt. Auch in den europäischen Provinzen herrscht großer Getreidemangel. Die Landwirtschaftliche Bank kaufte 90000 Doppelzentner Saatgetreide zum Verkauf an die Landwirte zu herabgesetzten Preisen an. Hilfe für die Abgebrannten Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat gemeinsam mit dem Frankfurtei „Hilfskomitee für die notleidenden europäischen Juden" für die durch Brand heimgesuchte Stadt Schwanez 50O0 und für Maisad, das abermals von einer Brandkatastrophe beroffen worden ist, weitere 1000 Mark überwiesen.