Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 DIE^ELT No. 47 Er gurgelte die Worte wie aus unermeßlichen Tiefen — es war die Stimme der Verzweiflung! Nun konnte er sich aber auf diesem Niveau nicht halten und kaum hatte er das Wort „Klassenkampf" ausgesprochen, da geriet er auf eine abschüssige Bahn. Der Klassenkampf beherrscht die Gegenwart und - die Geschichte . . . Da war es aus! Er wurde fast ebenso wissenschaftlich und unbeholfen wie die früheren Redner. Das Puklikurn begann zu murren. Die Lage war bedenklich. Inzwischen lief Pietrek, der Getreue, wie ein Besessener durch die erste, die zweite und die dritte Straße, das „ Volk*; suchend. Erst nach zehn bis fünfzehn Minuten entdeckte er die Leute bei einem Auflauf auf einem Platz — sein „Volk": die guten Bekannten, die zeitungsverkaufenden Bürschchen, die älteren, erprobten Schreier. „Um Himmelswillen! Sofort zum Meeting und hinter Janek!" Er lief selbst voran. Er kam müde, abgehetzt und rief Janek zu : Das „Volk" kommt gleich! Aber er hatte in der Aufregung die Wrorte so laut ausgesprochen, daß viele auflachen mußten. Die allgemeine Heiterkeit brach mit aller Gewalt aus, als nach einigen Minuten die Gefolgschaft hereingestürzt kam. Diesmal war es aus. IX. Der französische Direktor Es war beschlossen: von dieser Gesellschaft muß man eine hübsche Summe bekommen. Eine anonyme Gesellschaft, wer kennt die Aktionäre? Man erkundigte sich nach dem Direktor. Mit großer A4ühe wurde die Adresse ausfindig gemacht. Er wohnte in einem großen, in dem größten Hotel der Stadt. Die Deputation begab sich zu ihm. Sie begegnete ihm auf der Hoteltreppe: ein Kraftkerl mit spitzem Bart und Pariser Chik. Als sie ihn in der Landessprache anredete, sagte er, er spreche nur französisch. Zum Glück war in der Deputation auch ein jüdischer Jüngling, der in Paris studiert hatte. Der junge Mann begann also französisch: Wir, die Abgesandten der 'S. D., der P. P. S. usw. — es war eine ganze Reihe von Initialen — für Parteizwecke, für den großen Kampf usw. — Hm, sehr anerkennenswert von Ihnen. Aber meine guten Herren, warum verschwenden Sie denn so viele Worte? Sagen Sie mir kurz, worauf Sie hinauswollen! Sie kommen zu uns als Gesinnungsgenossen? Am Kopfe unserer Drucksachen bezeichnen wir uns als Aktiengesellschaft. Welcher Partei gehören Sie denn eigentlich an? Der Sprecher erwiderte: Wir sind S. D., — und wir kommen zu Ihnen, um Sie in Ihrer Eigenschaft als Direktor zu bitten .. . Sie müssen uns die Summe von . .. - Oho! — entgegnete der Eranzose, halb belustigt, halb ärgerlich die Achseln zuckend, — Geld geben? Ich? Fällt mir gar nicht ein! Sie scheinen mangelhaft über mich unterrichtet zu sein. Ihr seid S. D.? Aber meine guten Freunde, — diese rückständige, veraltete Theorie! Wie, schämt ihr euch nicht? Wisst ihr, wer ich bin? Ein Schüler von Reclus! Ein überzeugter Anarchist! Die Deputation war verlegen. Der jüdische Sprecher rang verzweifelt mit Hilfe seines französischen Wortschatzes. Aber die Geschichte war zu dumm und der Kampf ungleich. Der schauderhaft gescheite Franzose war weder einzuschüchtern, noch zu überzeugen. Die Deputation stieg unverrichteterweise die Hoteltreppe herunter. Es schüttete sich auf ihre Köpfe ein Strom von Reclus-Theorien. Als sie schon ganz unten waren, kam der Reclus- Jünger lachend nach und reichte ihnen zum Abschied eine kleine Summe — so, aus Liebenswürdigkeit. Ein schrecklicher Kerl war das! O O O O O Ü o oooooooj AUS DER BEWEGUNG f o o o o o o o ^ooooooo Der Präsident des Aktionskomitees, Herr David Wolffsohn, weilte mit dem Präsidenten der Jüdischen Kolonialbank, Herrn Dr. Katzenelsohn, drei Wochen in Konstantinopel, um dort die Vorbereitungen für die Eröffnung einer Bankfiliale zu treffen. Binnen kurzem wird das Direktorium der Jüdischen Kolonialbank zu einer Sitzung zusammentreten, um die endgültige Lösung dieser Angelegenheit in Angriff zu nehmen. Herr Wolffsohn mußte infolge des plötzlichen Todes der Frau Dr. Herzl seinen Aufenthalt in Konstantinopel abbrechen, um in Wien die Angelegenheiten der Kinder Herzls, deren Vormund er ist, zu ordnen. Ende dieser Woche wird Herr Wolffsohn wieder in Köln eintreffen und der Sitzung des Engeren Aktionskomitees, die am Sonntag den 24. ds. Mts. in Köln stattfinden wird, über seine Tätigkeit in Konstantinopel Bericht erstatten. Deutschland Coethen: Am Donnerstag den 31. Oktober d. J., hielt der akad.-zionistische Verein „Tchioh" seine Antrittsversarnmlung ab, in welcher Herr Rechtsanwalt Dr. Ascher und Herr Kantor Blitz Vorträge hielten. Die zu dieser Versammlung eingeladenen jüdischen Bürger Coethens waren zahlreich erschienen. Der eigentliche Zweck der Versammlung war, am Orte eine zionistische Ortsgruppe zu bilden. Herr Blitz faßte die Sache auch richtig an. Er setzte sich zunächst mit hiesigen maßgebenden Kreisen in Verbindung und verstand, diese für den Zionismus und Übernahme der Leitung zu gewinnen. Hierauf fand jene Versammlung statt. In dieser Versammlung waren auch die Vorstandsmitglieder der Dessauer Zionistischen Ortsgruppe erschienen. In seinem Referate wies Herr Dr. Ascher darauf hin, wie die ganze jüdische Geschichte eine Tendenz zur Konzentration zeigt, woraus sich der Zionismus von selbst ergeben muß. Hierauf sprach Herr Kantor Blitz über den VIII.Zionistenkongreß. In einerglänzenden, hinreißenden Sprache entwickelte er die zionistische Idee so überzeugend, daß er die ganze Versammlung gewann. 35 Personen meldeten ihren Beitritt zur Ortsgruppe. In den Vorstand wurden gewählt: Fr. Dr. Seligkowitz. Fr. Marcus und Herr Levinsohn. Die Dessauer Herren haben auch in Zerbst einen Propagandaabend veranstaltet, und auch mit Erfolg.