Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Schwierigkeit, der der „Bezalel" sein Hauptaugenmerk werde zuwenden müssen, bestehe darin, daß für die Produkte auch der entsprechende Absatz gefunden werde, zumal der Haupterwerbszweig, die Teppichweberei, im Orient zu billigsten Preisen in qualifiziertester Arbeit betrieben werde. Was den Nationalfonds betrifft, so dürfe er bekanntlich seine Erwerbungen nicht veräußern. Er müße den Boden verpachten. Zu diesem Behufe aber muß der Boden, damit sich jüdische Pächter finden, entsprechend vorbereitet sein. Die zweckdienlichen Einrichtungen dafür zu treffen, werde eine der nächsten Aufgaben der N.-F.-Verwaltung sein müssen. Auf allen Gebieten in Palästina — fährt Referent fort — ist noch viel zu tun übrig. Es ist, rein kaufmännisch gesprochen, so viel Geld in Palästina zu verdienen, wie kaum irgendwo in Europa, und das sowohl bei landwirtschaftlichen Unternehmungen als auf dem Gebiete des Verkehrswesens (z. B. Errichtung von Kleinbahnen) und des Handels (z. B. des Getreidehandels, der jetzt ausschließlich von Arabern betrieben wird). Natürlich sei unausgesetzte, rationelle Betätigung aller Kräfte die Voraussetzung für jeden Erfolg, denn — so möchte Referent seine Ausführungen zusammenfassen — es wäre verhängnisvoll, auch nur einen Moment zu vergessen, daß uns Palästina nicht als Geschenk in den Schoß fallen kann. An das Referat, das mit lebhaften Beifall aufgenommen wurde, schloß sich eine Diskusion, die dem Referenten Gelegenheit gab, einige Fragen, die Rechtsanwalt Hantke, Dr. Israel Auerbach u. a. stellten, zu beantworten. Nachdem noch Herr Horodistsch über die Aufgaben einer planmäßigen palästinensischen Tätigkeit seine Ansichten entwickelt hatte, wurde die Versammlung in vorgerückter Stunde geschlossen. O ff □□□□□□ Q o V- O FEUILLETON □ □□□□□)) O ----JJ o ROTE STRAHLEN Von N. SOKOLOW VII. Vor einem Palast In flüchtig auftauchenden, rasch wechselnden Bildern entfaltete sich der gewaltige Demonstrationszug die Marschallstraße in W. entlang. Wie ein mächtiger, reißender Strom ergoß sich die brausende, von Begeisterung durchglühte Menschenmasse. Das Freiheitsmanifest hatte alles außer Rand und Band gebracht. Alle Fesseln gesprengt, alles Unrecht auf Erden beseitigt — in einem Atemzuge . . . Vorwärts ging die jubilierende Menge auf der langen, graden Straße. Viele Beobachter, die, als die Menge nur von der Ferne zu sehen war, die Köpfe schüttelten und miteinander in ernstem, gedämpftem Tone flüsterten, wurden, als der Zug herankam, auch mit hineingerissen. Der Zug war an dem Straßenende angelangt. Dort stuht ein luxuriös ausgestatteter, solider Bau, eine Wohnstätte des Reichtums, verschlossen, grabstill, die strotzende Kraft in wohlanständiger, bescheidener Friedlichkeit bergend. Als die Spitze des Zuges hart vor diesem Palaste vorbeischritt, öffnete sich die Seitentür eines langen Korridors und ein alter Mann stürzte heraus. Sein Gesicht war aschgrau, glatt rasiert; seine Augen wie zum Spähen geschaffen; die Gestalt etwas gebückt und nach vorn gerichtet; die Fuße hatten die eigentümliche Biegung, die das lange, leise Treten verleiht. Er war in Livree gekleidet. Einer derjenigen, die ein Leben von Ducken und Dienen, furchtsamem Flüstern und knechtlichem Kriechen hinter sich haben. Er stürzte auf einen der ersten Fahnenträger zu und niederknieend ergriff er seine Hand und küßte sie. Im Nu huschte er wieder fort und verschwand im Palast. VIII. Das „Volk" Ein Redner hatte die „Weltanschauung" der Minorität eines Bruchteiles der „fortschrittlichen Demokratie" unter den Gesichtspunkten des „historischen Materialismus", der Darwinschen Entwicklungstheorie und des Nietzscheanischen Ichmenschentums unter häufiger Anführung pathetischer Stellen aus Minkiewiczs „Dziady" — „klargelegt". Doch war die Rede zu lang und klang so gelehrt, daß die Wenigsten sie begriffen. Sie hatte einen Teil des Publikums verscheucht. Es bestieg dann ein Vertreter der „National-Fortschrittlichen" die Tribüne. Diesmal paßte die überschwengliche Sprache nicht zu der Stimme, die wie ein geplatzter Blasebalg klang. Der Redner wiegte sich zwar in der süßen Einbildung, das Publikum hinzureißen, und betonte zu diesem Zwecke besonders das Wort „unser" — unser Land, unser Wesen. Aber es machte diesmal keinen Eindruck. Nun bot sich unserem feuersprühenden Proletarier- Demosthenes die Gelegenheit, das Massenmeeting zu einem wirksamen Abschlüsse zu bringen. Janek mit dem gelben Gesicht und den schwarzen Glotzaugen schwenkte sein Signal. Bald stand er hochaufgerichtet, mit der Geste eines Triumphators auf der Tribüne. Hinter ihm pflanzte sich, wie gewöhnlich, Pietrek auf, der Getreue, das Faktotum der Partei. Das Publikum sperrte Mund und Nase auf. — Weg mit den Phrasen der Satten, weg mit den Traditionen und dem Hokus-Pokus! Was sollen diese Faxen? Die Brotfrage! Die Proletarier! Schaut her..... Er blieb stehen. Er war gewohnt, diesen Satz folgendermaßen zu schließen : Schaut her .... hinter mir steht das Volk! — Das war auch wirklich immer der Fall. Janek war immer der Mittelpunkt einer Schar von Leuten, die sich hinter ihm, als er redete, aufstellte und deren Anblick sein Wort bestätigte. Nun war aber diesmal kein Mensch außer Pietrek hinter ihm. Er wandte sich zu Pietrek um und raunte ihm in einem flüsternd-befehlerischen Tone zu : Pietrek, sofort das Volk herholen! Dann wandte er sich zum Publikum, wischte sich mit dem Taschentuch den kalten Schweiß von der Stirn und begann einen neuen Satz: Wenn man nichts zu essen hat, da gilt keine Freiheit — und alles das ist das Werk der Blutsauger,