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Die Welt · 1907-11-22 · 47 (22.11.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE3MELT No. 47 der möglichen zukünftigen Entwicklung Palästinas. Dr. Ruppin erklärte zunächst, im kurzen Rahmen eines Vortrags nur das Wesentlichste in großen Linien skizzieren zu können. Über die bisherige Geschichte der Kolonien, die er als bekannt voraussetzt, äußert sich der Vortragende ganz kurz. Er verweist auf die bereits öfters hervorgehobenen Fehler dieser ersten Kolonisation, insbesondere auf die schädliche Einseitigkeit, die in der fast ausschließlichen Anlage von Rebenkulturen lag, und auf den Grundmangel, daß kein schollenständiger Bauernstand geschaffen wurde. — Auf den gegenwärtigen Stand der Kolonien übergehend, möchte Referent der Kolonie Ekron als der relativ besten den Preis geben. Im allgemeinen beginne in neuerer Zeit allmählich ein erfreulicher Unternehmungsgeist in den Kolonien rege zu werden. Dr. Ruppin verweist u.a. auf den interessanten Versuch der Straußenzucht in Rischon Lezion. Eine Anzahl Strauße wurde in Rischon während des Frühjahrs in fürsorglichster Weise (die Kolonisten schliefen nachts mit den Straußen zusammen) aufgezogen, und sie entwickelten sich in geradezu überraschender Weise. Wenn die Strauße den Winter gut überstehen werden, kann man den Versuch als gelungen betrachten und dann eventuell an die Errichtung größerer Straußenfarmen schreiten. Man erneuerte ferner mit Erfolg die Versuche der Baumwoll-Anpflanzung, und hat auch die Zuckerrübenkultur zu erproben begonnen. Dem Drange nach Selbstverwaltung und Selbstbestimmung entsprang die Übernahme der Kellereiverwaltung durch die Kolonisten, deren gute Früchte sich schon in diesem Jahre zeigten, wo der Absatz des Weines ein wesentlich besserer ist. Überdies habe auch durch die Einrichtung neuer Kellereien seitens der Kolonisten die Produktion eine zweckdienliche Förderung erfahren. Referent kommt dann auf das öffentliche Leben in den Kolonien zu sprechen. Er rühmt die politische Freiheit, deren sich die Kolonisten erfreuen. Man könne sich in dieser Hinsicht nicht leicht irgendwo besser fühlen. In Pethach-Tikwah z. B. sei seit Jahren kein türkischer Beamter gewesen. Vieles, was sonst von Staatswegen als öffentliche Einrichtung geschaffen wird, haben die Juden dort selbständig ins Leben gerufen: z. B, ein eigenes Gericht, bestehend aus 9 Personen, ein Grundbuch, das zwar nicht staatlich, aber von den Kolonisten als verbindlich anerkannt wird. Auch ein „Notariat" wurde eingerichtet, das vom Rabbiner geleitet wird. Pethach-Tikwah ist übrigens auch das Zentrum der Arbeiterorganisationen „Poalei-Zion" und „Hapoel Hazoir" mit je ca. 200 Mitgliedern. Der durchschnittliche Arbeitslohn — bemerkt der Vortragende nebenbei — von täglich 1 Frc. 70 cts. reicht für die palästinensischen Bedürfnisse aus. Das gesellschaftliche Leben sei natürlich im allgemeinen recht einfach. Indessen fehlte es nicht an allerhand Vergnügungen, die einen gesunden ländlichen Charakter haben. Für die Bequemlichkeit des Verkehrs zwischen den Kolonien habe man erst neuerdings Vorsorge zu treffen begonnen. In einzelnen Kolonien wurden in jüngster Zeit Hotels gebaut, von denen die in Rischon Lezion und Pethach-Tikwah einfachen Anforderungen gut entsprechen und deswegen auch schon von Touristen aufgesucht werden. Redner spricht dann von der Entwicklung des Hebräischen als Umgangssprache, die in manchen Kolonien so weit vorgeschritten sei, daß man auf den Straßen fast nur hebräisch sprechen höre. Von den Schattenseiten im Leben der Kolonien sei eine der beklagenswertesten die mangelnde Bodenständigkeit der Kolonisten. Die jungen Männer wandern — angeblich wegen der geringen wirtschaftlichen Aussichten, die ihnen die bisher vorwiegende Rebenkultur biete — in starkem Prozentsatz aus, und viele junge Mädchen folgen ihnen nach. Wäre die Auswanderung eine derartige wie die der Araber, die übers Meer gehen, dort ein Sümmchen erarbeiten und sich dann für immer in Palästina ansiedeln, so könnte man natürlich nichts dagegen haben. Hoffentlich werde das in Zukunft so werden. Zusammenfassend erklärt der Referent, daß die Kolonien sich im allgemeinen in den letzten Jahren in aufsteigender Linie entwickeln, was mit durch die guten Ernten bewirkt wurde, indessen sei noch immer vieles der Besserung fähig. Auf die Städte übergehend, bemerkt Referent, daß auch sie, vor allem dank den Kolonien, einen beträchtlichen Aufschwung genommen haben, zum zweiten infolge der gesteigerten Einwanderung aus Osteuropa. Diese Einwanderung sei natürlich nicht immer eine solche, die man als „erwünschte" bezeichnet. Man sage in Palästina: 50°/<> der Leute kämen nach dem Lande der Väter, umzuarbeiten, 50° o, um dazu sterben. In den Städten hat sich nun auch die Industrie zu entwickeln begonnen: Maschinen-, Öl-, Seifenfabriken, Ledergerbereien usw. seien entstanden. Die allgemeine Ansicht gehe dahin, daß sich die wirtschaftliche Lage in den Städten gebessert hat. Übrigens sind in die Städte auch viele Einwanderer aus Asien gekommen. Die interessantesten von ihnen sind die Jemeniten, die aus Südarabien einwandern. Sie sind sehr fromm, sprechen zumeist Arabisch, verstehen aber ganz gut Hebräisch und sind vor allem ganz ausgezeichnete Arbeiter, die als einzige mit den arabischen Steinhauern, Lastträgern etc. konkurrieren und bei ihrer Anspruchslosigkeit mit 30—40 Frcs. monatlich ihr Auskommen finden. Ihre Häuser nageln sie sich aus Brettern von Holzkisten zusammen und verwenden für die Dächer das Blech der Petroleumbehälter, die aus Rußland stammen. Sie können viele Arbeit leisten, zu. denen die Juden aus Osteuropa noch nicht befähigt sind, und werden sich insbesondere in der Landwirtschaft, zii der sie hoffentlich bald in größerer Zahl kommen, außerordentlich bewähren. Außer den ca. 4000 Jemeniten sind noch die Juden aus Buchara zu erwähnen, die, meist vermögend, sich in Jerusalem Häuser bauen, um zeitweilig wieder nach Buchara zurückzukehren, manchmal aber ihre Familien zurücklassen. Sie sind also ein fluktuierendes Element, aber für Palästina doch bedeutungsvoll. Ihr Stadtteil zeichnet sich durch Geschmack und Ansehnlichkeit aus, im Gegensatz zu den Ansiedlungen der osteuropäischen Juden, die leider viel zu wünschen übrig lassen, besonders wenn man sie mit den schmucken Niederlassungen der deutschen Kolonisten vergleicht. Es ist daher mit Freuden zu begrüßen, daß sich jetzt unter Beteiligung des Nationalfonds in Jaffa eine Gesell schaft für Häuserbau gegründet hat, — Abgesehen von den bucharischen Juden gibt es noch Einwanderer aus Persien, aus Aleppo und sonst aus Vorderasien, ein Zuzug, der sicherlich wert voll ist. Nicht berührt von der Einwanderung ist Galiläa. Referen' schildert den traurigen Zustand der jüdischen Gemeinden vor Tiberias und Safed. In das erstarrte, arme Leben von Tiberiahaben jetzt die nahen Kolonien einigermaßen einen neuen Zwl gebracht, Safed aber liegt ganz darnieder. Die Gründung eine Filiale der Anglo-Palestine Company in einer dieser Städte würd' sehr segensvoll wirken. Sonst gebe es noch verstreut im Lande jüdische „Pioniere", hi Jericho z. B. lebt ein einziger Jude, der ein Stück Sjiflik-Lami (Eigentum des Sultans) bewirtschaftet. Ein Segelschiff von 2 * Tonnen Gehalt, das auf dem Toten Meer Frachtverkehr vermittel-, gehört auch einem Juden. Redner spricht sodann davon, was in nächster Zukunft nac < seiner Meinung zu unternehmen wäre. Er berührt kurz die bekannt' gute Entwickelung der Anglo-Palestine Company, die sie i noch durch Begründung weiterer Filialen steigern werde. D< r „Bezalel", der hoffentlich gute Resultate zeitigen werde, stehe noch im Anfang und habe natürlich große Schwierigkeiten zu überwinder:, die vor allem darin liegen, daß der „Bezalel" erst die Industrie!! zu schaffen habe, die später Beschäftigung geben sollen. Es schwer, gleichzeitig eine Schule zu führen und sozusagen eine Industrie aus dem Boden zu stampfen. Hoffentlich aber werde mit der Zeit eine Lösung der beiden Aufgaben gelingen. Eine weitere

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