Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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;\0. 47 DIE ELT Was wird binnen kurzem geschehen? Die Kadetten werden abwarten. Miliukow-Kunktator ist dieser Rolle gewachsen. Der letzte Helsingforser Kongreß hat diese Politik bestätigt, d. h. aus der Not eine Tugend gemacht. Jedenfalls werden die Kadetten mit der Judenfrage nicht herausrücken. Die Sozialdemokraten verfügen nicht über die notwendige Stimmenzahl für einen Initiativantrag, obwohl ihre Zahl größer ist, als man vermutete, nachdem einige „Verkappte" sich jetzt als S. D. reinsten Wassers entpuppt haben. Hätten sie die Initiativmöglichkeit, so würden sie vor allem ihre eigenen Interessen vertreten. Die Kadetten werden sich mit den „Linken" kaum zu einem solchen Antrag vereinen. Die „Oktobristen" werden auch keine Eile haben, die Judenfrage zum Gegenstand der Verhandlungen zu machen. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: 1. Die Regierung wird ihre längst angekündigten „Reform"-Projekte vorlegen, und 2. die Bchtrussen werden durch eine Reihe von Interpellationen den Anlaß zu einer Behandlung der Frage wie auch zu eventuellen Beschlüssen geben. Ersteres war die Absicht des Herrn Stolypin, aber die Regierung hat keine fertigen Projekte. Das Ministerium ist nicht einig, der Unterrichtsminister ist entschieden gegen die Beschränkungen, so auch der Handelsminister; Stolypin selbst kann als Oktobrist bezeichnet werden. Dagegen ist die Gruppe Rüdiger Kokowzow et consortes ultrareaktionär. Nun kommen die Hofkreise, die das Ministerium in Schach halten. Es wird aber fortgewurstelt mit Versprechungen, mit Phrasenwarnungen gegen Pogrome, jedesmalige feierliche Zusage, daß keine Pogrome mehr sein werden usw. Dagegen steht es fest, daß die Echtrussen in der Duma mit der Judenfrage auftreten werden. Die Beschwerde, die der wildantisemitische Graf Konownizyn an den Senat gegen den Premierminister Stolypin wegen der Übertretung der Gesetze betreffs des Ansiedlungsrayons gerichtet hat, bildet, wie die „Ruskoje Znarnja" bereits verrät, den Anfang einer Reihe von Beschwerden, die von liberall kommen werden. Nun sind die Echtrussen in dieser Beziehung Meister im Fache. Sie machen die Depeschen und die Petitionen an den Zaren, sie besorgen die Sammlung der Massen- Unterschriften, sie fabrizieren Loyalitätskundgebungen usw. Nun wird es mit den Beschwerden an den Senat und natürlich auch an die Duma, die doch jetzt die tagende gesetzgebende Körperschaft Rußlands ist, losgehen. Einen Widerhall werden die Interpellationen bilden, auf die man jeden Tag gefaßt sein muß. Neue Wandlungen Es wird sich noch vieles in den Reihen der Dumaabgeordneten ändern. Der Kiewer Abgeordnete Proschtschenko, der von den Echtrussen energisch unterstützt worden ist, hat erklärt, er sei weder gegen die Konstitution noch gegen die Juden. Der schwarze Purischkewitsch beteuert, die Konstitution aufrechterhalten zu wollen, nur nicht in dem Sinne, wie er sich in einem Schreiben an die „Rjetsch" unter der Adresse des Herrn Hessen äußert, „wie es die vierzehn Millionen russischer Juden haben wollen4'. Vielleicht ist es ein Witz; es kann aber auch ernst gemeint sein. Es wird ja jetzt eine Flut von judenhetzerischen Broschüren über Rußland verbreitet, und da gibt's ähnliche statistische Daten in Hülle und Fülle. Wissenschaftlich steht ein Bericht des russischen Konsuls über die Auswanderung der Juden via Grenzstadt Alexandrowo nicht viel höher. Er berichtet über die Emigration — im Jahre 1906 173000 aus Rußland, zum allergrößten Teil Juden, — räsoniert auch über die Ursachen, aber kein Wort über die Pogrome und Pogrompanik! Gegen den russischen Grafen Konownizyn, den die Verlängerung des Aufenthalts der Juden im Innern Rußlands nicht schlafen läßt, bietet ein polnischer Graf ein interessantes Gegenstück. Es ist dies Graf Tyschkiewitsch, gewesenes Mitglied der ersten Duma. In einem Brief an Herrn Stolypin macht er verschiedene Vorschläge, wie die russischen Minister der Welt und den Juden zeigen können, daß sie liberal und philosemitisch sind. Erstens müssen die Pogrome gänzlich aufhören. Das ist nicht nur vom jüdischen, aber auch vom allgemein menschlichen Standpunkte eine große Schmach für Rußland, — schreibt der polnische Graf, — und um nicht als Judenfreund verdächtig zu werden, fügt er hinzu: es bedarf keiner besonderen Sympathie für die Juden, um dies einzusehen. Zu der eigentlichen Judenfrage übergehend, wird der Graf naiv-patriarchalisch. Er beantragt, sechs große Rabbiner nach Petersburg einzuladen, die Einladung überall bekannt zu machen und zugleich den Juden kundzutun, daß das Ergebnis der Rabbinerreise von der Aufführung der jüdischen Masse abhängig sein wird. Das läßt tief blicken. Der feine Kavalier ist selbstverständlich ein Befürworter guter Manieren. Er legt Wert darauf, daß die Rabbiner in Ehren empfangen und in die höheren Regierungsbureaus eingeführt werden sollen. Nach dem Rabbinerernpfange solle man zwei Zionisteu und vier große jüdische Kaufleute mit Herrn Leo Brodzki an der Spitze nach Petersburg einladen. Herr Tyschkiewitsch fährt fort: Diese Einladung wird Ihren guten Willen, Herr Stolypin, den Juden Zugeständnisse zu machen, klar manifestieren, ohne Sie zu irgendwelchen Taten zu verpflichten. Sie werden dadurch die Beschuldigung widerlegen, die gegen Sie wegen der passiven Gutheißung der Pogrome erhoben werden". Der gute Graf besitzt einen Humor, der an die guten Zeiten des Radziwill-Pani-Kochanku erinnert. Es ist nicht ausgeschlossen, daß noch viele ähnliche Programme auch in der Duma zum Ausdruck kommen werden. Nach unseren letzten Nachrichten haben jetzt die Schiebungen in den Parteikonstellationen begonnen. Plötzlich sind zwanzig Bauernabgeordnete aus dem Oktobristenverbande ausgetreten.' Herr Startschak, der Abgeordnete von Cherson, der als konservativ-antisemitischer Agrarier mit Hilfe der Rechten gewählt worden ist, hat nun erklärt, er sei gegen seinen Willen als konservativ bezeichnet worden, und schloß sich jetzt den Kadetten an. Es heißt auch, die Linksoktobristen seien über die reaktionäre Tendenz der Choriakowschen Eröffnungsrede entrüstet und drohten mit einem Austritt. Es wird beabsichtigt, eine volkskonstitutionelle Partei unter der Leitung der fortschrittlichen Oktobristen Antonow und Chwosclitschynski zu gründen. Anderseits heißt es, die Bauern unterscheiden sich nur in bezug auf die agrarischen Projekte von den Oktobristen. All dies befindet sich noch im chaotischen Zustande. Verhaftung von Zionisten in Rußland Wahrscheinlich hat die Sache mit dem eigentlichen Zionismus nichts zu tun, denn welcher Grund läge für eine Terrorisierung der Zionisten vor? Und was können die Späher der russischen Bureaukratie in den beschlagnahmten Dokumenten der Wilnaer und Warschauer Bureaus finden? Schekel, Nationalfondsspenden, Selbstbesteuerung, Kongreßprotokolle, Palästinaberichte, lauter Dinge, für die die russische Polizei kein Interesse haben kann. Es ist ganz überflüssig, diese Dinge zu suchen; sie gehören der Öffentlichkeit und werden jeden Tag in der Presse und in den Versammlungen besprochen. Die Gesinnungsriecherei der Gendarmerie scheint noch etwas anderes hinter der Maske des Zionismus entdecken zu wollen, aber das ist pure Phantasie. Die Zionisten haben in ihrer Eigenschaft als Nationaljuden zur Dumapolitik Stellung genommen. Auch deswegen waren Haussuchungen kaum nötig. Die Helsingforser Beschlüsse waren kein Geheimnis, und seit jener Zeit ist doch die Situation eine ganz andere geworden. Man hat sich nur in einigen wenigen Orten an der Wahlkampagne beteiligt; in Warschau befürworteten die Zionisten eine Abstinenz; - - sollte das als etwas Strafbares betrachtet werden? Es ist kaum anzunehmen, die bekannte zionistische Senatsentscheidung sei die Veranlassung zu diesen administrativen Maßregeln. Der Zionismus wurde in Rußland schon zehnmal verboten und wieder in gewissen Orten gestattet. In seinem engeren, d, h. palästinensischen Sinne dürfte doch der Zionismus unter dem Gesichtspunkte der Landesgesetze nichts anderes darstellen als die Förderung der Kolonisation Palästinas, und diese Tätigkeit ist ja gestattet. Befaßt sich der Zionismus mit kulturellen Angelegenheiten, also mit Schulen und Literatur, so kann noch weniger ein Einschreiten der Behörden dadurch provoziert werden. Man kann sich diese Fälle nur durch die herrschende Haussuchungs- und Verhaftungswut erklären. Es ist zu bedauern, daß diese Mißgriffe die normale zionistische Arbeit in Rußland stören. Die mit ihrem Martyrium prahlenden jüdischen Kämpfer im fremden Lager waren immer gewohnt, den Zionismus als unterwürfig zu schelten, weil ihm die heroische Allüre fehlt. Sie begriffen nicht, daß der Zionismus ebensowenig unterwürfig wie heroisch auf diesem Gebiete sein kann, da sein Heroismus einen ganz anderen Schauplatz hat. Aber daß Zionisten nicht wenig für ihre Überzeugung zu leiden haben und daß sie die moralische Kraft besitzen, leiden zu können, — daran wird kaum ein Vernünftiger zweifeln. Die Entwicklung Palästinas (Von unserem Berichterstatter) In einer von gegen 300 Personen besuchten Versammlung sprach am vergangenen Donnerstag in Berlin Herr Dr. Arthur Ruppin, der bekanntlich, vom A. C. und dem Direktorium des Jüdischen Nationalfonds mit bestimmten Aufträgen betraut, jüngst einige Monate in Palästina geweilt hatte, über seine Eindrücke von Land und Leuten, den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen und 9*